Ich hatte diese Bibelstelle schon immer dubios gefunden. Ein Kamel mochte vielleicht wie das andere sein, aber bei Kindern schien mir die Sache doch anders zu liegen. Vielleicht kam es Hiob ja wie ausgleichende Gerechtigkeit vor, dass man ihm die Kinder ersetzte, doch ich hatte den Verdacht, dass die Mutter der toten Kinder vielleicht anderer Meinung gewesen war.
Da ich nicht stillsitzen konnte, ging ich wieder zum Fenster und sah blicklos in den Garten hinaus.
Es war nicht einfach nur Aufregung, die mein Herz zum Rasen und meine Hände zum Schwitzen brachte; es war Angst. So, wie die Dinge in Schottland standen – wie sie seit dem Aufstand gestanden hatten –, würde es nicht schwierig sein, Emigrationswillige zu finden.
Ich hatte auf den Westindischen Inseln und in Georgia Schiffe anlegen und ihre Emigrantenfracht ausspeien sehen, so ausgemergelt und überanstrengt von der Überfahrt, dass sie mich an die Opfer von Konzentrationslagern erinnerten – klapprig wie lebende Leichen nach zwei Monaten unter Deck.
Obwohl die Reise teuer und beschwerlich war, obwohl es schmerzte, sich für immer von Freunden, Familie und Heimat zu trennen, riss der Einwandererstrom nicht ab. Zu Hunderten und Tausenden trugen sie ihre Kinder – wenn sie die Reise überlebten – und ihre Besitztümer in kleinen, zerlumpten Bündeln an Land. Sie flohen vor Armut und Hoffnungslosigkeit und strebten nicht nach Reichtum, sondern hofften nur, irgendwo im Leben Fuß fassen zu können. Hofften auf eine Chance.
Ich hatte im vergangenen Winter nicht viel Zeit auf Lallybroch verbracht, doch ich wusste, dass einige der Pächter nur durch die Großzügigkeit Ians und des jungen Jamie überlebten, da ihre eigenen Parzellen nicht genug zum Leben hergaben. Diese Großzügigkeit wurde ihnen zwar ohne Zögern gewährt, doch sie war nicht unerschöpflich; ich wusste, dass die mageren Ressourcen des Gutes oft bis an die Grenzen des Machbaren gestreckt wurden.
Neben Lallybroch gab es noch die Schmuggler, die Jamie aus Edinburgh kannte, und die illegalen Whiskybrenner in den Highlands – eine ganze Anzahl von Männern, die in die Gesetzlosigkeit gedrängt worden waren, um ihre Familien zu ernähren. Nein, Emigrationswillige zu finden, würde für Jamie kein Problem sein.
Das Problem war, dass er nach Schottland reisen musste, um die passenden Männer zu rekrutieren. Und vor meinem inneren Auge sah ich einen Grabstein aus Granit in einem schottischen Friedhof, auf einem Hügel hoch über den Mooren und der See.
JAMES ALEXANDER MALCOLM MACKENZIE FRASER stand darauf, und darunter war mein eigener Name eingemeißelt – Verbunden mit Claire über den Tod hinaus.
Ich würde ihn in Schottland begraben. Doch auf dem Stein hatte kein Datum gestanden, als ich dort gewesen war, heute in zweihundert Jahren; kein Hinweis darauf, wann der Schlag fallen würde.
»Noch nicht«, flüsterte ich und krallte die Hände in meinen seidenen Unterrock. »Ich habe ihn doch nur so kurz gehabt – o Gott, bitte noch nicht!«
Wie zur Antwort ging die Tür auf, und James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser trat ein, eine Kerze in der Hand.
»Du bist sehr leichtfüßig, Sassenach. Ich sehe schon, dass ich dir eines Tages doch beibringen muss, wie man jagt. Wo du dich so gut anschleichen kannst.«
Ich entschuldigte mich nicht dafür, dass ich gelauscht hatte, sondern trat zu ihm, um ihm bei seinen Westenknöpfen zu helfen. Trotz der späten Stunde und des Weinbrands war sein Blick klar und wach, und sein Körper reagierte sofort, als ich ihn berührte.
»Mach besser die Kerze aus«, sagte ich. »Die Mücken werden dich bei lebendigem Leib verspeisen.« Zur Demonstration zerdrückte ich einen Moskito auf seinem Hals und zerrieb den zarten Körper zwischen meinen Fingern zu einer Blutspur.
Ich nahm nicht nur den Geruch von Brandy und Zigarrenrauch an ihm wahr, sondern auch den Duft der Nacht und einen würzigen Hauch von Nicotiana; also war er zwischen den Blumen im Garten spazieren gegangen.
Das tat er gern, wenn er beunruhigt oder aufgeregt war – und beunruhigt schien er nicht zu sein.
Er seufzte und spannte die Schultermuskeln an, als ich ihm den Rock abnahm. Sein Hemd darunter war schweißnass, und er lüpfte es mit einem Laut unterdrückten Abscheus.
»Ich verstehe nicht, wie die Leute sich in dieser Hitze so anziehen können. Dagegen kommen einem die Wilden mit ihrem Lendenschurz geradezu vernünftig vor.«
»Es wäre auch sehr viel billiger«, stimmte ich ihm zu, »wenn auch ästhetisch nicht so ansprechend. Stell dir bloß mal Baron Penzler mit einem Lendenschurz vor.« Der Baron wog etwa hundertzwanzig Kilo und hatte eine teigige Haut.
Er lachte. Es klang gedämpft, weil er sich gerade das Hemd über den Kopf zog.
»Du dagegen …« Ich setzte mich auf die Fensterbank und bewunderte den Anblick, den er bot, als er seine Kniehosen auszog und sich auf ein Bein stellte, um seinen Strumpf herunterzurollen.
Ohne das Kerzenlicht war es dunkel im Zimmer, doch meine Augen hatten sich daran gewöhnt, und ich konnte ihn immer noch erkennen. Seine langen Gliedmaßen leuchteten blass in der samtigen Nacht.
»Wo wir gerade vom Baron sprechen …«, bohrte ich.
»Dreihundert Pfund Sterling«, antwortete er und klang extrem zufrieden. Er richtete sich auf und warf die aufgerollten Strümpfe auf einen Hocker. Dann bückte er sich und küsste mich. »Was ich größtenteils dir verdanke, Sassenach.«
»Weil ich so eine dekorative Fassung abgegeben habe?«, fragte ich trocken und dachte an die Unterhaltung der Wylies.
»Nein«, sagte er kurz angebunden. »Weil du Wylie und seine Freunde beim Essen beschäftigt hast, während ich mich mit dem Gouverneur unterhalten habe. Dekorative Fassung … Pah! Stanhope hat fast seine Augäpfel in deinen Ausschnitt kullern lassen, der widerliche Lüstling; ich hätte ihn dafür fordern mögen, aber –«
»Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«, sagte ich, stand auf und erwiderte den Kuss. »Nicht, dass mir je ein Schotte begegnet wäre, der dieser Ansicht war.«
»Aye, nun ja, da war mein Großvater, der alte Simon. Man könnte wohl sagen, dass ihn die Vorsicht am Ende erledigt hat.« Ich hörte das Lächeln und die Schärfe in seiner Stimme. Er sprach zwar nur selten von den Jakobiten und dem Aufstand, doch das bedeutete nicht, dass er sie vergessen hatte, und seine Unterredung mit dem Gouverneur heute Nacht hatte sie ihm offensichtlich ins Bewusstsein gerufen.
»Ich würde nicht sagen, dass Vorsicht und Verrat dasselbe sind. Und dein Großvater hatte es seit mindestens fünfzig Jahren verdient«, antwortete ich schnippisch. Simon Fraser, Lord Lovat, war auf dem Towe Hill enthauptet worden – im Alter von achtundsiebzig Jahren, nach einem Leben voll unglaublicher Machenschaften im Privatleben wie auch in der Politik. Trotzdem bedauerte ich es, dass der alte Haudegen tot war.
»Mmpf.« Jamie widersprach mir nicht, sondern trat zu mir ans Fenster. Er atmete tief ein, als kostete er das schwere Parfüm der Nacht.
Im gedämpften Licht der Sterne sah ich sein Gesicht ganz deutlich. Es war ruhig und ausdruckslos, doch sein Blick war nach innen gerichtet, als sähen seine Augen nicht das, was vor ihnen lag, sondern etwas völlig anderes. Die Vergangenheit?, fragte ich mich. Oder die Zukunft?
»Wie lautete er?«, fragte ich plötzlich. »Der Eid, den du geschworen hast.«
Ich spürte die Bewegung seiner Schultern mehr, als dass ich sie sah. Es war nicht direkt ein Achselzucken.
»›Ich, James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser, schwöre, so wahr ich mich am Tag des Jüngsten Gerichtes vor Gott rechtfertigen muss, dass sich in meinem Besitz weder Gewehr noch Schwert noch Pistole noch eine andere Waffe befindet und ich auch keine erwerben oder beschaffen werde, dass ich niemals Tartanmuster, Plaid oder irgendeinen Teil der Highlandtracht anlegen werde; andernfalls mögen all meine Unternehmungen, meine Familie und meine Besitztümer verflucht sein.‹« Er holte tief Atem und sprach deutlich weiter.