In der Hoffnung, daß ein Blick auf eine andere Lebensmethodik Stashs kämpferischen Eifer besänftigen könnte, erklärte ihm Michael, dieses Buch sei in hebräisch gedruckt, und deshalb müsse man es küssen, wenn es zu Boden gefallen sei. Das war ein Fehler. Stash erkannte sofort die Möglichkeit nicht enden wollender Belustigung, die darin bestand, das Buch immer wieder hinunterzuwerfen, so daß Michael sich immer wieder bücken und es küssen mußte. Als Michaels Hand sich zur Faust schloß, riß ihm Stash den Arm nach hinten und verdrehte ihn, bis Michael schrie.
»Sag: Ich bin ein dreckiger Jud.«
Michael schwieg, bis er glaubte, sein Arm müsse brechen, und dann sagte er es. Er sagte, daß die Juden Scheiße fressen, daß die Juden unseren Erlöser umgebracht haben, daß Juden sich Stückchen vom Schwanz abschneiden und sie am Samstagabend als Stew essen.
Um das Maß voll zu machen, riß Stash die erste Seite aus dem Abc-Buch und knüllte sie zu einem Ball zusammen. Als Michael sich bückte, um das zerknitterte Papier aufzuheben, trat ihn Stash mit solcher Kraft in den Hintern, daß er noch beim Davonlaufen vor Schmerz wimmerte. Nachts, allein in seinem Schlafzimmer, glättete er die Seite, so gut er konnte, und klebte sie wieder in das Buch.
In den folgenden Tagen wurde die Inquisition in Queens zur ständigen Einführung. Stash beachtete Michael in der Schule kaum, und Michael durfte so laut wie alle andern lachen, wenn der ältere junge eine Aufgabe völlig verpatzte. Aber mit dem letzten Glockenzeichen stürzte Michael davon, um noch vor Stash durch das polnische Viertel zu kommen. Und auf dem Heimweg von der Hebräischen Schule versuchte er es mit allen möglichen Umgehungen, um seinem Peiniger auszuweichen. Doch wenn Stash ihn ein paar Tage lang nicht erwischt hatte, erweiterte er seinen Aktionsradius um ein oder zwei Gassen und wechselte seine Positionen so lange, bis Michael schließlich doch in die Falle ging.
Dann entschädigte sich Stash jedesmal mit einer kleinen zusätzlichen Quälerei für den Spaß, den ihm Michael durch seine Ausweichtaktik vorenthalten hatte.
Aber Stash war nicht Michaels einzige Sorge. Die Hebräische Schule erwies sich bald als ein Ort, an dem es strenge Disziplin und keinen Spaß gab. Die Lehrer waren Laien, die man ehrenhalber mit Reb ansprach; mit diesem Titel verband sich ein Status, der etwa in der Mitte zwischen dem des Rabbi und dem des Schuldieners lag. Der Reb, der Michaels Klasse unterrichtete, war ein magerer junger Mann mit Brille und braunem Bart. Er hieß Hyman Horowitz, aber niemand nannte ihn anders als Reb Chaim. Das gutturale ch seines jiddischen Vornamens faszinierte Michael, und er ernannte ihn im stillen zu Chaim Chorowitz dem Jagdchund, weil er meist mit geschlossenen Augen zurückgelehnt in seinem Sessel hinter dem Katheder saß, während seine Finger unaufhörlich den buschigen Bart durchliefen wie flinke Chunde auf der Jagd nach Chasen oder wilden Chühnern. Seine Klasse bestand aus zwanzig Jungen.
Michael, als der Neue, bekam den Platz direkt vor Reb Chaim, und er merkte bald, daß dies der schlechteste Platz war. Nie blieb ein Schüler lange dort sitzen, wenn er nicht dumm oder ein Erzschlingel war. Es war der einzige Platz, den Reb Chaim mit seinem Rohrstock erreichen konnte. Schlank, biegsam und gertenähnlich lag er vor dem Lehrer auf dem Katheder. Bei jedem Verstoß gegen das gesittete Betragen - ob es sich um Schwätzen oder schlechte Lernleistung handelte - pfiff das Rohr durch die Luft und landete präzis auf der Schulter des Unbotmäßigen.
Unterwäsche, Hemd und Pullover konnten den Schlag nicht zur Gänze abfangen: das Rohr war die bösartigste Waffe, die den Schülern je begegnet war, und sie betrachteten es mit berechtigter Furcht. Chaim der Jagdchund gab Michael eine Kostprobe seines Rohrstocks, als der Knabe gegen Ende der ersten Schulstunde in dem schäbigen Klassenzimmer umherblickte, statt alle Aufmerksamkeit an seine Studien zu wenden. Eben noch hatte sich der Lehrer in seinem Sessel zurückgelehnt, offensichtlich im Begriff, einzuschlummern, während seine Finger wie flinke Chunde den Bart durchliefen. Im nächsten Augenblick durchschnitt ein Pfeifen die Stille, wie der auf einen Sekundenbruchteil zusammen-gepreßte Ton einer fallenden Bombe. Der Lehrer hatte nicht einmal die Augen geöffnet, aber der Rohrstock traf Michael genau auf die linke Schulter. Der war zu überwältigt von Bewunderung für die Geschicklichkeit des Reb, als daß er geweint hätte, und das leise Glucksen von unterdrücktem Gelächter, das seine Mitschüler schüttelte, nahm der Strafe einiges vom Charakter einer individuellen Tragödie.
Der Schlag war nur die übliche Eröffnungsprozedur gewesen, und Michael war damit nicht unter die schwarzen Schafe eingereiht worden. Das geschah erst an seinem fünften Tag in der Hebräischen Schule. Reb Chaim hatte seine Schüler außer in Hebräisch auch in Religion zu unterweisen, und er war soeben ans Ende der Geschichte von Moses und dem brennenden Dornbusch gekommen. Ernsthaft teilte er ihnen mit, daß Gott allmächtig sei.
Ein faszinierender Gedanke hatte von Michael Besitz ergriffen. Ehe er noch wußte, was er tat, hatte er schon die Hand gehoben.
»Meinen Sie damit, daß Gott überhaupt alles tun kann?« Reb Chaim sah ihn ungeduldig an. »Alles«, sagte er.
»Kann Er einen riesengroßen Felsen machen? Einen, der so schwer ist, daß eine Million Menschen ihn nicht bewegen kann?«
»Natürlich kann Er das.«
»Und kann Er ihn bewegen?« »Natürlich.«
Michael wurde aufgeregt: »Kann Er auch einen Felsen machen, der so schwer ist, daß sogar Er ihn nicht bewegen kann?«
Reb Chaim strahlte vor Glück darüber, daß er seinen neuen Schüler zu so eifrigem Bemühen angeregt hatte. Er sagte: »Natürlich kann Er das, wenn es Sein Wille ist.«
Michael schrie vor Erregung: »Aber wenn Er den Felsen selbst nicht bewegen kann, dann kann Er nicht alles tun! Also ist Er nicht allmächtig! «
Reb Chaim öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Sein Gesicht lief rot an, als er Michaels triumphierendes Grinsen sah. Der Rohrstock zischte auf beide Schultern des Knaben, ein Schauer von Schlägen, für die Zuschauer wahrscheinlich so aufregend wie ein Tennismatch, aber äußerst schmerzvoll für den Empfänger. Diesmal weinte Michael, aber nichtsdestoweniger war er zum Helden der Klasse und zum öffentlichen Ärgernis Nummer eins für seinen Hebräischlehrer geworden.
Michael war in einer fürchterlichen Situation. Zwischen Stash und Reb Chaim war sein Leben zu einem einzigen Alptraum geworden.
Er versuchte zu entkommen. Nachmittags, wenn er aus der Public School 467 kam, ging er vier Straßen weiter in eine Kegelbahn, saß dort drei Stunden lang auf einer Holzbank und sah den Spielern zu.
Dort ließ es sich ganz gut warten. Michael betrieb das vier Tage lang, und jedesmal, wenn er dort hinter der Kegelbahn saß, spielte ein fettes Weib mit riesigen Brüsten und breiten Hüften. Sie hob die schwere Kugel wie einen leichten Ball, und wenn sie geziert auf Zehenspitzen vorwärts schritt, zitterte und bebte alles an ihr, so daß Michael denken mußte, wie gut es doch für sie wäre, einige der Produkte seines Vaters zu tragen. Sie kaute dauernd und mit ausdruckslosem Gesicht an ihrem Kaugummi, nur wenn sie einen Wurf getan hatte und die Kugel donnernd durch die Bahn rollte, hörte sie damit auf, bis die Kegel gefallen waren. Dabei stand sie meistens auf einem Bein, hatte den Mund offen und sah aus wie eine Statue, die ein verrückter Bildhauer aus zu viel Ton geformt hatte. Es war interessant und lehrreich, sie zu beobachten, aber allmählich verließ ihn der Mut und außerdem verursachte ihr Körpergeruch ihm Übelkeit, wenn sie sich vor ihm auf die Bank setzte. Am fünften Tag ging er wieder in die Hebräische Schule, ausgerüstet mit einer gefälschten Entschuldigung von seiner Mutter, die besagte, er habe eine Magenverstimmung gehabt; die Symptome waren ihm bekannt, weil seine Schwester Ruthie jahraus, jahrein damit zu schaffen hatte.
Der dauernde Druck blieb nicht ohne Wirkung. Michael wurde in zunehmendem Maß gespannt und nervös, und er verlor an Gewicht.