»Resolut. Aber ohne unnötig P-... Porzellan zu zerschlagen.«
Karatschenzew seufzte.
»In puncto Resolutheit kann ich mich auf meine Männer verlassen. Was das Porzellan angeht, da steht die Sache schon schlechter.«
Seine nachfolgenden Gedanken mußte Fandorin nur noch in Halbsätzen formulieren: »Könnte vielleicht ich?... als Privatperson? Ohne diplomatische Verwicklungen, im Falle des Falles? Und Ihre Leute zur Absicherung? Nur ohne Double, wenn ich bitten darf. Nicht wie gestern im >Anglija<.«
Ei der Daus! Mit so einem Mann zu arbeiten ist ein Vergnügen! dachte der General, sagte aber etwas anderes: »Für gestern bitte ich um Entschuldigung. Kommt nicht wieder vor. Für heute ... Zwei auf die Straße und zwei in den Saal? Was meinen Sie?«
»In den Saal besser niemanden - wer den Blick dafür hat, erkennt sie so oder so«, sagte der Kollegienassessor überzeugt. »Und draußen ... am besten einen in eine Kutsche vors Portal und einen an den Hintereingang. Zur Sicherheit. Das dürfte genügen. Ist ja ein Spion und kein Terrorist.«
»Und wie gedenken Sie vorzugehen?« »Kann ich ehrlich noch nicht sagen. Wie es sich ergibt. Ich arbeite mich ein und beobachte. Voraussagen sind nicht meine Sache.«
»Verstehe.« Der General nickte. »Und ich vertraue auf Ihr Einschätzungsvermögen. Haben Sie eine Waffe? Herr Knabe ist in einer leidigen Lage. Einer Ausweisung entgeht er keinesfalls, und wenn es darauf ankommt, wird er auf seine Vorgesetzten nicht rechnen können. Selbst wenn er kein Terrorist ist - Nerven könnte der Mann zeigen.«
Fandorin griff in die Falten seines Rocks, und im nächsten Moment lag auf seinem Handteller ein kleiner Revolver. Die abgenutzte Riffelung am Griff verriet den häufigen Gebrauch.
»Ein Herstal Agent?« fragte Karatschenzew hochachtungsvoll. »Feines Spielzeug. Darf ich?«
Der General nahm den Revolver, kippte kundig die Trommel heraus und schnalzte anerkennend.
»Ohne Hahn? Phantastisch! Dann kann man ja alle sechs Schuß auf einmal abfeuern. Aber geht der Abzug so nicht zu leicht?«
»Der Knopf hier ist zur Sicherung. Damit sie einem nicht in der Tasche losgeht. Die Zielgenauigkeit ist natürlich mäßig, aber in unserem Geschäft ist Schnelligkeit das A und O. Es kommt ja nicht darauf an, dem Zobel ein Auge auszuschießen, stimmt's?«
»Wohl wahr«, sagte Karatschenzew und gab Fandorin die Waffe zurück. »Sie wird Sie übrigens erkennen, oder? Die Wanda, meine ich.«
»Das wird sie nicht, Euer Exzellenz, keine B-... Bange. Ich habe einen ganzen Schminkladen dabei.«
Rundum zufrieden lehnte der General sich in seinen Sessel zurück und hatte es, wiewohl die dienstlichen Dinge nun 42
besprochen schienen, nicht eilig, seinen Gast zu verabschieden. Statt dessen bot er ihm eine Zigarre an, doch Fandorin holte sein eigenes elegantes, sämischledernes Etui hervor. »Echte Batavia, Herr General. Mögen Sie?«
Der General nahm eines der schokoladenbraunen Stäbchen, entzündete es und stieß genüßlich einen dünnen Rauchstrahl aus. Dieser Herr Fandorin gefiel ihm außerordentlich. So daß er beschloß, dem Gespräch nunmehr eine delikate Wendung zu geben.
»Sie sind ja in unserem Moskauer Dschungel gewissermaßen ein Neuling, nicht wahr«, begann er vorsichtig.
Ach! Noch ein Dschungelführer! dachte Fandorin, ohne sein Erstaunen zu zeigen.
»Das betrifft Rußlands Weiten im ganzen«, sagte er.
»Genau. Es hat sich einiges verändert, während Sie außer Landes waren.«
Mit feinsinnigem Lächeln wartete Fandorin ab, was kam -die Unterhaltung versprach bedeutungsvoll zu werden.
»Wie gefällt Ihnen eigentlich unser Fürst?« kam die plötzliche Frage.
Fandorin zögerte ein wenig, ehe er zur Antwort gab: »Meiner Meinung nach sind Seine Durchlaucht nicht zu unterschätzen.«
»Wahrlich nicht!« Energisch schickte der General einen dicken Rauchstrahl zur Decke. »Seinerzeit war der Fürst alles andere als gemütlich, kann ich Ihnen sagen. Sechzehn Jahre hindurch diese Stadt mit eiserner Hand zu regieren, das ist kein Pappenstiel. Aber die Klauen des alten Wolfs sind ein bißchen stumpf geworden. Kein Wunder, er geht auf die Achtzig zu. Hat nicht mehr den Biß von dazumal.«
Karatschenzew hatte sich nach vorn gebeugt und sprach vertraulich, mit leiser Stimme.
»Er liegt, offen gesagt, in den letzten Zügen. Sie sehen ja, wie seine Schranzen, Churtinski und Wedischtschew, ihm auf der Nase herumtanzen. Nehmen Sie nur diese leidige Kathedrale! Sie hat die letzten Säfte aus der Stadt gesogen. Und man fragt sich, wozu? Wie viele Armen- und Krankenhäuser hätte man von dem Batzen Geld bauen können! Nein, unser selbsternannter Cheops hat es sich in den Kopf gesetzt, eine Pyramide zu hinterlassen.«
Gespannt hörte Fandorin zu und schwieg sich aus.
»Ich verstehe, ein Urteil in dieser Sache ziemt sich nicht für Sie.« Karatschenzew ließ sich wieder in seinen Sessel zurückfallen. »Aber schenken Sie einem Manne Gehör, der aufrichtige Sympathien für Sie hegt. Und Ihnen darum nicht verheimlichen will, daß man bei Hofe mit Dolgorukoi unzufrieden ist. Er braucht nur noch einen winzigen Fehler zu machen und wird abtreten müssen. Nach Nizza, aufs Altenteil. Und dann, lieber Fandorin, geht seine ganze Moskauer Clique mit vor die Hunde. Ein neuer Mann wird kommen, dem sie gestohlen bleiben kann. Der bringt seine eigenen Leute mit. Soweit sie nicht längst vor Ort sind. Schon am Einfädeln.«
»Zum Beispiel Sie?«
Karatschenzew kniff beifällig die Augen zusammen.
»Sie begreifen sehr schnell. Das heißt, ich muß nicht viel Worte machen. Der Kern meines Ansinnens ist Ihnen klar.«
Fürwahr ein Dschungel - von wegen ehrwürdige Metropole! dachte Fandorin, während er dem rothaarigen Polizeipräsidenten in die vor Wohlwollen sprühenden Augen sah. Immerhin schien der ein ehrlicher und kluger Mann zu sein. Kollegienassessor Fandorin setzte ein gewinnendes Lächeln auf.
»Euer V-V-... Vertrauen ehrt mich«, sagte er, bedauernd die Arme hebend, »ich fühle mich sehr geschmeichelt. Und daß Moskau mit einem neuen Gouverneur etwas gewinnen kann, mag durchaus sein. Darüber will ich nicht urteilen, da ich die Moskauer Verhältnisse bislang nicht durchschaue. Nur habe ich, Euer Exzellenz, nicht umsonst vier Jahre in Japan zugebracht und bin, müssen Sie wissen, so japanisiert, daß ich mich manchmal selbst darüber wundere. In Japan gehört es sich, daß ein Samurai - und nach den dortigen Begriffen rechnen Sie wie auch ich zu diesem Stand - seinem Suzerän die Treue zu halten hat, gleich, wie garstig sich dieser auch verhalten mag. Das ist zwingend vonnöten, damit das System nicht zerfällt. Fürst Wladimir ist nun zwar nicht mein Suzerän, doch immerhin fühle ich mich ihm gegenüber in der Pflicht. Ich bitte mir das nachzusehen.«
»Tja, da kann man nichts machen«, seufzte der General, der wohl begriff, daß Überredung in diesem Fall nicht fruchtete. »Sie hätten eine große Zukunft vor sich haben können. Nichts für ungut. Vielleicht wird ja doch noch etwas daraus. Auf meine Unterstützung können Sie immer rechnen. Darf ich mich darauf verlassen, daß dieses Gespräch unter uns bleibt?«
»Jawohl«, sagte der Kollegienassessor knapp, und Karatschenzew glaubte es ihm aufs Wort. »Die Zeit drängt«, sagte er und erhob sich. »Ich werde bezüglich der >Alpenrose< die nötigen Anweisungen erteilen. Ich gebe Ihnen erprobte Leute zur Seite, und Sie Ihrerseits sollten achtgeben, daß ...«
Während die beiden Männer das Kabinett des Gouverneurs verließen, besprachen sie die letzten Einzelheiten der bevorstehenden Operation. Sekunden später öffnete sich in der Ecke des Zimmers ein Türchen - dahinter lag ein kleiner Ruheraum, wo der alte Fürst sein Mittagsschläfchen zu 44