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Sie verscheuchte den Gedanken an Verrat. Das war absurd. »Ich würde mich gerne draußen umsehen«, sagte sie. »Natürlich nur, wenn ihr nichts dagegen habt.«

Da sie wusste, dass Saila und ihre Mutter sie nicht verstehen konnten, begleitete sie ihre Worte mit erklärenden Gesten, aber entweder missverstanden die beiden Frauen sie völlig, oder ihr Ansinnen war nicht ganz so harmlos, wie es ihr erschien. Zwischen Saila und ihrer Mutter entbrannte jedenfalls ein kurzer Disput, den die ältere Frau schließlich mit einer energischen Handbewegung beendete. Sie schien nicht begeistert von Robins Idee zu sein, das Zelt zu verlassen.

Robin dachte jedoch nicht daran, sich wie eine Gefangene behandeln zu lassen. »Ich laufe bestimmt nicht weg. Ich möchte nur wissen, wo ich bin und was aus den anderen geworden ist. Ich war nicht allein auf dem Schiff. Habt ihr noch andere wie mich dort draußen im Meer gefunden?«

Sie versuchte, ihre Frage mit entsprechenden Gebärden zu verdeutlichen, aber diesmal erntete sie nur einen verständnislosen Blick. Nach einem Moment gab sie es auf, erhob sich und machte einen Schritt in Richtung Ausgang.

Sie war nicht überrascht, als Saila sie am Gewand festhielt und heftig den Kopf schüttelte.

»Bitte, Saila«, sagte Robin. Sie zögerte einen Moment, denn sie fürchtete, eine Grenze zu überschreiten, aber dann fasste sie nach Sailas Hand und löste sich aus ihrem Griff.

»Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte sie. »Ich will nicht weglaufen oder so etwas.«

Saila zögerte. Sie sah so erschrocken aus, dass sich Robin einen Moment lang fragte, ob sie möglicherweise nicht besser beraten war, auf die Araberin zu hören. Aber dann verscheuchte sie diesen Gedanken und machte einen weiteren Schritt in Richtung des Zelteingangs.

Sie kam auch diesmal nicht bis zur Plane. Sailas Mutter war unerwartet behände aufgestanden und trat ihr in den Weg. Sie begann laut, fast schon schreiend, auf Robin einzureden und gestikulierte dabei heftig mit beiden Händen. Offensichtlich würde sie den Weg nicht freigeben, es sei denn, Robin wandte Gewalt an.

Doch so weit würde Robin nicht gehen. Und es war auch nicht nötig. Auch Saila erhob sich nun, trat mit einem raschen Schritt zwischen sie und die alte Frau. Mit ruhigen Worten besänftigte sie ihre Mutter, bevor sie sich wieder zu Robin umdrehte. Robin verstand jetzt so wenig wie zuvor, aber ihr besorgter, fast schon beschwörender Tonfall war deutlich genug. Ohne Robins Antwort abzuwarten, streifte sie ihr ein Tuch in der Farbe ihres Gewandes über Kopf und Schultern. Dann zog sie einen Zipfel des Tuchs hoch, sodass er Mund und Nase bedeckte, und steckte ihn seitlich am Kopftuch fest.

Unwillkürlich hob Robin die Hand, um den störenden Schleier vor dem Gesicht wegzureißen. Doch dann verharrte sie mitten in der Bewegung. Saila und ihre Mutter waren beim Hereinkommen verschleiert gewesen und sie wusste von Salim, dass die Frauen in diesem Teil der Welt oftmals ihre Gesichter verhüllten. Bis jetzt hatte sie sich niemals vorzustellen versucht, wie es wäre, einen Schleier zu tragen. Irgendwie fand sie es entwürdigend, ihr Antlitz vor dem Licht der Sonne zu verbergen. Doch was hätte sie in diesem Moment auch anderes tun können? Schließlich wusste sie weder etwas über diese Menschen und ihre Sitten und Gebräuche, noch hatte sie hier irgendetwas zu fordern.

Sie ließ die Hand wieder sinken und bedeutete Saila mit einem Nicken, dass sie bereit war. Saila befestigte mit einer geübten Bewegung ihren eigenen Schleier vor dem Gesicht, dann drehte sie sich um und schlug die Zeltplane vor dem Eingang zurück. Sailas Mutter ließ ihr Gesicht unbedeckt, aber sie machte auch keine Bewegung, um das Zelt zu verlassen, sondern sah Robin nur missbilligend an. Ein seltsames Gefühl beschlich Robin, als sie Saila folgte.

Es dauerte diesmal nur einen Moment, bis sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten. Die Sonne war weiter gewandert und blendete sie nicht mehr so sehr wie zuvor, außerdem dämpfte der Schleier das Licht.

Rasch trat sie aus dem Zelt hinaus und wandte sich nach links, der dem Meer abgewandten Seite zu, um sich das Dorf eingehend anzusehen.

Sie hatte bisher angenommen, sich in einem Zeltlager zu befinden, am Rande eines Dorfes. Doch das war ein Irrtum. Vielleicht lag es daran, dass Salim ihr so viel von den Zeltlagern - den wandernden Städten der Beduinen - erzählt hatte. Tatsächlich gab es hier nur eine Hand voll Zelte. Sie standen vereinzelt hinter den wenigen Häusern, die auf einem steinigen Abhang dicht am Meer gebaut waren. Die Häuser hatten flache Dächer und waren aus hellem Stein gebaut, der so verwittert wirkte, als hätten diese Fischerhütten schon ungezählte Jahrhunderte vorüberziehen sehen. Unten am Strand lag ein großes, bunt gestrichenes Boot, das halb mit einem schmutzigen Segeltuch zugedeckt war. Selbst auf die Entfernung konnte Robin ein großes Auge erkennen, das vorne auf den Bug des Bootes gemalt war und es wie ein gestrandetes Seeungeheuer aussehen ließ.

Wenn sie sich nach Westen drehte, blickte sie jenseits des Hügelkamms in die grauen Rücken mächtiger Berge. Das verwirrte sie auf äußerste, denn mit dem Bild, das Salim mit seinen blumenreichen Erzählungen von diesen Gefilden gemalt hatte, hatte das alles erschreckend wenig zu tun. Er hatte von paradiesischen Gärten an Oasen und Flussläufen geschwärmt und von glutheißen Wüsten erzählt, die den größten Teil des Landes ausmachten. Hier gab es weder Wüsten noch Gärten.

Hinter Robin wurde eine aufgeregte Stimme laut. Sie wandte sich um und sah denselben Mann wie vorhin auf sich zukommen, auch jetzt aufgeregt mit den Armen fuchtelnd und augenscheinlich noch wütender als zuvor. Robin streckte kampflustig das Kinn vor und setzte einen möglichst grimmigen Gesichtsausdruck auf, ehe ihr klar wurde, dass der Araber ihr Gesicht hinter dem Schleier gar nicht erkennen konnte.

Sie musste sich auch nicht selbst verteidigen. Saila trat dem Bärtigen mit einem entschlossenen Schritt entgegen. Sie brachte ihn nicht zum Schweigen, doch lenkte sie seinen Zorn, der eigentlich Robin galt, auf sich, was Robins schlechtes Gewissen weckte, sie zugleich aber auch alarmierte. Niemand konnte unter dem lose fallenden Gewand sehen, dass sie unwillkürlich ihre Muskeln anspannte. Sie wusste nicht, wie weit der Bärtige gehen würde, aber sie würde nicht zulassen, dass er Saila ihretwegen schlug.

Wie sich zeigte, war ihre Sorge unbegründet. Saila und der Bärtige stritten eine geraume Weile, aber schließlich gab der Araber nach und drehte sich mit einer wütenden Bewegung um.

»Danke«, sagte Robin, als Saila zu ihr zurückkehrte. »Ich hoffe nur, du bekommst meinetwegen keinen Ärger.«

Die junge Frau nickte, so als hätte sie die Worte verstanden, und machte eine verstohlene, aber eindeutig wegwerfende Geste. Einige Dinge waren offenbar überall auf der Welt gleich. Sie überzeugte sich mit einem langen Blick, der keinerlei Erklärung bedurfte, davon, dass der Bärtige auch tatsächlich ging, dann erst gab sie Robin mit einem weiteren Nicken zu verstehen, dass sie ihren Weg fortsetzen konnten.

Schon nach wenigen Schritten war Robin gar nicht mehr so sicher, ob es wirklich klug gewesen war, auf diesem Ausflug zu bestehen. Wieder spürte sie, wie schwach sie war, und die Übelkeit und der Schwindel, mit denen sie aufgewacht war, kehrten zurück. Einen Moment lang hatte sie sogar das Gefühl, ihre Beine würden jeden Augenblick unter ihr wegknicken. Wäre sie nicht zu stolz gewesen, ihren Fehler vor Saila einzugestehen, hätte sie schon nach dem ersten Dutzend Schritte kehrtgemacht, um ins Zelt zurückzugehen. So aber biss sie die Zähne zusammen und folgte ihrer neuen Freundin, die vorausging, um ihr den Ort zu zeigen.

Viel gab es ohnehin nicht zu sehen. Das Dorf - wenn es diesen Namen überhaupt verdiente - bestand aus vielleicht zwanzig Steinhäusern und es konnte kaum mehr als hundert Einwohner zählen. Robin sah erstaunlich wenig Tiere. Ein magerer Hund beäugte sie aus sicherer Entfernung. Mit eingezogenem Schwanz schien er nur darauf zu warten, dass sie ihm mit einer unbedachten Bewegung einen Grund gab, die Flucht zu ergreifen. Ein junges Zicklein wurde von einem halbwüchsigen Mädchen gehütet und zupfte missmutig an verdorrtem Dünengras.