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Baines setzte seinen vorsichtig-abschätzenden Gesichtsausdruck auf, aber innerlich war er außerordentlich zufrieden. Als weitere Probe von Wares Fähigkeiten war der Tod Dr. Stockhausens nicht so wichtig wie der von Gouverneur Rogan, hatte aber dafür den Vorzug, in einer ganz anderen gesellschaftlichen Sphäre zu liegen. Die Vorteile für Consolidated Warfare Service lagen klar genug zutage, so daß Baines kein vorgebliches Motiv zu erfinden brauchte, das Ware möglicherweise durchschaut hätte. In diesem Falle hätte es seitens Wares sicherlich verfrühte Fragen gegeben. Und schließlich waren die Einwände, die Ware erhoben hatte, zwar unerwartet, aber doch sonst durchaus im Einklang mit all dem gewesen, was der Magier schon vorher gesagt hatte. Im Einklang übrigens auch mit allem, was Ware zu sein schien, was sein Lebensstil ausdrückte — trotz der Tatsache, daß er offensichtlich ein höchst komplexer Mensch war.

Gut. Baines mochte Intellektuelle, die konsequent waren und sich selbst auch in unüblichen Situationen treu blieben. Er wünschte, er hätte mehr davon in seiner Firma. Wenn es wirklich um alles ging, stellte sich bei dieser Sorte Menschen nämlich heraus, daß sie in irgendeiner Weise Fanatiker waren. So boten sie ihm immer dann, wenn er es am dringendsten nötig hatte, einen großen und leicht manipulierbaren Angriffspunkt. Bei Ware war dieser Punkt bisher freilich noch nicht zu sehen, aber Baines würde ihn schon noch beizeiten erkennen. Dessen war er sich gewiß.

»Mir ist es das Geld wert«, sagte Baines, nachdem er anstandshalber mit seiner Entscheidung zwei Sekunden gezögert hatte. »Ich möchte Sie aber noch daran erinnern, Herr Doktor, daß die Anwesenheit von Dr. Hess bei den nötigen Prozeduren eine meiner Bedingungen ist. Ich möchte Sie bitten, ihm zu gestatten, Ihnen bei der Arbeit zuzusehen.«

»Bitte, gerne«, sagte Dr. Ware und lächelte wieder. Diesmal fand Baines sein Lächeln beunruhigend. Es schien irgendwie falsch, ja sogar salbungsvoll, und Ware hatte sich selbst viel zu gut in der Gewalt, als daß er nicht beabsichtigt hätte, daß diese Falschheit von Baines bemerkt wurde. »Ich bin überzeugt, er wird Spaß daran haben. Sie können, wenn Sie wollen, alle zusehen. Vielleicht lade ich sogar Pater Domenico dazu ein.«

8

Am nächsten Morgen war Dr. Hess pünktlich zur Stelle, um Wares Arbeitszimmer und Instrumentarium in Augenschein zu nehmen. Ware begrüßte ihn mit einem kurzen, kollegialen Nicken und führte ihn dann zu schweren Brokatvorhängen, die hinter seinem Schreibtisch hingen. Diese teilten sich, und ein massives, mit Messing beschlagenes Tor wurde sichtbar, das offenbar aus Zypressenholz gefertigt war. Unter den Beschlägen war auch ein Klopfer mit einem Gesicht, das der Maske der Tragödie glich — nur daß die Augen katzenartige Pupillen hatten.

Hess hatte gemeint, er sei bereit, alles wahrzunehmen und durch nichts überrascht zu werden, aber dennoch erschrak er, als sich der Gesichtsausdruck der Maske auf dem Türklopfer veränderte. Das geschah, als Ware den Klopfer berührte. Die Veränderung war gering aber dennoch unbestreitbar.

Offenbar hatte Ware seine Überraschung erwartet, denn er sagte, ohne Hess auch nur anzusehen: »Es ist zwar hier drin eigentlich nichts, das zu stehlen sich lohnte, aber wenn doch irgend etwas abhanden käme, würde es mich ungeheuer viel Arbeit kosten, es zu ersetzen, gleichgültig, für wie wertlos sich die Sache auch für den Dieb erweisen würde. Auch haben wir es hier mit dem Problem der ›Verseuchung‹ zu tun: Ein einziger Griff eines Unwissenden könnte die Arbeit von Monaten zunichte machen. In dieser Hinsicht gleicht mein Arbeitsraum einem Bakteriologie-Labor. Daher der Wächter.«

»Es leuchtet ein, daß es für die Werkzeuge und Gerätschaften Ihrer Kunst keine ›Lieferfirma‹ im landläufigen Sinne gibt«, stimmte ihm Hess zu, der sich nun wieder in der Gewalt hatte.

»Da haben Sie recht. Eine solche ›Firma‹ wäre nicht einmal theoretisch denkbar. Der OPERATOR muß alles, was er benötigt, selbst anfertigen. Das ist heute nicht mehr so leicht wie im Mittelalter, als die meisten gebildeten Männer noch die erforderlichen Fähigkeiten ganz selbstverständlich besaßen.«

Das Tor schwang auf, als seien seine Flügel von innen geöffnet worden — völlig geräuschlos. Erst sah man eine tief scharlachrote Düsternis, dann aber berührte Ware einen Schalter, und mit einem kurzen Rauschen, als ströme Wasser vom Felsen, flutete Sonnenlicht in den Raum.

Sofort konnte Hess sehen, warum Ware gerade diesen Palazzo gemietet hatte und nicht irgendeinen anderen. Der Raum, in dem er nun stand, war ein ungeheures Refektorium im Sieneser Stil und mochte in alten Tagen oft bis zu dreißig Adeligen als Bankettsaal gedient haben. In ganz Positano gab es wohl kein zweites, das auch nur halb so groß gewesen wäre, obwohl der Palazzo selbst eher kleiner war als manche andere. Hoch oben unter der Decke lief eine Reihe vertikal geteilter Fenster rings um den Saal, und die Sonne schien durch zwei Reihen solcher Fenster. Flankiert waren sie von paarweisen Vorhängen aus ungemustertem rotem Samt, die von Traversstangen herabhingen. Was Hess gehört hatte, war das Gleiten der sich öffnenden Vorhänge auf diesen Stangen gewesen, als Ware den Wandschalter betätigte.

Im Hintergrund des Saales gab es ein zweites Tor, breit und gleichfalls von Vorhängen verdeckt, das, wie Hess annahm, in eine große Speisekammer oder Küche führte. Links von dieser Tür war eine mittelgroße, moderne elektrische Esse und daneben ein Amboß, auf dem ein Hammer ruhte, der aussah, als würde ihn Ware kaum heben können. Auf der anderen Seite der Esse standen mehrere mit Gradeinteilungen versehene Wannen, die offenbar als Temper- und Abschreckbäder für das glühende Metall dienten.

Zur Rechten der Tür befand sich ein chemischer Laboratoriumstisch mit schwarzer, spiegelnder Platte, in der die üblichen Abwaschbecken eingelassen waren. Auch die sonstige Einrichtung samt allen Tüllen und Hähnen für Leuchtgas, heißes und kaltes Wasser, Vakuum und Druckluft war vollständig vorhanden. Ware mußte sich offenbar alle nötigen Druck- und Unterdruckpumpen selbst eingebaut haben. An der Rückwand über dem Arbeitstisch waren Regale mit Reagenzien, rechts an der Seitenwand gab es ganze Reihen von Trockenpflöckchen. Auf einigen hingen seltsam gewundene Glasgefäße, auf anderen wieder einige Rollen Gummischlauch.

Gleichfalls an dieser Wand, aber etwas näher, stand ein Lesepult, auf dem ein mächtiges Buch in rotem Ledereinband lag. Es war mit einer goldenen Spange über den Schnitt hin verschlossen. Auf dem Buch prangte ein Symbol in getriebenem Gold, aber auf die Entfernung konnte Hess nicht ausmachen, was es darstellte. Rechts und links des Lesepultes standen große Leuchter auf dem Boden, auf denen dicke Kerzen saßen. Diese waren offenbar schon viel gebraucht worden, obwohl es rings entlang den Wänden indirekte elektrische Beleuchtungskörper gab. Auf einem kleinen Schreibtisch in der Nähe des Lesepultes stand eine elektrische Tensor-Lampe. Auf diesem Tisch lag auch ein Buch, kleiner als das rote, aber beinahe ebenso dick. Hess erkannte es sofort: das Handbuch der Chemie und Physik, siebenundvierzigste Ausgabe, das so unvermeidlich in jedes Laboratorium gehörte wie Proberöhren. Gleichfalls auf dem Schreibtisch war eine Reihe von Federkielen und Tintenfässern.

»So, und jetzt können sie etwas von dem sehen, was ich vorhin -die erforderlichen Fähigkeiten nannte«, sagte Ware. »Natürlich verstehe ich mich aufs Glasblasen hinlänglich, um mir mein chemisches Arbeitsgerät weitgehend selbst herzustellen — aber das tut so mancher andere Chemiker auch. Aber im Falle ich zum Beispiel einmal ein neues Schwert brauche« — dabei wies er auf die elektrische Esse — »so muß ich es selbst schmieden. Ich kann nicht einfach in eine Kostümleihanstalt gehen und dort eins kaufen. Auch muß ich ein wirklich gutes Schwert schmieden können. Wie ein moderner Autor einmal irgendwo geschrieben hat: Das einzige wirklich brauchbare Symbol für ein scharfes Schwert ist ein scharfes Schwert.«