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Die jungen Frauen trugen Servierteller mit traditionellen Speisen zu und aus dem Pfahlbau, zu dem der Vogelmann sie geschickt hatte. Richard schob sich, Kahlan bei der Hand haltend, durch die Menschenmenge rings um die Plattform.

Endlich waren sie bis zum Rand der Menschenmenge vor der Plattform vorgedrungen. Richard und Kahlan erstarrten vor Schreck.

»Zedd –« sagte Richard tonlos.

Dort lag, bequem hingestreckt in seinem prunkvollen violetten und schwarzen Gewand, dessen stattliche Wirkung ein wenig durch das krause Haar geschmälert wurde, das ihm in typischem Chaos vom Kopf abstand – Richards Großvater. Der knochendürre alte Zauberer sah von der Plattform auf, als junge Frauen ihm einen Servierteller mit Speisen zum Probieren reichten. Eine gedrungene Frau in dunklem Kleid und Umhang hockte mit untergeschlagenen Beinen neben ihm.

»Zedd!« Richard sprang auf die Plattform.

Zedd winkte ihm lächelnd zu. »Da bist du ja, mein Junge.«

»Du lebst! Ich wußte, daß du lebst!«

»Na ja, natürlich bin ich –«

Weiter kam er nicht, da Richard ihn vom Boden hob und so fest in die Arme schloß, daß ihm die Luft mit einem deutlichen Ächzen wegblieb.

Zedd trommelte Richard auf die Schultern. »Richard!« quiekte er. »Verdammt, Richard. Du wirst mich noch zerdrücken. Laß los!«

Richard setzte ihn ab und sah, wie nun Kahlan herbeieilte und ihn umarmte. »Richard hat immer wieder behauptet, daß du noch lebst, aber ich habe ihm nicht geglaubt!«

Die Frau erhob sich. »Schön, dich zu sehen, Richard.«

»Ann? Du lebst auch noch?«

Sie strahlte. »Deinem närrischen Großvater habe ich das allerdings nicht zu verdanken.« Ihre wissenden Augen wanderten hinüber zu Kahlan. »Und das kann niemand anderes sein als die Mutter Konfessor persönlich.«

Richard umarmte sie, bevor sie offiziell vorgestellt wurde. Zedd nahm einen Bissen Reiskuchen, während er das Schauspiel verfolgte.

Richard holte Cara nach vorn. Sie sprach, bevor er Gelegenheit dazu hatte. »Ich bin Lord Rahls Leibwächterin.«

Richard sah ihr in die Augen. »Das ist Cara, und sie ist mehr als eine Leibwächterin. Sie ist unsere Freundin. Cara, das sind mein Großvater Zedd und Annalina Aldurren, die Prälatin der Schwestern des Lichts.«

»Die ehemalige Prälatin«, verbesserte Ann. »Freut mich, eine Freundin von Richard kennenzulernen.«

Wieder an Zedd gewandt, sagte Richard: »Ich kann nicht glauben, daß du hier bist. Eine schönere Überraschung hätte man uns nicht machen können. Nur, woher wußtest du, daß wir hierherkommen würden, um uns trauen zu lassen?«

Zedd sprach mit vollem Mund. »Hab's gelesen. Habe alles darüber gelesen.«

»Gelesen? Wo denn?«

»Im Jocopo-Schatz.«

Kahlan beugte sich zu ihnen. »Auf dem Gold befinden sich Schriftzeichen?«

Zedd fuchtelte mit dem Kuchen. »Nein, nein, nicht auf dem Gold – auf dem Jocopo-Schatz. Die Prophezeiungen. All die Schriftrollen. Sie bilden den Jocopo-Schatz. Wir haben sie verbrannt, um zu verhindern, daß sie der Imperialen Ordnung in die Hände fallen. Bevor ich sie zerstörte, habe ich einige gelesen. Dort habe ich auch die Prophezeiung gefunden, daß ihr beide heiraten werdet. Ann hat dann den Tag ausgerechnet. Sie kennt sich recht gut mit Prophezeiungen aus.«

»Na ja, es war keine schwierige Prophezeiung«, meinte Ann. »Keine von ihnen war schwierig. Deswegen wäre es so gefährlich gewesen, hätte Jagang sie erbeutet. Fast wäre es ihm sogar gelungen.«

»Dann seid ihr zwei also hergekommen, um die Prophezeiungen zu vernichten?« fragte Richard.

»So ist es.« Zedd warf aufgebracht die Hände in die Höhe. »Aber was haben wir Schlimmes dabei durchgemacht.«

»Ja, es war einfach schlimm«, bestätigte Ann.

Zedd drohte Richard mit seinem astdürren Zeigefinger. »Während du dich in Aydindril vergnügt hast, hatten wir richtigen Ärger.«

»Ärger? Was denn für Ärger?«

»Fürchterlichen Ärger«, meinte Ann.

»Genau«, pflichtete Zedd ihr bei. »Wir wurden gefangengenommen und unter den abscheulichsten Bedingungen festgehalten. Es war entsetzlich. Einfach entsetzlich. Wir konnten nur mit knapper Not entkommen.«

»Wer hat euch denn gefangengenommen?«

»Die Nangtong.«

Kahlan räusperte sich. »Die Nangtong? Warum sollten die Nangtong euch denn gefangennehmen?«

Zedd zupfte sein Gewand zurecht. »Sie hatten die Absicht, uns zu opfern. Wir wären fast zu Menschenopfern geworden. Die ganze Zeit über haben wir in Lebensgefahr geschwebt.«

Kahlan kniff die Augen zusammen und blickte ihn voller Skepsis an. »Die Nangtong erdreisten sich, ihre verbotenen Rituale auszuüben?«

»Es hatte irgend etwas mit roten Monden zu tun«, versuchte Zedd als Erklärung vorzubringen. »Sie haben das Schlimmste befürchtet und nur versucht, sich zu schützen.«

Kahlan neigte den Kopf zur Seite. »Ich werde ihnen trotzdem einen Besuch abstatten und mich darum kümmern.«

»Du hättest getötet werden können«, meinte Richard.

»Unsinn. Ein Zauberer und eine Magierin sind allemal gerissener als eine herumwandernde Bande von Nangtong. Nicht wahr, Ann?«

Ann sah ihn kurz an. »Na ja, wir –«

»Also, wie Ann sagt, ganz so einfach war es nicht.« Zedd wandte sich von ihr ab. »Aber es war einfach grauenhaft, das kann ich euch versichern. Anschließend hat man uns dann als Sklaven verkauft.«

Richard zog erstaunt die Brauen hoch. »Als Sklaven!«

»So ist es. An die Si Doak. Bei denen wurden wir zur Sklavenarbeit gezwungen. Doch aus irgendeinem Grund fanden die Si Doak keinen rechten Gefallen an uns – es hatte irgendwas mit Anns Schludrigkeit zu tun –, also beschloß man, uns an die Kannibalen weiterzuverkaufen.«

Richard fiel die Kinnlade herunter. »An Kannibalen?«

Zedd feixte. »Glücklicherweise stellte sich heraus, daß die Schlammenschen die Kannibalen waren. Chandalen war es, an den sie herantraten. Er kannte mich natürlich von einem früheren Zusammentreffen, daher ging er darauf ein und kaufte uns aus unserer Leibeigenschaft bei den Si Doak frei.«

»Und wieso konntet ihr nicht von den Si Doak fliehen?« wollte Kahlan wissen. »Du bist schließlich Zauberer. Und Ann Magierin.«

Zedd zeigte auf seine nackten Handgelenke. »Sie haben uns magische Armbänder angelegt. Uns waren die Hände gebunden.« Er sah auf. »Ziemlich fest sogar. Es war schrecklich. Wir waren hilflose Sklaven, denen die Peitsche drohte.«

»Das klingt ja fürchterlich«, sagte Richard. »Und wie habt Ihr die Armbänder dann wieder herunterbekommen?«

Zedd warf die Arme in die Höhe. »Gar nicht.«

Richard legte ihm eine Hand auf die Stirn und hielt Zedds andere in die Höhe. »Also, jetzt sind sie nicht mehr dran.«

Zedd kratzte sich am Kinn. »Ja, jetzt sind sie nicht mehr dran. Die Bänder wurden durch Magie gehalten. Ich – wir – waren klug genug, unsere Magie nicht einzusetzen. Das hätte sie nur noch fester angezogen. Wir mußten einfach, ohne unsere Magie zu benutzen, abwarten, bis sie ihre Kraft verloren hatten. Nachdem wir die Si Doak verlassen hatten und die Schriftrollen verbrannten, haben sie sich von selbst gelöst und sind abgefallen.«

»Und das war die ganze Zeit über euer Plan gewesen?«

Ann nickte. »Vertraue dem Schöpfer, auf daß er seinen Plan zu erkennen gebe.«

Zedd drohte Richard mit erhobenem Finger. »Magie ist gefährlich, Richard. Eines Tages wirst du noch lernen, daß der schwierigste Teil des Daseins als Zauberer darin besteht, zu wissen, wann man Magie nicht einsetzt. Dies war ein solcher Fall.

Wir mußten den Jocopo-Schatz finden. Inmitten all dieser unguten Strömungen war mir klar, daß unsere Chance am größten wäre, wenn wir es ohne Magie versuchen würden.« Er verschränkte die Arme. »Und die Wirklichkeit hat schließlich meine Ansicht bewiesen.«

Chandalen trat vor. »Viele Soldaten marschierten auf uns zu.« Er zeigte nach Südosten. »Ein großer Spähtrupp wollte die Dinge holen, die Zedd verbrannt hatte. Während er und Ann sie verbrannten, haben meine Männer und ich gegen die Feinde gekämpft.