In dem Augenblick, da das Tier neuen Atem schöpfte, trat Ramses hinter einem Pfeiler hervor, schwang sich auf den Rücken des Pferdes und zog die Zügel an. Das verängstigte Tier stieg und versuchte vergeblich, den Reiter loszuwerden. Schließlich gab es sich geschlagen, schnaubte, wieherte und beruhigte sich langsam.
Ramses sprang zu Boden, ein Soldat der königlichen Leibgarde trat zu ihm hin.
»Dein Vater wünscht dich zu sehen.«
Zum erstenmal wurde der Prinz in das Arbeitszimmer des Pharaos vorgelassen. Die Kargheit des Raumes überraschte ihn. Er hatte erlesene Kostbarkeiten erwartet, doch der Raum war fast leer und ohne jeglichen Schmuck. Dort saß der König, einen entrollten Papyrus vor sich.
Da er nicht wußte, wie er sich zu verhalten hatte, blieb Ramses in angemessener Entfernung stehen. Sethos bot ihm keinen Platz an.
»Du hast dich großen Gefahren ausgesetzt.«
»Wie man’s nimmt. Ich kenne dieses Pferd gut, es ist nicht bösartig. Die Sonne dürfte ihm zugesetzt haben.«
»Dennoch hast du dich zu großer Gefahr ausgesetzt, meine Leibwache hätte es schon bezwungen.«
»Ich glaubte das Richtige zu tun.«
»Mit der Absicht, die Aufmerksamkeit auf dich zu lenken?«
»Nun…«
»Sei ehrlich.«
»Ein verrücktes Pferd zu bezwingen ist keine leichte Aufgabe.«
»Soll ich daraus schließen, daß du diesen Zwischenfall selbst herbeigeführt hast, um Vorteile daraus zu ziehen?«
Ramses errötete vor Empörung.
»Vater! Wie kannst du nur…«
»Ein Pharao muß ein guter Stratege sein.«
»Hättest du ein derartiges Vorgehen gutgeheißen?«
»In deinem Alter hätte ich dann etwas Doppelbödiges gesehen, das für die Zukunft nichts Gutes verheißt. Doch dein Verhalten überzeugt mich von deiner Aufrichtigkeit.«
»Ich suchte allerdings nach einer Möglichkeit, dich zu sprechen.«
»Weswegen?«
»Als ihr nach Syrien aufbracht, machtest du mir den Vorwurf, noch nicht fähig zu sein, wie ein Soldat zu kämpfen. Während deiner Abwesenheit habe ich diesen Mangel behoben, und mittlerweile bin ich Offizier.«
»Wie man mir sagte, hast du diesen Rang in hartem Kampf erworben.«
Ramses konnte sein Erstaunen nur schwer verhehlen.
»Du hast es gewußt?«
»So bist du nun also Offizier.«
»Ich kann reiten, mit Schwert, Lanze und Schild kämpfen und weiß mit dem Bogen umzugehen.«
»Liebst du den Krieg, Ramses?«
»Ist er nicht eine Notwendigkeit?«
»Krieg bringt viel Leid, möchtest du das vermehren?«
»Gibt es ein anderes Mittel, um unserem Land Freiheit und Wohlstand zu bewahren? Wir greifen niemanden an, aber wenn man uns bedroht, schlagen wir zurück. Und das ist gerecht.«
»Hättest du an meiner Stelle die Festung Kadesch niedergerissen?«
Der junge Mann überlegte.
»Mir fehlt die genaue Kenntnis, um mich zu äußern. Ich weiß nichts von eurem Feldzug, nur daß der Friede erhalten wurde und das ägyptische Volk frei atmen kann. Wollte ich eine Meinung äußern ohne Begründung, wäre das ein Beweis für Dummheit.«
»Möchtest du nicht noch auf etwas anderes zu sprechen kommen?«
Tage- und nächtelang hatte Ramses sich gefragt und seine Ungeduld kaum zu zügeln vermocht. Sollte er seinem Vater von seiner Auseinandersetzung mit Chenar berichten und ihm enthüllen, daß der Bruder sich mit einem Sieg brüstete, den er nicht errungen hatte? Er wüßte schon die richtigen Worte zu finden und seiner Empörung mit so viel Kraft Ausdruck zu verleihen, daß dem Vater endlich klarwerden würde, daß er eine Schlange an seinem Busen nährte.
Doch Aug in Aug mit dem Pharao erschien ihm ein solches Vorgehen albern und ehrlos. Er in der Rolle eines Zuträgers, der sich anmaßte, hellsichtiger zu sein als Sethos?
Zur Lüge war er allerdings auch nicht imstande.
»Es stimmt, ich wollte dir anvertrauen…«
»Warum zögerst du?«
»Was unseren Mund verläßt, kann uns besudeln.«
»Werde ich also nicht mehr erfahren?«
»Was ich sagen wollte, weißt du bereits. Und wenn dem nicht so sein sollte, dann verdienen meine Überlegungen keinerlei Beachtung.«
»Fällst du nicht von einer Maßlosigkeit in die andere?«
»Ein Feuer wütet in mir, ein Verlangen, das ich nicht zu benennen vermag. Weder Liebe noch Freundschaft vermögen es zu löschen.«
»Wie entschlossen du sprichst, in deinem Alter!«
»Wird das Gewicht der Jahre mir Frieden bringen?«
»Verlaß dich auf niemand anderen als dich selbst, dann wird das Leben sich manchmal als großzügig erweisen.«
»Was ist das für ein Feuer, Vater?«
»Du mußt die Frage anders stellen, dann wirst du Antwort erhalten.«
Sethos beugte sich über den Papyrus, an dem er arbeitete. Die Unterredung war beendet.
Ramses verneigte sich. Als er gehen wollte, hielt die wohlklingende Stimme des Vaters ihn zurück.
»Du bist im richtigen Augenblick erschienen, denn ich wollte dich ohnehin heute rufen lassen. Morgen früh brechen wir auf zu den Türkisgruben der Sinaihalbinsel.«
VIERUNDZWANZIG
In diesem achten Regierungsjahr Sethos’ beging Ramses seinen sechzehnten Geburtstag in jenem Teil der östlichen Wüste, der zu den berühmten Bergwerken von Serabit el-Khadim führt. Trotz aller Wachsamkeit blieb der Weg gefährlich, und niemand wagte sich gern in diese öde, von unheimlichen Geistern und räuberischen Beduinen bevölkerte Gegend vor. Trotz Festnahmen und Verurteilungen griffen sie immer wieder Karawanen an, die die Sinaihalbinsel durchqueren mußten.
Obwohl die Expedition keinen kriegerischen Charakter hatte, sicherten eine Reihe von Soldaten den Schutz des Pharaos und der Minenarbeiter. Die Anwesenheit des Königs machte aus dieser Reise ein außergewöhnliches Ereignis, von dem der Hof erst abends zuvor in Kenntnis gesetzt worden war. Während der Abwesenheit des Königs würde Königin Tuja das Steuer des Staatsschiffes übernehmen.
Ramses erhielt sein erstes bedeutendes Amt. Man ernannte ihn zum Kommandanten der Fußtruppe unter Bakhens Oberbefehl. Bakhen war zum Befehlshaber der Expedition befördert worden. Ihre Begegnung im Augenblick des Abmarsches war eisig gewesen, doch keiner von beiden konnte unter den Augen des Königs einen Zusammenstoß vom Zaun brechen. Während der Dauer ihrer Mission mußte sich jeder mit dem Charakter des anderen abfinden. Bakhen klärte sofort die Rangfolge, indem er Ramses befahl, die Nachhut zu übernehmen, wo nach seinen Worten »ein Neuling die geringste Gefahr für seine Untergebenen darstellte«.
Mehr als sechshundert Mann bildeten die Truppe, die auszog, Türkise heranzuschaffen, den Stein der himmlischen Hathor, die im Herzen eines kargen und wüsten Landes sich diese Gestalt erwählt hatte.
Der Weg durch die Wüste bereitete kaum Schwierigkeiten. Er war gut gespurt, wurde regelmäßig gewartet und war gesäumt von kleinen Festungsanlagen und Wasserstellen. Allerdings verlief er durch feindliche Landstriche, wo rote und gelbe Berge aufragten, deren Höhe die Neulinge verblüffte. Einige bekamen Angst, diese Gipfel könnten Dämonen ausspucken, die sich ihrer Seele bemächtigten, doch dank der Anwesenheit des Pharaos und der Selbstsicherheit seines Sohnes ließen sie sich beruhigen.
Ramses hatte auf eine schwere Prüfung gehofft, um seinem Vater sein Können zu beweisen. Daher beklagte er innerlich seine so einfache Aufgabe. Dieser dreißig Mann starke, seinem Befehl unterstellte Fußtrupp ließ sich von seiner Autorität mühelos beeindrucken. Alle hatten schon von seinem Ruf als begnadeter Bogenschütze und Pferdebändiger gehört und hofften, hätten sie erst einmal unter ihm gedient, auf eine Beförderung.