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»Und wie?«

»Nichts, was existiert, hat nur eine Seite. Selbst ein Blatt Papier, so dünn es auch ist, hat deren zwei. Auch Magie ist nicht eindimensional. Du hast nur eine Seite gesehen, das tun die meisten. Betrachte das Ganze.« Er zeigte auf die Leichen seiner beiden Posten. Die Posten, die Richard getötet hatte. »Sie kontrolliert deine Zauberkraft, und doch hast du das hier getan.«

»Aber das ist etwas anderes, gegen sie funktioniert das nicht.«

Rahl nickte. »Doch, tut es. Aber du mußt es vollkommen beherrschen. Halbherzigkeiten können dir eine Menge Ärger machen. Sie kontrolliert dich mit nur einer Dimension deiner Zauberkraft, der Seite, die du ihr angeboten hast. Du mußt die andere Seite nutzen. Das hätten alle Sucher gekonnt, doch keinem ist es jemals gelungen, sie zu beherrschen. Vielleicht bist du der erste.«

»Und wenn nicht? Wenn es mir nicht gelingt?« Darken Rahl klang für Richards Empfinden zu sehr nach Zedd. Das war es, was Zedd ihm immer beigebracht hatte, er mußte für sich denken, die Antworten auf seine Art finden, mit seinem eigenen Verstand.

»Dann, mein junger Freund, steht dir eine harte Woche bevor. Denna hat es gar nicht gefallen, wie du sie blamiert hast. Am Ende der Woche wird sie dich zu mir bringen, und du wirst mir deinen Entschluß mitteilen: ob du mir helfen oder alle deine Freunde leiden und sterben lassen willst.«

»Verratet mir nur, wie ich die Magie des Schwertes benutzen, sie beherrschen kann.«

»Natürlich. Sofort, nachdem du mir dein Wissen aus dem Buch der Gezählten Schatten mitgeteilt hast.« Rahl grinste. »Das hätte ich nicht gedacht. Gute Nacht, Richard. Und vergiß nicht, eine Woche.«

Die Sonne ging unter, als Richard den Garten und Darken Rahl verließ. Ihm schwirrte der Kopf von den Dingen, die er erfahren hatte. Daß Darken Rahl wußte, welches Kästchen ihn töten würde, war unangenehm, aber vielleicht wandte er auch bloß das erste Gesetz der Magie an. Schlimmer war, daß Richard von einem seiner eigenen Leute verraten worden war. Das gefiel ihm überhaupt nicht. Noch weniger gefiel ihm, daß er genau wußte, wer dafür in Frage kam. Shota hatte ihm gesagt, daß Zedd und Kahlan ihre Macht gegen ihn benutzen würden. Es mußte einer der beiden gewesen sein. Das wollte einfach nicht passen, sosehr er es auch versuchte, es zu glauben, solange er auch darüber nachgrübelte. Keiner von beiden kam in Frage, und doch mußte es einer von ihnen gewesen sein. Er liebte die beiden mehr als sein Leben. Zedd hatte ihm erklärt, er müsse bereit sein, jeden zu töten, der den Sieg gefährdete, selbst dann, wenn bloß ein Verdacht bestand. Er zwang den Gedanken aus seinem Kopf.

Er mußte sich überlegen, wie er Denna entkommen konnte. Wenn ihm das nicht gelang, war er nutzlos, und alles andere wäre egal. Es nützte nichts, die anderen Probleme zu lösen, wenn er nicht fliehen konnte, und wenn ihm nicht bald etwas einfiel, würde Denna ihn quälen und er wäre zu keinem Gedanken mehr fähig. Was sie ihm antat, machte das Denken schwer, ließ ihn Dinge vergessen. Darauf mußte er sich zuerst konzentrieren, alles andere kam später.

Das Schwert. Denna kontrollierte die Zauberkraft des Schwertes. Er brauchte das Schwert doch überhaupt nicht. Vielleicht konnte er es irgendwie loswerden und damit auch die Zauberkraft, die sie kontrollierte. Er griff zum Heft, doch der magische Schmerz ließ ihn zurückzucken, noch bevor er es berühren konnte.

Er ging durch die Hallen, immer auf Dennas Quartier zu. Es war noch ein weiter Weg. Vielleicht konnte er einfach einen anderen Weg wählen und den Palast des Volkes verlassen. Darken Rahl hatte ihm versprochen, keiner der Posten würde ihn daran hindern. An der nächsten Kreuzung wollte er abbiegen. Der Schmerz zwang ihn auf die Knie. Unter großer Mühe gelangte er in die Halle zurück, durch die sein Weg zu Denna führte. Er mußte stehenbleiben und sich ausruhen, der Schmerz hatte ihm den Atem genommen.

Dicht vor ihm, in der Richtung, in der er ging, läutete die Glocke für die Abendandacht. Er beschloß hinzugehen, denn dort würde er Zeit zum Nachdenken gewinnen. Er kniete nieder und war erleichtert, daß der magische Schmerz nicht einsetzte. Es handelte sich um einen der Plätze am Wasser. Hier war es sehr friedlich. Gleich neben dem Wasser, mitten im Gedränge, legte Richard die Stirn auf den Plattenboden und begann mit dem Singsang, leerte seine Gedanken, wurde eins mit der Leere. Mit Hilfe des Gesangs brachte er seine Sorgen zum Schmelzen, seine Ängste, seine Befürchtungen. Er wies die Gedanken an alle Probleme von sich, ließ seinen Geist vollkommen frei umherwandern und seinen Frieden suchen. Die Andacht schien im Nu vorüber zu sein. Erfrischt und belebt erhob er sich und machte sich wieder auf den Weg in Dennas Quartier.

Die Hallen, die er durchquerte, die Räume und Treppenhäuser waren von atemberaubender Schönheit. Richard betrachtete sie staunend beim Hindurchgehen. Er fragte sich, wie jemandem, der so ekelhaft war wie Darken Rahl, daran gelegen sein konnte, sich mit derartiger Schönheit zu umgeben.

Nichts hat nur eine Dimension. Die zwei Seiten der Magie.

Richard mußte an die Augenblicke denken, als die seltsame Kraft in ihm erwacht war. Als er Mitleid mit Prinzessin Violet empfunden hatte, als die Wache der Königin versucht hatte, Denna etwas anzutun, als er unter Dennas Qualen gelitten hatte, beim Gedanken an Rahl, der Kahlan quält, als Rahls Wachen versucht hatten, Denna weh zu tun. Jedesmal war ein Teil seines Gesichtsfeldes weiß geworden.

Und jedesmal war es die Zauberkraft des Schwertes gewesen. In der Vergangenheit war die Zauberkraft des Schwertes auch immer Zorn gewesen. Doch hier handelte es sich um eine andere Art von Zorn. Er überlegte, wie er sich gefühlt hatte, als er das Schwert im Zorn gezogen hatte. Diese Wut, diese Raserei, dieser Wunsch, zu töten.

Dieser Haß.

Richard blieb wie vom Blitz getroffen mitten in einer ruhigen Halle stehen. Es war schon spät und niemand in der Nähe. Er war allein. Er spürte, wie eine eiskalte Woge ihn durchspülte, auf seiner Haut kribbelte.

Zwei Seiten. Er hatte verstanden.

Die Seelen mögen ihm helfen, er hatte verstanden.

Er ließ ihm freien Lauf, und alles überzog sich mit einem weißen Glanz.

Dumpf umwoben vom weißen Dunst der Magie drückte Richard fast wie in Trance die Tür zu Dennas Zimmer hinter sich ins Schloß. Ruhig hielt er die Kraft, hielt er ihre Weisheit, ihre Freude und Trauer. Der ruhige Raum wurde von einer Nachttischlampe erhellt, die der leicht parfümierten Luft einen flackernden Glanz verlieh. Denna hockte völlig nackt mitten auf dem Bett. Sie hatte die Beine untergeschlagen, den Zopf gelöst, das Haar ausgebürstet. Der Strafer hing an einer Goldkette um ihren Hals, baumelte zwischen ihren Brüsten. Die Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß. Sie sah ihn aus großen, sehnsüchtigen Augen an.

»Bist du gekommen, mich zu töten, mein Geliebter?« flüsterte sie.

Er nickte langsam, ohne sie aus den Augen zu lassen. »Ja, Herrin.«

Sie lächelte zaghaft. »Das ist das erste Mal, daß du mich einfach ›Herrin‹ genannt hast. In der Vergangenheit hast du mich immer Herrin Denna genannt. Hat das etwas zu bedeuten?«

»Ja. Es bedeutet alles. Es bedeutet, daß ich dir alles vergebe.«

»Ich bin bereit.«

»Wieso bist du nackt?«

Der Schein der Lampe spiegelte sich in ihren feuchten Augen. »Weil alles, was ich zum Anziehen habe, Mord-Sith ist. Ich habe nichts anderes. Ich möchte nicht in den Kleidern einer Mord-Sith sterben. Ich möchte so sterben, wie ich geboren wurde. Als Denna. Nicht mehr.«

»Ich verstehe«, hauchte er. »Woher wußtest du, daß ich kommen und dich töten würde?«

»Als Meister Rahl mich auswählte, dich zu verfolgen, meinte er, er würde es mir nicht befehlen, ich müßte freiwillig gehen. Er meinte, die Prophezeiungen hätten einen Sucher vorhergesagt, der als erster in der Lage wäre, die Magie des Schwertes zu meistern. Die Weiße Magie. Er wäre in der Lage, die Klinge des Schwertes zur Weißglut zu bringen. Er meinte, solltest du dich als der herausstellen, von dem in den Prophezeiungen die Rede war, dann würde ich durch deine Hand sterben, vorausgesetzt, dies wäre deine Entscheidung. Ich bat darum, entsandt zu werden, deine MordSith zu sein. Manches, was ich dir angetan habe, habe ich keinem anderen angetan, denn ich hatte gehofft, du seist es, und du würdest mich dafür töten. Zum ersten Mal habe ich Verdacht geschöpft, als du Prinzessin Violet geschlagen hast. Bescheid wußte ich, nachdem du die beiden Posten getötet hattest. Das hättest du nicht können dürfen. Denn ich hatte dich in diesem Augenblick über die Magie des Schwertes in meiner Gewalt.«