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Im absoluten Mittelpunkt dieser Figur befand sich ein durch Linien unterteiltes Quadrat. Von jeder seiner Ecken entsprang ein mit Kreide gezeichnetes stilisiertes Kreuz, das durchaus nicht christlich aussah. Die Seitenlänge des Quadrats mochte etwa einen halben Meter betragen. Von den vier Kreuzen ausgehend, aber mit diesen nicht verbunden, sah man vier sechszackige Sterne, die sich dem Inneren der beiden konzentrischen Kreise näherten. Den Sternen im Osten, Westen und Süden war jeweils ein Tau eingeschrieben. Das war wahrscheinlich auch bei dem saturnwärts gerichteten Stern der Fall, aber man konnte es nicht sehen, weil das Innere dieses Sterns von etwas bedeckt war, was wie eine fette Pfütze aus glattem Katzenfell aussah.

Außerhalb der Kreise waren in den vier Windrichtungen vier Pentagramme gezeichnet, in denen, entlang den Linien des eingeschriebenen Fünfecks, die Silben TE TRA GRAM MA TON zu lesen waren. Im Mittelpunkt jedes dieser Pentagramme stand eine Kerze. Am weitesten von alldem entfernt — etwa einen halben Meter außerhalb des Kreises und einen Meter nach Norden hin — befand sich ein kleinerer Kreis, der von einem Dreieck umschlossen war. Auch dieser war innen und außen reich beschrieben. In den drei Winkeln des Dreiecks konnte Baines NI CH EL lesen.

»Tanisten«, flüsterte Ware und deutete in den Kreis, »nehmt eure Plätze ein.«

Er selbst schritt auf den langen Tisch zu, den Hess beschrieben hatte, und verschwand in der Düsterkeit, die dort herrschte. Baines ging, wie es ihm befohlen war, in den Kreis und stellte sich in den westlichen Stern. Hess folgte ihm und postierte sich im östlichen. Darauf kroch Ginsberg sehr langsam in den südlichen. Im Norden drehte sich die Fellpfütze einmal entgegen dem Uhrzeigersinn um die eigene Achse und ließ sich dann wieder mit einem beunruhigenden Seufzer nieder. Ginsberg zuckte zusammen. Mit kleiner Verspätung sah nun auch Baines hin. Wahrscheinlich war es nur eine Katze, wie es der magischen Überlieferung entsprach, aber das Biest hier sah eher wie ein fetter Dachs aus. Was immer es aber auch sein mochte, es war einfach obszön dick.

Jetzt erschien Ware wieder im Lichtkreis. Er trug ein Schwert. Er trat in den Kreis und schloß diesen wieder symbolisch mit der Spitze des Schwertes. Dann ging er zu dem Quadrat in der Mitte und legte dort das Schwert über die Zehen seiner weißen Schuhe. Dann zog er den Stab aus dem Gürtel und wickelte ihn aus der Seide. Das rote Seidengewebe legte er sich um die Schultern.

»Von nun ab«, sagte er mit ruhiger Alltagsstimme, »darf sich niemand mehr bewegen.«

Irgendwoher aus den Falten seiner Kleider brachte er einen kleinen Schmelztiegel zum Vorschein, den er neben dem liegenden Schwert zu seinen Füßen hinstellte. Sofort begannen kleine, blaue Flammen aus der Schale zu hüpfen, in die Ware nun Räucherwerk warf. Er sagte:

»Brandopfer. Brandopfer. Brandopfer.«

Die Flammen in der Räucherpfanne wurden etwas größer.

»Wir wollen nun MARCHOSIAS anrufen, einen großen Marquis der absteigenden Hierarchie«, sagte Ware im gleichen ruhigen Plauderton wie vorhin. »Ehe er fiel, gehörte er zum Orden der Beherrschungen unter den Engeln, und er hofft, nach zwölfhundert Jahren zu den Sieben Thronen zurückzukehren. Seine Tugend besteht darin, daß er wahrhaftige Antwort gibt. Steht fest, ihr alle!«

Mit einer plötzlichen Bewegung steckte Ware das Ende seines Stabes in die Flammen, die aus der Räucherpfanne züngelten. Im gleichen Augenblick hallte die Luft im Saale von einer Reihe langer, unsäglich peinvoller Schmerzenslaute wider. Über das tierische Geheul weg rief Ware mit lauter Stimme:

»Ich beschwöre dich, großer MARCHOSIAS, als den Diener des Kaisers LUZIFER und seines geliebten Sohnes LUCIFUGE ROFOCALE, unter Berufung auf die Macht, die mir der Pakt mit dir gibt, und im Namen des ADONAY, ELIOM, JEHOVAM, TAGLA, MATHON, ALMOUZIN, ARIOS, PITHONA, MAGOTS, SYLPHAE, TABOTS, SALAMANDRAE, GNOMUS, TERRAE, COELIS, GODENS AQUA und im Namen der ganzen Hierarchie höherer Wesenheiten, die dich auch gegen deinen Willen zwingen werden, venite, venite, submiritillor MARCHOSIAS!«

Der Lärm wurde lauter, und grüner Dampf begann von der Räucherpfanne aufzusteigen. Es roch, als verbrenne jemand Hirschhorn und Fischgalle. Aber sonst gab es keine Antwort. Nun war sein Gesicht weiß und grausam, als Ware den Tumult überkrächzte:

»Ich beschwöre dich, MARCHOSIAS, getreu dem Pakte, und unter den Namen, erscheine augenblicklich!« Er stieß den Stab ein zweites Mal in die Flammen. Der ganze Raum brüllte auf; aber immer noch manifestierte sich keine Erscheinung.

»Jetzt beschwöre ich dich, LUCIFUGE ROFOCALE, dem ich gebiete, als den Diener des Herrn und Kaiser der Herren, schicke mir deinen Boten MARCHOSIAS; zwinge ihn, sein Versteck zu verlassen, wo immer es auch sei, und ich warne dich —«

Wieder stieß der Stab ins Feuer, und im gleichen Augenblick erbebte der ganze Palazzo, als hätte die Erde sich unter ihm bewegt.

»Steht fest!« sagte Ware mit heiserer Stimme.

Etwas anderes sagte:

STILL, ICH BIN HIER. WAS WÜNSCHEST DU VON MIR? WARUM STÖRST DU MEINE RUHE? LASS MEINEN VATER IN FRIEDEN UND ZÜGLE DEINEN STAB.

Noch nie in seinem ganzen Leben hatte Baines so eine Stimme gehört. Sie schien in Silben aus brennender Asche zu sprechen.

»Wärst du erschienen, als ich dich zuerst beschwor, hätte ich dich weder geschlagen noch gepeinigt, noch deinen Vater angerufen«, sagte Ware. »Bedenke: Wenn du mein Gebot, das ich jetzt dir auftragen werde, ablehnst, dann stoße ich meinen Stab wieder ins Feuer.«

DENK – UND SIEH ZU, WAS GESCHIEHT!

Wieder schauderte der ganze Palazzo. Dann erhob sich aus der Mitte des Dreiecks im Nordwesten eine langsam aufschwebende Wolke gelblichen Dampfes. Sie erhob sich zur Decke, und alle — sogar Ware — mußten husten. Als sie sich ausbreitete und dünner wurde, konnte Baines sehen, wie sich unter ihr eine Gestalt bildete; aber er konnte seinen Augen kaum glauben. Es war — es war etwas wie eine Wölfin, grau und unheimlich, mit grünen glitzernden Augen. Eine kalte Welle ging von der Erscheinung aus.

Die Wolke breitete sich immer weiter aus. Die Wölfin starrte sie der Reihe nach an und breitete langsam ihre Greifenschwingen aus. Ihr Schlangenschwanz zuckte schuppig hin und her.

»Steh, beim Siegel«, sagte Ware, »steh und verwandle dich, oder ich stoße dich in den Abgrund zurück, aus dem du kamst. Ich befehle es dir!«

Die Wölfin verschwand und hinterließ im Dreieck einen etwas fülligen, bescheiden aussehenden jungen Mann, der eine dezente Krawatte und einen beinahe ebensolangen künstlichen Penis umgebunden hatte, sonst aber keine Kleider trug. »’Tschuldigen, Chef«, sagte er mit zuckersüßer Stimme, »ich mußte es wenigstens mal versuchen, nicht wahr? Was ist denn los?«

»Versuche nicht, mich zu beschwatzen, du Ausgeburt der Dummheit«, sagte Ware streng. »Verwandle dich, das gebiete ich dir. Du vergeudest die Zeit deines Vaters und auch die meine! Ändere die Form!«

Der junge Mann streckte Ware die Zunge heraus. Sie war kupfergrün. Einen Augenblick später befand sich in dem Dreieck ein etwa doppelt so alter Mann mit schwarzem Bart. Er trug einen waldgrünen, mit Hermelin verbrämten Mantel und auf dem Haupt eine glitzernde Krone. Baines Augen schmerzten, als er versuchte, sie anzusehen. Langsam begann sich im Saal der Geruch von Sandelholz auszubreiten.

»So gefällst du mir besser«, sagte Ware zu der Erscheinung. »Nun beauftrage ich dich, bei den Namen, die ich genannt habe und unter Androhung jener Martern, die du bereits kennengelernt hast, das Ebenbild und die Domäne jenes Sterblichen zu betrachten, dessen Idee und Gedankenbild sich jetzt in meiner Vorstellung befindet. Sobald ich dich entlasse, begibst du dich unverzüglich zu ihm, läßt ihn dich aber nicht wahrnehmen, sondern enthüllst ihm, so als komme dies aus seiner eigenen intellektuellen Geist-Seele, eine Vision und das Verstehen des großen und letztlichen Nichts, das hinter all jenen Zeichen steht, die er Materie und Energie nennt. Du wirst sehen, daß ihm vor der Vorahnung dieses Nichts schon die ganze Zeit graute; und du wirst bei ihm bleiben und ohne Unterlaß seine Verzweiflung so sehr steigern, bis er seine Seele um ihrer nichtigen Bemühungen willen verachten lernt und in dieser Erkenntnis das Leben seines Leibes vernichtet.«