Sie hatten in Wien eine Zusammenkunft gehabt. Dann waren sie nach Rom gegangen und hatten Vorkehrungen gegen die Möglichkeit getroffen, gekidnappt und so lange verhört zu werden, bis sie ihr Geheimnis preisgaben. Das Geheimnis mußte von Wien herrühren.
Die Stunden verstrichen, und bald waren die Zigarettenstummel in der als Aschenbecher dienenden Granathülse nicht mehr zu zählen. Bevor der schmale Streifen von hellerem Grau sich über den düsteren Industrievororten abzuzeichnen begann, die östlich des Boulevard Mortier lagen, wußte Oberst Rolland, daß er auf der richtigen Spur war.
Einzelne Stücke fehlten noch. Fehlten sie wirklich, waren sie für immer verloren, seit er gegen 3 Uhr morgens die telephonische Meldung entgegennahm, daß Kowalsky nie mehr würde verhört werden können, weil er tot war? Oder waren sie irgendwo in dem wirren Text dessen verborgen, was in Kowalskys bedrängtem Hirn vorging, als er die letzten Kraftreserven verbraucht hatte?
Rolland begann die Stücke des Puzzlespiels zu notieren, die er noch nicht hatte unterbringen können. Kleist, ein Mann namens Kleist. Der Pole Kowalsky hatte das Wort richtig ausgesprochen, und Rolland, der von der Kriegszeit her noch über einige Deutschkenntnisse verfügte, notierte es sich in der korrekten Schreibweise, obwohl es von dem französischen Schreiber falsch buchstabiert worden war. Handelte es sich überhaupt um eine Person? Oder um eine Örtlichkeit, eine Firma oder.dergleichen? Er rief die Vermittlung an und gab Auftrag, im Wiener Telephonverzeichnis nach einer Person oder einer Örtlichkeit dieses Namens zu suchen. Die Antwort kam nach zehn Minuten. Es gab zwei Spalten mit dem Namen Kleist, allesamt Privatpersonen, ferner die Ewald-von-Kleist-Grundschule für Jungen und die Pension Kleist. Rolland schrieb sich beide auf, unterstrich aber die Pension Kleist. Dann las er weiter.
In dem Text kamen mehrere Hinweise auf einen Fremden vor, dem gegenüber Kowalsky offenbar gemischte Gefühle hegte. Manchmal benutzte er das Wort »bon«, wenn er von ihm sprach, dann wieder nannte er ihn einen »facheur«, einen lästigen, zudringlichen Menschen. Kurz nach 5 Uhr morgens ließ sich Oberst Rolland Tonband und Gerät bringen und verbrachte die nächste Stunde damit, das Band mehrmals abzuhören. Als er das Gerät schließlich abschaltete, stieß er einen stummen Fluch aus. Dann nahm er einen dünnen Kugelschreiber zur Hand und korrigierte in dem transkribierten Text eine Anzahl offenkundig auf Hörfehler zurückgehender Wörter.
Kowalsky hatte den Fremden nicht als »bon«, sondern als »blond« bezeichnet. Und das Wort, das ihm über die blutigen verschwollenen Lippen gekommen war, hieß nicht, wie der französische Schreiber notiert hatte, »facheur«, sondern »faucheur«, was soviel wie» Killer «bedeutet.
Von da ab war es leicht, den Sinn der wirren Aussage Kowalskys zu rekonstruieren. Das Wort» Schakal«, das, wo immer es auftauchte, gestrichen worden war, weil Rolland es für ein Schimpfwort gehalten hatte, mit dem Kowalsky seine Peiniger bedachte, bekam eine neue Bedeutung. Es wurde zum Decknamen des blonden Killers, der Ausländer war und mit den drei OAS-Bossen drei Tage vor ihrer Abreise nach Rom in der Pension Kleist gesprochen hatte.
Rolland konnte sich jetzt selbst zusammenreimen, warum Frankreich in den letzten acht Wochen von einer Welle organisierter Banküberfälle und Juwelendiebstähle heimgesucht worden war. Der Blonde, wer immer er sein mochte, verlangte Geld für den Job, den er im Auftrag der OAS übernommen hatte. Auf der ganzen Welt gab es nur einen einzigen Job, der diese Art der Finanzierung erforderlich machte. Der Blonde war nicht gerufen worden, um durch sein Eingreifen einen Bandenkrieg zu entscheiden.
Um 7 Uhr früh ließ sich Rolland mit seiner Nachrichtenzentrale verbinden und befahl dem diensttuenden Beamten, unter Umgehung des innerbehördlichen Protokolls, demzufolge Wien in der Zuständigkeit der Abteilung R 3/W esteuropa lag, ein Blitzfernschreiben an das Wiener Büro des SDECE zu richten. Dann verlangte er, daß ihm umgehend sämtliche Kopien der Niederschrift des Kowalskyschen Geständnisses ausgehändigt wurden, und schloß sie in seinen Safe ein. Schließlich setzte er sich, um einen Bericht abzufassen, auf dessen Adressatenliste er lediglich den Namen eines einzigen Empfängers aufführte. Er überschrieb den Bericht mit dem Vermerk» Nur für Sie bestimmt «und schilderte zunächst kurz die Aktion, die auf seine eigene Initiative stattgefunden hatte, um Kowalsky festzunehmen. Er erwähnte, wie der Ex-Legionär durch die Vorspiegelung, eine ihm nahestehende Person läge im Krankenhaus, nach Marseille gelockt worden war; berichtete sodann von Kowalskys Gefangennahme durch Agenten des Aktionsdienstes und ließ nicht unerwähnt, daß der Mann verhört worden war und ein wirres Geständnis abgelegt hatte. Er fühlte sich verpflichtet, die gewagte Erklärung einfließen zu lassen, der Ex-Legionär habe bei seiner Verhaftung Widerstand geleistet und dabei zwei Agenten erheblich verletzt, sich selbst aber bei einem anschließend versuchten Suizid so bedenklich zugerichtet, daß er nach seiner Überwältigung in das Gefängnishospital eingeliefert werden mußte. Dort, auf seinem Krankenbett, habe er dann sein Geständnis abgelegt.
Der restliche Bericht betraf das Geständnis selbst und Rollands Interpretation desselben. Als er damit fertig war, pausierte er für einen Augenblick und ließ seinen Blick über die Hausdächer im Osten der Stadt schweifen, die jetzt vom Schein der Morgensonne vergoldet wurden. Rolland war sich seines Rufs, niemals zu übertreiben und grundsätzlich zu einer unterkühlten Darstellung der Dinge zu neigen, durchaus bewußt. Sorgfältig formulierte er den letzten Absatz seines Berichts:
«Ermittlungen mit dem Ziel, beweiskräftiges Material für die Existenz dieser Verschwörung beizubringen, sind zur Stunde noch im Gange. Sollten sie den oben geschilderten Tatbestand als wahrheitsgemäß bestätigen, so handelt es sich bei dem erwähnten verbrecherischen Vorhaben meines Erachtens um den denkbar gefährlichsten Plan, den die Terroristen entwickeln konnten, um das Leben des Präsidenten der Republik Frankreich zu bedrohen.
Falls der im Ausland geborene und nur unter dem Decknamen >Der Schakal< bekannte Killer tatsächlich für diesen Anschlag auf das Leben des Staatspräsidenten gedungen und gegenwärtig bereits mit den zur Ausführung seiner Untat erforderlichen Vorbereitungen befaßt sein sollte, halte ich es für meine Pflicht, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß wir meinem Dafürhalten nach einen nationalen Notstand zu gewärtigen haben.«
Ganz im Gegensatz zu seinen sonstigen Gepflogenheiten tippte Oberst Rolland die Reinschrift seines Berichts selbst, versah den Umschlag mit seinem persönlichen Siegel, adressierte ihn und drückte den Stempel mit der höchsten Sicherheitsklassifikation des Geheimdienstes darauf. Schließlich verbrannte er die Bogen, auf denen er den handschriftlichen Entwurf notiert hatte, und spülte die Asche in das Abflußrohr des Waschbeckens, das sich in einer Ecke seines Büros in einem Verschlag befand. Nachdem das getan war, wusch er sich Hände und Gesicht. Als er sich abtrocknete, fiel sein Blick auf den Spiegel über dem Waschbecken. Das Gesicht, das ihn daraus anstarrte, war, wie er bekümmert feststellte, nicht mehr das des erfolggewohnten Mannes, den die Frauen in seiner Jugend wie in seinen besten Jahren so anziehend gefunden hatten. Zu viele Erfahrungen, die allzu gründliche Kenntnis der Bestialität, welcher der Mensch seinem Mitmenschen gegenüber fähig war, sobald es für ihn um das nackte Überleben ging, zu viele Intrigen und Gegenintrigen, zu viele Befehle, mit denen er Männer zum Sterben oder zum Töten hinausgeschickt, in Kellern hatte verenden oder andere zu Tode foltern lassen, hatten sein Gesicht gezeichnet. Zwei scharfe Falten liefen von den Nasenflügeln abwärts bis weit über die Mundwinkel hinaus, dunkle Flecken schienen sich für immer unter den Augen abzeichnen zu wollen, und die dekorativen grauen Schläfen und Koteletten hatten begonnen, weiß zu werden.