»Nekros!«, schrie Rhonin.
Der Ork sah zu ihm herüber, genau so, wie der Zauberer es beabsichtigt hatte. Der Drache gelangte unbehelligt aus Nekros' Reichweite.
»Mensch! Zauberer! Du bist doch tot …« Die breiten Augenbrauen zogen sich zusammen, und Nekros' Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Nun gut, dann wirst du es eben es bald sein!«
Er zeigte richtete das Artefakt auf Rhonin.
Der Zauberer erschuf einen magischen Schild und hoffte, dass das, was Nekros vorhatte, ihm entgegenzuschleudern, nicht so entsetzlich sein würde wie die Flammen des Golems. Die Großen Drachen hatten ihm, anders als Korialstrasz, keine Kraft geschenkt – aber er hatte sich auch nicht am Rande des totalen Zusammenbruchs befunden. Außerdem hatten sie ihre entbehrlichen Kräfte für Deathwing benötigt. Rhonins Hoffnungen stützten sich in diesem Moment also ausschließlich auf seine eigenen, schwer einschätzbaren Fähigkeiten.
Eine riesige Flammenhand versuchte nach dem Magier zu greifen und ihn zu umschließen. Rhonins Zauber hielt jedoch stand, und die Hand, die von seinem fast unsichtbaren Schild abprallte, verschlang stattdessen einen Ork-Krieger, der gerade einen Zwerg enthaupten wollte. Der Ork schrie kurz auf, bevor er brennend zusammenbrach.
»Deine Tricks werden dich nicht lange vor dem Tod bewahren!«, knurrte Nekros.
Der Boden unter dem Wagen begann zu erbeben und einzubrechen. Rhonin stieß sich von dem entstehenden Loch weg, während Wagen und Zugtiere hinabgerissen wurden. Während der Schildzauber erlosch, fand der Magier hilflos strampelnd gerade noch Halt am Rand des Kraters.
Nekros lenkte sein Pferd näher zu ihm heran. »Was auch immer an diesem Tag noch geschehen mag, zumindest bin ich dich los, Mensch!«
Rhonin stieß einen schwachen Spruch hervor. Ein einzelner Dreckklumpen landete im Gesicht des Orks und widerstand allen Versuchen ihn zu entfernen. Nekros fluchte und kämpfte darum, wieder sehen zu können.
Der Zauberer stemmte sich über den Rand, bekam Boden unter die Füße und warf sich gegen den Ork.
Der Sprung war jedoch etwas zu kurz bemessen, und so bekam er zwar den Arm zu fassen, dessen Hand die Dämonenseele hielt, nicht aber das Relikt selbst. Obwohl Nekros immer noch nicht wieder zu sehen vermochte, packte er Rhonin am Kragen und versuchte seine Pranke um die Kehle des Magiers zu legen.
»Ich bring dich um, verdammter Abschaum!«
Riesige Finger krümmten sich um Rhonins Hals. Gleichzeitig versuchte der Zauberer nach dem Talisman zu greifen und sich selbst zu befreien, erreichte jedoch beides nicht. Nekros presste das Leben gnadenlos aus ihm heraus; der überragenden Körperkraft eines Orks hatte der Mensch nichts entgegenzusetzen. Rhonin setzte zu einem Spruch an …
… als eine geflügelte Gestalt an Nekros vorbeischoss. Etwas stieß gegen den Rücken des Orks und schleuderte ihn samt dem Zauberer vom Pferd zu Boden.
Sie schlugen hart auf. Die tödliche Hand löst sich von Rhonins Kehle, als sie beide in unterschiedliche Richtungen rollten.
Jemand griff nach den Schultern des Magiers.
»Steht auf, Rhonin, bevor er sich erholt!«
»Vereesa?« Er blickte in ihr Gesicht und war ebenso überrascht wie erfreut, sie wiederzusehen.
»Wir beobachteten, wie der Drache Euch fallen ließ und wie Ihr Euch mittels Magie in Sicherheit brachtet. Falstad und ich kamen so schnell wir konnten, weil wir dachten, dass Ihr vielleicht Hilfe gebrauchen könntet …«
»Falstad?«
Rhonin schaute zum Himmel, wo der Greifenreiter und sein Tier ihre Kreise zogen. Falstad hatte keine Waffe, brüllte jedoch, als wollte er jeden Ork im Umkreis herausfordern.
»Beeilt Euch!«, rief die Waldläuferin. »Wir müssen weg von hier!«
»Nein!« Zögernd blieb er zurück. »Nicht bevor … Passt auf!«
Er stieß sie zur Seite. Eine große Kriegsaxt, die sie sonst in zwei Hälften gespalten hätte, schlug ins Leere. Der kraftstrotzende Ork, dessen Gesicht von rituellen Narben übersät war, hob die Axt erneut und konzentrierte sich ganz auf Vereesa, die vor ihm lag.
Rhonin vollführte eine Geste, und der Axtgriff wurde plötzlich lang und wand sich wie eine Schlange. Der Ork versuchte dennoch, seine Waffe weiter festzuhalten, aber nun wandte sie sich gegen ihn. Da ließ der Krieger sie doch fallen und rannte voller Panik davon.
Der Zauberer streckte eine Hand nach Vereesa aus …
… und stürzte zu Boden, als ihn eine Faust in den Rücken traf.
»Wo ist sie?«, schrie Nekros Skullcrusher. »Wo ist die Dämonenseele?«
Rhonin war noch zu benommen, um zu begreifen. War nicht noch immer Nekros im Besitz des Talismans …?
Ein schweres Gewicht drückte auf seinen Rücken. Er hörte, wie Nekros sagte: »Bleib, wo du bist, Elfe. Wenn ich noch etwas stärker zudrücke, wird dein Freund hier wie eine überreife Frucht zerplatzen!« Rhonin spürte kaltes Metall an seiner Wange. »Auch du, Magier, keine faulen Tricks! Gib mir die Scheibe zurück, und ich schenke dir vielleicht dein Leben!«
Nekros ließ ihm gerade genug Bewegungsfreiheit, dass Rhonin den Ork aus den Augenwinkeln betrachten konnte. Das Holzbein des Kommandanten drückte gegen die Wirbelsäule des Zauberers. Rhonin zweifelte nicht daran, dass sie unter stärkerem Druck brechen würde. »Ich … ich habe sie nicht.« Das Gewicht von Nekros' massigem Körper behinderte das Atmen und das Sprechen. »Ich weiß noch nicht … einmal, wo sie ist.«
»Ich habe keine Zeit für deine Lügen, Mensch!« Nekros drückte etwas fester zu. Ein Hauch von Verzweiflung schwang in seiner immer noch arroganten Stimme mit. »Ich brauche sie!«
»Nekros …!«, unterbrach ihn eine donnernde, hasserfüllte Stimme. »Du hast meine Kinder ermordet. Meine Kinder!«
Rhonin fühlte die Bewegung des Orks, als dieser sich drehte. Nekros stieß die Luft aus. »Nein!«
Ein Schatten fiel über Rhonin und seinen Gegner. Ein heißer, fast schon sengender Wind glitt über den Magier hinweg. Er hörte Nekros Skullcrusher schreien …
… und plötzlich verschwand das Gewicht des Orks aus seinem Rücken.
Rhonin warf sich augenblicklich herum, war sicher, dass der Feind seines Feindes nun auch ihn töten würde. Aber Vereesa kam ihm zu Hilfe und zog ihn an sich. Erst jetzt begriff der Magier, was diesen riesigen Schatten hervorgerufen hatte und warum die Stimme, die er gehört hatte, ihm so bekannt vorgekommen war.
Trotz der Schuppen, die an einigen Stellen nur noch lose hingen und den ungeschickt gefalteten Flügeln bot die Drachenkönigin Alexstrasza einen beeindruckenden Anblick. Sie erhob sich über alle anderen, hielt den Kopf hoch in den Himmel gereckt und brüllte ihren Triumph hinaus. Von Nekros fand Rhonin keine Spur mehr. Entweder hatte die Königin ihn komplett verschlungen oder seinen Körper weit fortgeschleudert.
Alexstrasza brüllte erneut und neigte ihren Kopf dem Zauberer und der Elfe entgegen. Vereesa wirkte entschlossen, ihn und sich selbst zu verteidigen, aber Rhonin forderte sie mit einer Geste auf, die Klinge zu senken.
»Mensch, Elfe – ich bin euch zu Dank verpflichtet, dass ihr mir die Gelegenheit gegeben habt, meine Kinder zu rächen. Jetzt gibt es allerdings andere, die meine Hilfe benötigen, wie gering sie auch ausfallen mag.«
Sie blickte zum Himmel, wo vier Titanen kämpften. Rhonin folgte ihrem Blick und sah einen Moment lang zu, wie Ysera, Nozdormu und Malygos scheinbar erfolglos gegen Deathwing angingen. Die Drei attackierten immer wieder, aber Deathwing schlug sie mit Leichtigkeit zurück.
»Drei gegen einen – und sie können trotzdem nichts ausrichten?«
Alexstrasza, die bereits ihre Schwingen zum Abflug spreizte, hielt kurz inne, um zu antworten. »Wegen der Dämonenseele haben wir nur noch halb soviel Macht. Nur Deathwings Macht ist vollständig. Ich wünschte, wir könnten sie gegen ihn einsetzen oder die Macht, die darin wohnt, zurückerlangen, aber diese Möglichkeiten gibt es nicht. Wir können nur kämpfen und das Beste hoffen.« Gebrüll aus dem Himmel erschütterte die Erde. »Ich muss jetzt gehen. Vergebt mir, dass ich euch allein lasse und noch einmal … danke!«