Nur Baines und Pater Domenico blieben wach. Der Mönch war erst der Wand entlang um den ganzen Saal herumgeschlichen und hatte dabei unerwartet hinter den Vorhängen ein niedriges Fenster gefunden. Nun stand er dort, drehte ihnen allen den Rücken, hinter dem er seine Arme verschränkt hatte, und blickte hinaus in die schwarze Welt.
Baines saß am Boden. Den Rücken hatte er gegen die Wand gelehnt. Er saß in der Nähe der elektrischen Esse und hatte den Transistorempfänger ans Ohr gepreßt. Es war eine höllisch unbequeme Lage, aber er hatte durch Experimentieren festgestellt, daß im ganzen Saale hier die beste Empfangslage war — zumindest, ohne selber in einen der Kreise zu treten.
Aber selbst hier war der Empfang nicht besonders gut. Auch starke Sender wie Radio Luxemburg zeigten starkes Fading, und immer wieder hörte man das Krachen atmosphärischer Störungen. Auf diesen Lärm folgte dann gewöhnlich in einem Abstand von wenigen Sekunden bis zu ein oder zwei Minuten lauter Donnerschlag oder dumpfes Donnergrollen im Himmel draußen. Oft gab es auch in den kurzen Intervallen ungestörten Rundfunkempfanges, wie das so üblich ist, nichts als Musik und Werbung.
Die wenigen Nachrichten, die er bisher hatte empfangen können, waren enttäuschend gewesen. Ein größeres Eisenbahnunglück in Colorado; ein Frachtdampfer war während eines Schneesturmes in der Nordsee auf Grund gelaufen; in Guatemala war ein kleiner Damm geborsten, wobei eine Stadt von einer ungeheuren Schlammlawine begraben wurde; aus Korinth wurde ein Erdbeben gemeldet: es war einfach die normale tägliche Quote an Naturkatastrophen.
Darüber hinaus hatten die Chinesen eine weitere Wasserstoffbombe experimentell zur Explosion gebracht; an der israelisch-jordanischen Grenze war es zu einer Schießerei gekommen; schwarze Stammesleute hatten in Rhodesien in einem Regierungsspital Schwestern vergewaltigt und unter den Patienten ein Massaker angerichtet.
Alles war durchaus normal, und alles bewies, was jeder vernünftige Mensch ohnedies schon wußte — nämlich, daß es auf Erden keinen sicheren Ort gab, weder inner- noch außerhalb dieses Raumes, und daß es auch wahrscheinlich einen solchen nie gegeben hatte. Baines begann sich nun darüber Gedanken zu machen, ob es sich lohnte, so viele Dämonen um einen so hohen Preis an Zeit, Anstrengung und Geld loszulassen, wenn das Ergebnis dann etwa dem entsprach, was täglich im Morgenblatt stand. Es könnte natürlich auch sein, daß interessante private Ausschweifungen und Grausamkeiten verübt wurden, aber viele Zeitungen und Verlage machten damit auch in normalen Zeiten ihr Geld. Jedenfalls aber würde er bestenfalls einen winzigen Bruchteil solcher Geschehnisse über dieses dumme, kleine Radio hören.
Wahrscheinlich würde er Tage oder Wochen warten müssen, bis dann die ganze Chronik und Geschichte dieser Nacht zusammengestellt und bearbeitet war und es keinen Zweifel mehr an ihrer ganzen Schrecklichkeit geben würde. Natürlich hätte er nichts anderes erwarten sollen; schließlich enthüllt sich aus den Skizzen und Entwürfen eines Kunstwerkes ja auch nicht dessen volle Wirkung. Dennoch nistete sich in Baines ein hartnäckiges Gefühl der Enttäuschung darüber ein, daß ihm nicht die Freude und Aufregung des Künstlers gegönnt war, der sein Werk auf der Leinwand Gestalt annehmen sieht.
Gab es vielleicht etwas, das Ware in seinem Sinne unternehmen konnte? Aber nein, so gut wie sicher nicht. Es war klar, daß er das Motiv dieses Auftrages ebensogut verstanden hatte wie den Auftrag selbst. Überdies konnte es auch gefährlich sein, ihn jetzt aufzuwecken — er würde wohl alle ihm noch verbliebene Kraft für die zweite Hälfte des Experimentes brauchen, wenn dann die Dämonen der Reihe nach zurückkamen.
Ärgerlich, aber gleichzeitig auch resigniert, mußte Baines zur Kenntnis nehmen, daß er selbst hier nie der Künstler gewesen war. Er war nur der Mäzen, der Auftraggeber, der zusehen durfte, wie die Farben aufgetragen und der Karton allmählich gefüllt wurde, und der dann auch das fertige Tafelbild oder Deckenfresko besitzen konnte, der aber im Grunde nie auch nur imstande gewesen war, mit den Pinseln richtig umzugehen.
Aber — was war denn das? BBC meldete:
»Eine dritte Garnitur von Löschzügen wurde eben der Themse entlang zum großen Brand in der Tate Gallery entsendet. Beobachter aus Fachkreisen sind der Ansicht, daß keine Hoffnung mehr besteht, die in der Galerie befindliche große Sammlung von Bildern von Blake zu retten. Diese Sammlung umfaßt die meisten seiner Illustrationen zu Dantes Inferno und Purgatorio. Gleichfalls besteht auch keine Hoffnung mehr, die Turner-Sammlung zu bergen, darunter seine Aquarelle vom Brand des Parlaments. Die große Hitze und plötzliche Ausbreitung des Brandes lassen darauf schließen, daß man es hier mit Brandstiftung — vielleicht sogar mit dem Werk eines Wahnsinnigen oder Pyromanen zu tun hat.«
Baines setzte sich aufmerksam und munter auf. Obwohl seine schmerzenden Gelenke protestierten, fühlte er sich nun plötzlich wieder mit Hoffnung erfüllt.
Das war doch immerhin ein Verbrechen mit Flair und Stil, eine wahrhaft symbolische Tat, eine Schurkerei, die tieferen Sinn hatte. Ganz aufgeregt erinnerte er sich an HARBORYM, den Dämon mit dem flammentropfenden Feuerbrand. Wenn es nur etwas mehr derart phantasievolle Untaten gäbe . . .
Der Empfang wurde immer schlechter. Es war anstrengend und ermüdend, aus all dem Gekrache und Geschnatter etwas Sinn herauszufiltern. Radio Luxemburg hatte offenbar seine Sendungen eingestellt oder wurde durch irgendeine atmosphärische Störung blockiert. Er versuchte Radio Milano und stellte den Sender gerade in dem Augenblick ein, als angesagt wurde, daß nun der Reihe nach alle elf Symphonien von Gustav Mahler gesendet würden. Es war ein Wahnsinnsprojekt für jede Rundfunkstation, vor allem aber für eine italienische. Hatte sich vielleicht hier einer der Dämonen einen Scherz erlaubt? Was immer aber auch die Antwort auf diese Frage sein mochte — Radio Mailand war als Nachrichtenquelle für die nächsten vierundzwanzig Stunden unbrauchbar.
Baines suchte weiter auf der Skala herum. Er stieß auf eine ungewöhnlich große Zahl von Sendungen in Sprachen, die er entweder nicht kannte oder aber nicht erkannte, obwohl er sich in siebzehn Sprachen leidlich verständlich machen konnte und jedes Jahr drei davon fließend beherrschte — je nachdem, wie und wo es seine Geschäftsbeziehungen erforderten. Was aber da zu hören war, klang, als habe jemand auf dem Turm zu Babel eine Sendeantenne angebracht.
Es gelang ihm kurz, einen englischsprechenden Sender gut hereinzubekommen. Es war aber nur die Stimme Amerikas, die scheinheilig anklagend über die chinesischen Wasserstoffbombenversuche moralisierte. Baines hatte schon vor Monaten gewußt, daß diese Versuche bevorstanden. Dann fing das vielsprachige Murmeln und Räuspern wieder an und wurde nur gelegentlich durch ein Quieken unterbrochen, das entweder pakistanischer Jazz oder eine chinesische Oper sein konnte.
Wieder waren englische Worte zu hören: ». . . mit Cynotabs! Ja, Freunde, nur eine einzige Pille heilt alle Übel! Garantiert voll knuspriger, köstlicher Atome . .. schmatz, schmatz . . .« An die Stelle dieses Unsinns trat dann ein großer Knabenchor, der den ›Hallelujah-Chor‹ sang, doch klang der Text plötzlich wie »Bison, Bison! Rattus, Rattus! Cardinalis, Cardinalis!« Dann kam wieder — wunderbarerweise völlig ohne atmosphärische Störungen — irgendein unverständliches Gequake und dann etwas, das hart an der Grenze der Verständlichkeit lag.
Der Saal stank abscheulich nach einer überraschenden Mischung von Düften: Kognak, Kampfer, Holzkohle, Verbene, Schießpulver, Fleisch, Schweiß, Räucherwerk, Wachskerzen, Dochte, Moschus und versengtes Haar. Baines hatte einen dumpfen Schmerz im Kopf; es war, als wollte man im Rachen eines Aasgeiers atmen. Er sehnte sich danach, einen langen Zug aus der Branntweinflasche zu machen, die er unter seiner verschmuddelten Alba hatte,’ aber er wußte nicht, wieviel des noch vorhandenen Alkohols Ware zur Beendigung seiner Beschwörung brauchen würde.