Liam wirbelte herum und schrie: »Lauft!«
Sie hasteten aus dem Zimmer. Die Tür am Ende des Korridors wurde aufgerissen, und Hume taumelte heraus, das Gesicht blutüberströmt. Der Gärtner stürzte zu Boden, als ihn ein Geschöpf ansprang, ein Wesen wie aus einem Albtraum. Ledrige Haut spannte sich über Gebeine und Rippenbögen. Unter dem verwesenden Fleisch schimmerten Knochen auf. In dem Schädel, von dem dünne Haare abstanden, glühten zwei tierhafte Augen. Es schlug seine Fangzähne in Humes Nacken und riss einen Fetzen Fleisch heraus.
Liam war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Wie angewurzelt stand er da und starrte das Geschöpf an. »Liam, komm!«, schrie Vivana und zog ihn am Arm. Bevor er losrannte, sah er noch, wie die Fensterscheibe in seinem Zimmer zersplitterte und ein Ghul auf dem Bett landete, das Maul zu einem Fauchen geöffnet. Weitere Untote sprangen auf den Fenstersims und drängten in die Kammer.
Liam folgte Vivana und den anderen durch den Gemeinschaftsraum und weiter zur Küche. Er wagte nicht zurückzublicken, zu entsetzlich waren die Laute, die aus den Gesindeunterkünften drangen: Fauchen, krächzende, unmenschliche Stimmen, Schreie voller Grauen und Schmerz. Offenbar hatten die Ghule die Bediensteten in ihren Betten überrascht und fielen über sie her. Liam wünschte, er könnte ihnen helfen, und wusste doch, dass er gegen den Ansturm der untoten Kreaturen machtlos war. Er hatte keine andere Wahl, als zu laufen, so schnell er konnte.
Warum?, fragte er sich voller Entsetzen. Warum greifen die Ghule den Palast an? Das ergibt doch keinen Sinn!
Jackon riss eine Tür auf, und sie rannten in die Eingangshalle. Auch dort tobte das Chaos. Die Spiegelmänner hatten das Portal verrammelt und kämpften gegen Untote, die durch die zerstörten Fenster zu klettern versuchten. Einem Ghul gelang es, in die Halle einzudringen, indem er über die Verteidiger hinwegsprang. Ein Spiegelmann streckte ihn augenblicklich nieder, doch schon im nächsten Moment musste sich der Maskierte zweier neuer Angreifer erwehren. Als ein Blitz die Nacht erhellte, erhaschte Liam einen Blick auf die Gestalten vor dem Gebäude. Es waren zu viele. Lange würden die Spiegelmänner dieser Übermacht nicht standhalten.
Sie liefen zum rückwärtigen Teil der Halle, wo sie sich hinter einem Stützpfeiler verbargen.
»Was machen wir jetzt?«, stieß Liam hervor.
»Wir müssen ihn von hier fortbringen«, sagte Lucien und meinte offensichtlich Jackon. »Wenn er im Palast bleibt, wird Aziel ihn früher oder später finden.«
Liam starrte seinen Freund an. »Heißt das, all das geschieht deinetwegen? Die Ghule jagen dich?«
»Ja«, antwortete der Rothaarige verzweifelt.
»Weswegen? Und wer ist Aziel?«
»Nicht jetzt«, sagte Lucien barsch, als Jackon zu einer Erklärung ansetzte. »Wir brauchen Licht. Lampen. Irgendetwas, mit dem wir die Ghule blenden können. Vielleicht gelingt es uns, sie abzulenken und aus dem Palast zu fliehen.«
»Im Lagerraum neben der Küche werden Laternen aufbewahrt«, erwiderte Liam.
Vivana, die sich an ihn presste, beobachtete die Tür zum Gesindeflügel. »Dort ist inzwischen alles voller Ghule. Ich habe gehört, wie sie uns gefolgt sind.«
»Dann müssen wir hinunter in den Keller. Unter der Treppe stehen ein paar Karbidlampen.«
»Nein, nicht in den Keller«, sagte Lucien. »Aziel und seine Leute sind dort. Vermutlich sind sie durch die Katakomben eingedrungen.«
»Wieso zeigt er sich nicht?«, fragte Jackon voller Angst.
»Ich nehme an, er wartet, bis die Ghule alles verwüstet haben, damit er leichtes Spiel mit uns hat.«
Gerade als Liam abermals fragen wollte, wer Aziel sei, tauchten die Ghule aus dem Gesindetrakt auf. Kreischend strömten sie aus dem Korridor und stürzten sich auf die Spiegelmänner. Sekunden später waren die Maskierten umzingelt, und für jeden Untoten, den sie erschlugen, rückten zwei weitere nach. Krallen zerfetzten Kutten, schlitzen Bäuche auf und rissen Spiegelmasken herunter, unter denen augenlose Homunculi-Gesichter zum Vorschein kamen. Liam sah Spiegelmänner, die trotz schrecklicher Wunden weiterkämpften, als hätten sie nur eine Schramme erlitten. Sie schienen um ein Vielfaches kräftiger und widerstandsfähiger als gewöhnliche Menschen zu sein. Trotzdem war es nur eine Frage von Minuten, bis die untote Horde sie überwältigt haben würde.
»Weg hier!«, schrie Lucien.
Panisch schaute Liam sich um. Wohin er auch blickte, wimmelte es von Ghulen. »Wohin?«
»Egal. Nach oben. Zum Dach.«
Sie hasteten zur Galerietreppe. Liam, der als Letzter der vier hinter dem Pfosten hervorkam, hörte plötzlich ein Fauchen. Verwesungsgestank schlug ihm entgegen. Er taumelte zurück, sodass die Klaue des Ghuls haarscharf sein Gesicht verfehlte. Keuchend vor Entsetzen fiel Liam auf den Rücken, der Untote landete mit einem Sprung auf ihm und packte ihn am Kragen. Geifer tropfte von seinen Fangzähnen.
Ein Schuss donnerte. Der Kopf der Kreatur platzte, und sie fiel nach hinten um.
Liam rollte sich herum. Licht flammte auf, und er kniff geblendet die Augen zusammen. Eine schemenhafte Gestalt stand inmitten der gleißenden Helligkeit.
Jackon wirbelte herum, als er den Schuss hörte. Zu seinem Entsetzen sah er Liam auf dem Boden liegen. War sein Freund verletzt? Tot? Er stürzte zu ihm, doch das Mädchen kam ihm zuvor und half Liam aufzustehen.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie.
»Ja«, antwortete Liam, immer noch bleich vor Angst, »nichts passiert.«
Die Gestalt mit der Laterne kam auf sie zugelaufen. Jackon sah, dass es sich um Umbra handelte. Sie hielt eine Pistole.
»Dem Himmel sei Dank«, sagte sie. »Ich dachte schon, diese Biester hätten dich erwischt.«
»Aziel steckt dahinter«, stieß Jackon hervor. »Er hat mich gefunden.«
»Ich weiß. Komm in den Kuppelsaal. Dort seid ihr sicher.«
Lucien trat in den Lichtkreis. »Nicht in den Kuppelsaal«, sagte er. »Dort sitzt er in der Falle. Er muss den Palast so schnell wie möglich verlassen.«
Umbra blickte den Weißhaarigen wenig freundlich an. »Was hast du hier zu suchen?«
»Ich habe den Jungen gewarnt«, antwortete Lucien kühl. »Ohne mich wäre er bereits tot.«
»Lüg mich nicht an. Du steckst doch mit Aziel unter einer Decke.«
»Er sagt die Wahrheit«, mischte Jackon sich ein. »Jetzt lass uns gehen, Umbra, bitte!«
Lucien blickte ihn beschwörend an. »Du machst einen Fehler. Die Tür des Kuppelsaals widersteht vielleicht den Ghulen, aber nicht Aziel und seinen Leuten. Seth ist bei ihm, und Whisper und Fay, alles Geschöpfe von großer Macht...« Er fuhr herum, als ein Ghul auf sie zugerannt kam. Umbra legte mit der Pistole an und schoss ihn nieder.
»Der Junge kommt mit mir«, sagte sie barsch. »Wenn es dir nicht passt, kannst du ja hierbleiben.«
Sie packte Jackon am Arm, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als ihr zu folgen.
Sie rannten den Korridor entlang, erst Umbra und Jackon, dann Lucien, Liam und das Mädchen. Jemand war so klug gewesen, im Kuppelsaal sämtliche Lampen aufzudrehen, sodass ein vielfarbiges Glühen den runden Raum erfüllte. Regen prasselte auf die Glaskuppel. Anderthalb Dutzend Spiegelmänner hatten sich hinter dem Portal versammelt, ihre Rabenschnäbel in den Händen. Außerdem waren Corvas und Amander anwesend.
Umbra wartete, bis Liam und das Mädchen durch die Tür geschlüpft waren, bevor sie das Portal schloss und verriegelte.
»Du bleibst hier«, sagte sie. »Amander und Corvas werden dafür sorgen, dass dir nichts geschieht.«
»Wohin gehst du?«, fragte Jackon, als Umbra sich abwandte.
»Zur Herrin. Ich muss sie schützen, falls die Ghule durchbrechen.«