Pyramidenpappelschösslinge sprossen wie Speere durch die Balken des eingestürzten Daches, und eine Stechpalme schob sich aus einem breiten Sprung in dem Herdstein hervor.
Die halb verfallenen, verrottenden Holzwände waren mit grünem Moos und rostfarbenen Pilzen überzogen. Es war schwer zu sagen, seit wann die Ansiedlung verlassen war, doch es war offensichtlich, dass die Wildnis Blockhaus und Lichtung in ein paar Jahren verschluckt haben würde und nur ein Haufen eingestürzter Kaminsteine noch an ihre Existenz erinnern würde.
Doch den näher rückenden Bäumen zum Trotz gediehen hier die Überbleibsel einer kleinen Pfirsichplantage, und die Früchte waren reif und wimmelten von Bienen. Wir hatten davon gegessen, soviel wir konnten, und im Schutz der Ruinen geschlafen. Dann waren wir vor der Dämmerung aufgestanden und hatten den Wagen mit den saftigen, samtenen Früchten beladen.
Wir hatten sie unterwegs verkauft und waren daher mit klebrigen Händen und einem Sack voller Münzen – zum Großteil Pennys – in Wilmington angekommen. Der Geruch nach gärenden Früchten, der unseren Haaren, unseren Kleidern und unserer Haut anhaftete, war so durchdringend, als hätte man uns alle in Pfirsichschnaps getaucht.
»Nimm das hier«, wies Jamie mich an und gab mir den kleinen Lederbeutel, der unser Vermögen enthielt. »Kauf so viele Vorräte, wie du dafür bekommst – aber bitte keine Pfirsiche, aye? –, und vielleicht ein paar Kleinigkeiten, damit wir nicht ganz wie Bettler aussehen, wenn wir zu meinem Onkel kommen. Nadel und Faden vielleicht?« Er zog eine Augenbraue hoch und deutete auf den langen Riss in Fergus’ Jacke, den er sich beim Sturz von einem Pfirsichbaum geholt hatte.
»Duncan und ich werden versuchen, den Wagen und die Pferde zu verkaufen, und uns nach Schiffen erkundigen. Und wenn es hier einen Goldschmied gibt, frage ich ihn vielleicht, was er mir für einen der Steine bietet.«
»Sei bloß vorsichtig, Onkel Jamie«, riet Ian ihm und deutete mit gerunzelter Stirn auf das bunte Durcheinander von Menschen, das zum nahe gelegenen Hafen unterwegs war oder von dort herkam.
Mit todernster Miene versicherte Jamie seinem Neffen, dass er die notwendige Vorsicht würde walten lassen.
»Nimm Rollo mit«, drängte Ian. »Er passt auf dich auf.«
Jamie sah zu Rollo hinab, der die vorbeiziehenden Massen hechelnd beobachtete, wobei seine aufmerksame Miene weniger gesellschaftliche Neugier als vielmehr kaum verhohlenen Appetit auszudrücken schien.
»Oh, aye«, sagte er. »Dann komm, mein Freund.« Er sah mich an, als er sich zum Gehen wandte. »Vielleicht kaufst du auch ein paar getrocknete Fische.«
Wilmington war eine kleine Stadt, doch aufgrund seiner günstigen Lage als Seehafen an der Mündung eines schiffbaren Flusses gab es dort nicht nur einen Bauernmarkt und ein Trockendock, sondern auch diverse Läden, wo Luxusgüter aus Europa genauso wie die vor Ort erzeugten Gebrauchsgüter feilgeboten wurden.
»Bohnen, gut«, sagte Fergus. »Ich mag Bohnen, sogar in Massen.« Er schulterte den Jutesack und balancierte die sperrige Last aus. »Und Brot, natürlich brauchen wir Brot – und Mehl, Salz und Schmalz. Pökelfleisch, getrocknete Kirschen, frische Äpfel, alles schön und gut. Fisch, sicher doch. Ich sehe ein, dass Nadel und Faden ebenfalls vonnöten sind. Selbst die Haarbürste«, fügte er mit einem Seitenblick auf mein Haar hinzu, das, angestiftet von der Feuchtigkeit, wüste Anstrengungen unternahm, meinem breitkrempigen Hut zu entfliehen. »Und die Arzneimittel aus der Apotheke, selbstverständlich. Aber Spitze?«
»Spitze«, sagte ich nachdrücklich. Ich steckte das kleine, in Papier gewickelte Paket mit drei Metern Brüsseler Spitze in den großen Korb. »Und breite Seidenbänder, jeweils einen Meter«, sagte ich zu dem schwitzenden Mädchen hinter der Ladentheke. »Rot – das ist für dich, Fergus, also beschwer dich nicht –, grün für Ian, gelb für Duncan und das ganz dunkle Blau für Jamie. Und es ist keine Extravaganz. Jamie will nicht, dass wir wie Lumpengesindel aussehen, wenn wir uns seinem Onkel und seiner Tante vorstellen.«
»Was ist mit dir, Tante Claire?«, fragte Ian grinsend. »Du willst doch bestimmt nicht als graue Maus gehen, während wir Männer die Dandys spielen, oder?«
Halb entnervt, halb amüsiert stieß Fergus die Luft aus.
»Das da«, sagte er und zeigte auf eine große Rolle in dunklem Rosa.
»Aber das ist eine Farbe für ein junges Mädchen«, protestierte ich.
»Eine Frau ist nie zu alt, um Rosa zu tragen«, erwiderte Fergus bestimmt. »Das habe ich die Damen oft genug sagen hören.« Ich hatte die Ansichten dieser Damen schon öfter zu hören bekommen, denn Fergus hatte seine Kindheit in einem Bordell verbracht – und seinen Erzählungen nach auch einen beträchtlichen Teil seines späteren Lebens. Ich hoffte sehr, dass er sich das jetzt, wo er mit Jamies Stieftochter verheiratet war, abgewöhnen würde, aber da Marsali auf Jamaika war, wo sie die Geburt ihres ersten Kindes erwartete, hatte ich meine Zweifel. Fergus war schließlich durch und durch Franzose.
»Die Damen müssen es ja wissen«, sagte ich. »In Ordnung, das rosafarbene auch.«
Schwer beladen mit Körben und Lebensmittelsäcken, bahnten wir uns einen Weg nach draußen. Es war heiß und drückend vor Feuchtigkeit, doch es kam ein Luftzug vom Fluss, und nach der Enge des Ladens erschien mir die Luft süß und erfrischend. Ich blickte zum Hafen, wo die Masten einiger kleiner Schiffe aufragten und sich sanft in der Strömung wiegten, und sah Jamie zwischen zwei Gebäuden hervortreten, dicht gefolgt von Rollo.
Ian rief: »Hallo«, und winkte. Rollo stürmte die Straße entlang und wedelte beim Anblick seines Herrn wie wild mit dem Schwanz. Um diese Tageszeit waren nur wenige Leute unterwegs, und die paar, die in der engen Straße zu tun hatten, pressten sich in weiser Voraussicht an die nächste Wand, um dem leidenschaftlichen Wiedersehen nicht im Weg zu sein.
»Meine Güte«, sagte eine gedehnte Stimme irgendwo über mir. »Das ist der größte Köter, den ich je gesehen hab.« Als ich mich umdrehte, sah ich einen Mann, der sich von der Vorderwand einer Kneipe löste und höflich den Hut vor mir zog.
»Zu Euren Diensten, Ma’am. Ich will doch hoffen, dass er sich nichts aus Menschenfleisch macht, oder?«
Ich sah zu dem Mann auf, der mich angesprochen hatte – und noch weiter auf. Ich verkniff mir die Bemerkung, dass er ja wohl der Letzte sein dürfte, der Grund hatte, sich von Rollo bedroht zu fühlen.
Der Fragesteller war einer der größten Männer, die ich jemals gesehen hatte, er war etliche Zentimeter größer als Jamie. Außerdem war er schlaksig und knochig, seine riesigen Hände baumelten in Höhe meiner Ellbogen, und der perlenverzierte Gürtel um seine Mitte war direkt vor meiner Brust. Ich hätte meine Nase in seinen Nabel stecken können, hätte ich das Bedürfnis verspürt, doch glücklicherweise war das nicht der Fall.
»Nein, er frisst Fische«, versicherte ich meinem neuen Bekannten. Als er sah, wie ich den Hals reckte, ging er zuvorkommend in die Hocke, wobei seine Kniegelenke wie Gewehrschüsse knackten. Zwar hatte ich jetzt sein Gesicht vor mir, doch ich musste feststellen, dass seine Gesichtszüge immer noch nicht zu sehen waren, da sie hinter einem buschigen, schwarzen Bart versteckt waren. Eine wenig passende Stupsnase ragte aus dem Gestrüpp, und darüber blickten große haselnussbraune Augen sanft in die Welt.
»Na, es freut mich, das zu hören. Wäre nicht nett, so früh am Morgen schon ein Stück von meinem Bein zu verlieren.« Er schwenkte den schäbigen Schlapphut, in dessen Krempe eine zerzauste Truthahnfeder steckte, und er verbeugte sich vor mir. Schwarze Locken fielen ihm über die Schultern. »John Quincy Myers, zu Euren Diensten, Ma’am.«
»Claire Fraser«, sagte ich und hielt ihm fasziniert die Hand hin. Er blinzelte sie einen Augenblick lang an, hob meine Finger an die Nase und schnüffelte daran, blickte dann auf und zeigte ein Lächeln, das durch die Tatsache, dass ihm die Hälfte seiner Zähne fehlte, kaum an Charme einbüßte.