Der Offizier salutierte. »Kommandantin Cavilo, Madame.«
»Sehr gut, Leutnant.« Als ihr Blick auf Miles fiel, weiteten sich ihre blauen Augen in echter Überraschung, die aber sofort verborgen wurde.
»Warum, Victor, Liebling«, ihre Stimme wurde zuckersüß mit übertriebenem Vergnügen und Entzücken, »phantastisch, dich hier zu treffen. Verkaufst du immer noch Wunderanzüge an die Unwissenden?«
Miles breitete seine leeren Hände aus. »Das ist mein gesamtes Gepäck, Madame. Sie hätten kaufen sollen, als Sie noch konnten.«
»Ich wundere mich.« Ihr Lächeln war verkniffen und abwägend. Das Funkeln in ihren Augen beunruhigte Miles. Gregor schwieg und blickte völlig verwirrt drein.
Also, Ihr Name war nicht Livia Nu, und Sie waren keine Beschaffungsagentin. Warum, zum Teufel, traf sich also die Kommandantin der Söldnerstreitmacht von Vervain inkognito auf der Station von Pol mit einem Repräsentanten des mächtigsten Hauses des jacksonischen Konsortiums? Das war kein bloßes Waffengeschäft, Liebling.
Cavilo/Livia Nu hob ihren Armbandkommunikator an die Lippen.
»Krankenstation, Kurins Hand. Hier Cavilo. Ich schicke euch zwei Gefangene zum Verhör. Vielleicht komme ich selbst dazu.« Sie schaltete ab.
Der Frachterkapitän trat vor, halb ängstlich, halb kämpferisch. »Meine Frau und mein Sohn. Beweisen Sie mir jetzt, daß sie sicher sind.«
Sie musterte ihn wohlüberlegt. »Sie können vielleicht noch eine Fahrt machen. In Ordnung.« Sie machte einem Soldaten ein Zeichen.
»Nehmen Sie diesen Mann zum Schiffsgefängnis der Kurin und lassen Sie ihn einen Blick auf die Monitore werfen. Dann bringen Sie ihn zu mir zurück. Sie sind ein Verräter, der Glück hat, Kapitän. Ich habe noch eine Aufgabe für Sie, mit der Sie ihnen …«
»Ihre Freiheit erkaufen kann?«, fragte der Frachterkapitän.
Sie runzelte ein wenig die Stirn bei dieser Unterbrechung. »Warum sollte ich Ihren Lohn in die Höhe treiben? Eine weitere Woche Leben.«
Er ging im Gefolge des Soldaten weg, die Fäuste ärgerlich geballt, die Zähne klugerweise zusammengebissen.
Was, zum Teufel, war jetzt das? dachte Miles. Er wußte nicht viel über Vervain, aber er war sich ziemlich sicher, daß nicht einmal das vervanische Kriegsrecht es vorsah, daß unschuldige Verwandte als Geiseln festgehalten werden konnten, um noch nicht verurteilte Verräter zu gutem Benehmen zu zwingen.
Als der Frachterkapitän gegangen war, schaltete Cavilo wieder ihren Kommunikator ein. »Sicherheitsdienst, Kurins Hand? Ja, gut. Ich sende euch meinen Lieblingsdoppelagenten. Laßt zu seiner Motivation noch mal die Aufnahme ablaufen, die wir letzte Woche von Zelle Sechs gemacht haben. Laßt ihn nicht wissen, daß es nicht live ist … in Ordnung. Cavilo Ende.«
War also die Familie des Mannes frei? Schon tot? Wurde sie woanders festgehalten? In was gerieten sie hier hinein?
Neue Stiefelschritte kamen um die Ecke, schwere, soldatische Tritte.
Cavilo lächelte säuerlich, verwandelte jedoch den Ausdruck in etwas Reizenderes, als sie sich umdrehte, um den Neuankömmling zu begrüßen.
»Stanis, Liebling. Schau, was wir diesmal eingefangen haben. Das ist der kleine betanische Renegat, der auf der Station von Pol gestohlene Waffen handeln wollte. Es scheint, daß er überhaupt kein Unabhängiger ist.«
Die gelbbraun-schwarze Uniform wirkte auch an General Metzov einfach gut, bemerkte Miles verrückterweise. Jetzt wäre es ein wunderbarer Zeitpunkt, die Augen zu verdrehen und ohnmächtig zu werden, wenn er diesen Trick nur beherrschte.
General Metzov stand gleicherweise wie angenagelt, in seinen eisengrauen Augen flammte plötzlich eine unheilige Freude auf. »Das ist kein Betaner, Cavie.«
KAPITEL 12
»Er ist ein Barrayaraner. Und nicht einfach irgendein Barrayaraner. Wir müssen ihn schleunigst von hier wegschaffen, damit ihn niemand sieht«, fuhr Metzov fort.
»Wer hat ihn denn dann geschickt?« Cavilo starrte wieder auf Miles und schürzte mißtrauisch die Lippen.
»Gott«, erklärte Metzov leidenschaftlich, »Gott hat ihn meinen Händen ausgeliefert.« Mit seiner Fröhlichkeit bot Metzov einen ungewöhnlichen und alarmierenden Anblick. Sogar Cavilo hob die Augenbrauen.
Metzov warf zum erstenmal einen Blick auf Gregor. »Wir werden ihn mitnehmen und auch seinen — Leibwächter, nehme ich an …« Er hielt inne.
Die Bilder auf den Marknoten sahen Gregor nicht sehr ähnlich, da sie schon einige Jahre alt waren, aber der Kaiser war in zahlreichen Vidsendungen erschienen — natürlich nicht so gekleidet wie jetzt …
Miles konnte fast sehen, wie Metzov dachte: Das Gesicht kenne ich, ich komme jetzt nur nicht auf seinen Namen … Vielleicht würde er Gregor nicht erkennen. Vielleicht würde er es nicht glauben.
Gregor, der sich zu einer würdigen Haltung aufgerichtet hatte, die sein Entsetzen verbarg, sprach zum erstenmaclass="underline" »Ist das noch einer von deinen alten Freunden, Miles?«
Es war die gemessene, kultivierte Stimme, die die Verbindung herstellte. Metzovs Gesicht, zuerst rot vor Aufregung, wurde plötzlich bleich. Er schaute sich unwillkürlich um — nach Illyan, vermutete Miles.
»Hm, das ist General Stanis Metzov«, erklärte Miles.
»Der Metzov von der Insel Kyril?«
»Ja.«
»Oh.« Gregor behielt seine verschlossene Zurückhaltung bei, blieb nahezu ausdruckslos.
»Wo ist Ihr Sicherheitsteam, Sir?«, wollte Metzov von Gregor wissen, und seine Stimme war rauh vor uneingestandener Furcht.
Sie schauen direkt darauf, dachte Miles traurig.
»Nicht weit hinter mir, denke ich mir«, versuchte es Gregor kühl. »Lassen Sie uns unseres Weges gehen, und man wird Sie nicht behelligen.«
»Wer ist der Kerl?« Cavilo klopfte ungeduldig mit einem Stiefel auf den Boden.
»Was«, Miles konnte nicht anders, als Metzov zu fragen, »was tun Sie hier?«
Metzov wurde grimmig: »Wie soll ein Mann meines Alters leben, wenn man ihm seine Kaiserliche Pension — die Ersparnisse seines Lebens — weggenommen hat? Hatten Sie gehofft, ich würde mich hinsetzen und ruhig verhungern? Nicht mit mir.«
Es war nicht opportun gewesen, Metzov an seinen Groll zu erinnern, erkannte Miles.
»Es … sieht aus, als hätten Sie sich gegenüber der Insel Kyril verbessert«, deutete Miles hoffnungsvoll an. Er kam aus dem Staunen nicht heraus. Metzov sollte unter einer Frau arbeiten? Die interne Dynamik dieser Befehlskette mußte faszinierend sein. Stanis Liebling?
Miles’ Worte schienen Metzov nicht zu amüsieren.
»Wer sind die beiden?« fragte Cavilo noch einmal.
»Macht. Geld. Strategischer Einfluß. Mehr als du dir vorstellen kannst«, antwortete Metzov.
»Schwierigkeiten«, warf Miles ein. »Mehr als Sie sich vorstellen können.«
»Du bist ein eigener Fall, Mutant«, sagte Metzov.
»Ich erlaube mir, anderer Meinung zu sein, General«, sagte Gregor in seiner besten kaiserlichen Sprechweise. Er suchte nach sicherem Boden in diesem dahintreibenden Wortwechsel, verbarg allerdings seine Verwirrung gut.
»Wir müssen sie sofort auf die Kurins Hand bringen. Außer Sichtweite«, sagte Metzov zu Cavilo. Er blickte schnell auf das Verhaftungskommando. »Außer Hörweite. Wir werden damit intern weitermachen.«
Von der Patrouille eskortiert, marschierten sie los. Miles fühlte Metzovs Blick in seinem Rücken wie eine Messerklinge, stechend und sondierend. Sie gingen durch verschiedene menschenleere Andockbuchten, bis sie zu einer größeren kamen, wo die Wartung eines Schiffes im Gange war. Des Kommandoschiffes, nach der Anzahl und der Förmlichkeit der diensttuenden Wachen zu schließen.
»Bringt sie in die Sanitätsabteilung zum Verhör«, befahl Cavilo dem Kommando, als der wachhabende Offizier sie an einer Personalluke einließ.