Auch hierbei verhielt der Detektiv sich klug: Er drehte sich ohne übertriebene Eile, um seinen Kontrahenten nicht unnötig nervös zu machen.
Was hingen denn da an den Hosenträgern für Blechsterne - ganze vier Stück? Etwa wieder so ein orientalischer Wunderzauber?
»Hosenträger abschnallen. Unter das Bett.«
Die niedliche Physiognomie des Detektivs entgleiste vor Zorn. Die langen Wimpern zuckten, Fandorin blinzelte - er schien das Gesicht seines Gegners erkennen zu wollen, der mit dem Rücken zum Licht stand.
Warum eigentlich nicht? Dies war der Moment, sich zu zeigen und zu sehen, ob der junge Mann ein gutes optisches Gedächtnis besaß.
Und wie gut es war! Ahimaaz hatte nur zwei Schritte nach vorn getan, und schon durfte er erleben, wie die Wangen des schönen Knaben sich mit roten Flecken bedeckten, um gleich darauf wieder bleich zu werden.
So sieht es aus, mein Junge. Das Schicksal ist ein launisches Wesen.
Das war kein Mensch, das war ein Teufel! Selbst die Shuriken hatte er als Waffen identifiziert. Fandorin kochte vor Wut, als er sich seines ganzen Arsenals beraubt sah. Des beinahe ganzen.
Von all den vielen schönen Dingen, die er sich zu seinem Schutz ausgesucht hatte (und er war sich dabei übereifrig vorgekommen! Da hatte er es!), war ihm einzig der Pfeil geblieben, der im Hemdärmel steckte. Er war aus hauchdünnem Stahl und mit einer Feder gespannt. Man brauchte nur den Arm kräftig anwinkeln, damit die Feder sich löste. Doch damit so ein Pfeil tödlich war, mußte man schon sehr genau treffen. Und überhaupt: Wie hätte von einer kräftigen Armbewegung die Rede sein können, wenn man in die Mündung eines mit sechs Schuß geladenen Bayard blickte?
Da plötzlich trat die Gestalt vor ihm aus dem Schatten. Fandorin bekam endlich das Gesicht seines Gegners zu sehen.
Die Augen! Diese hellen Augen! Es war das Gesicht, das Fandorin seit so viel Jahren in seinen Träumen verfolgte. O nein, das durfte nicht sein! Nicht schon wieder dieser Alptraum! Sofort aufwachen!
Er mußte den psychologischen Vorteil ausnutzen, solange sein Objekt sich noch nicht wieder in der Gewalt hatte.
»Woher haben Sie die Adresse? Die genaue Zeit? Das Klopfzeichen?«
Der Detektiv schwieg.
Ahimaaz senkte die Mündung tiefer, bis sie auf die Kniescheibe zielte. Fandorin schien nicht zu erschrecken. Im Gegenteil, die Blässe verschwand aus seinem Gesicht.
»Von Wanda?«
Ahimaaz hatte die Frage nicht länger zurückhalten können. Und dummerweise klang seine Stimme auf einmal sehr belegt.
Der antwortet sowieso nicht! dachte er. Der stirbt lieber, ehe er auch nur ein Wort zuviel sagt. Diesen Menschenschlag kennen wir.
Da machte der Detektiv plötzlich den Mund auf: »Ich sage es Ihnen. Wenn Sie mir auch eine Frage beantworten. Woran ist Sobolew gestorben?«
Ahimaaz schüttelte den Kopf. Die menschliche Extravaganz war für ihn immer wieder ein Grund zum Staunen. Wobei einer, der seine professionelle Neugier im Angesicht des Todes bewahrte, allen Respekt verdiente.
»Das läßt sich machen«, sagte er. »Aber ich will eine ehrliche Antwort von Ihnen. Kriege ich die?«
»Ja.«
»Gut. Ein Farnwurzelextrakt vom Amazonas. Herzmuskelparalyse bei erhöhter Pulsfrequenz. Keinerlei Rückstände. Chateau Yquem.«
Weiterer Erläuterungen bedurfte es nicht. »Aha. Sieh an«, murmelte Fandorin.
»Also, was ist? War es Wanda?« fragte Ahimaaz durch die zusammengebissenen Zähne.
»Nein. Sie hat Sie nicht verraten.«
Beinahe hätte Ahimaaz aufgestöhnt, so unbändig erleichtert fühlte er sich. Für einen Moment mußte er die Augen schließen.
Die Art, wie sich das Gesicht des Mannes in Erwartung der Antwort anspannte, verriet Fandorin, warum er überhaupt noch am Leben war.
Und er wußte: Sobald die Antwort gegeben war, die dem Weißäugigen so unendlich viel bedeutete, würde der Schuß keinen Moment länger auf sich warten lassen.
Er durfte den Moment nicht verpassen, da der Finger am Abzug sich zu rühren anfing. Ein bewaffneter Mann, der sich einem unbewaffneten gegenübersieht, dämpft unweigerlich seine Instinkte, da ihn das leblose Metall in seiner Hand in Sicherheit wiegt. Die Reaktionen dieses Mannes sind verzögert - das gehört zum Einmaleins der Ninja-Kunst.
Das Wichtigste ist, den rechten Moment abzupassen. Den ersten Sprung nach vorn und leicht nach links, dann schießt er rechts vorbei. Den zweiten Sprung nach unten, dem Schützen vor die Füße - dann geht der nächste Schuß über den Kopf hinweg. Dann die Beine wegreißen.
Es war riskant. Acht Schritt Entfernung waren etwas sehr viel. Und fiel es dem Objekt ein, nur ein wenig zurückzuweichen, war er geliefert.
Aber er hatte keine Wahl.
Und da beging der Weißäugige zum ersten Mal eine Unachtsamkeit - er schloß für einen Moment die Augen.
Das genügte. Fandorin ging das Risiko, sich vor die Waffe zu werfen, gar nicht erst ein. Statt dessen schnellte er ohne Anlauf und wie von einer Feder getrieben aus dem Fenster. Den Rahmen mit den Ellbogen aus den Angeln schlagend, segelte er in einem Regen aus Glassplittern nach draußen, schlug in der Luft ein Salto und landete wohlbehalten in der Hocke. Er hatte sich nicht einmal geschnitten.
In seinen Ohren dröhnte es - der Weißäugige mußte geschossen haben. Selbstverständlich, ohne zu treffen.
Fandorin raste die Hauswand entlang. Er riß die Trillerpfeife aus der Hosentasche und ließ den vereinbarten Pfiff ertönen, mit dem die Polizeiaktion eröffnet war.
Noch nie hatte Ahimaaz einen Menschen mit solcher Schnelligkeit wegspringen sehen. Eben stand er noch da, und im nächsten Moment waren die Lackstiefel mit den weißen Gamaschen durch das Fenster verschwunden. Der Schuß kam einen Sekundenbruchteil zu spät.
Ohne zu überlegen, sprang Ahimaaz auf das mit Glasscherben übersäte Fensterbrett und flog hinterher. Er landete auf allen vieren.
Vor ihm rannte der Detektiv und blies verzweifelt in seine Pfeife. In diesem Moment tat er Ahimaaz sogar ein bißchen leid - der Arme hoffte auf Beistand.
Leichtfüßig wie ein Straßenjunge flitzte Fandorin um die Hausecke. Von Ahimaaz' Schuß aus der Hüfte spritzte nur der Putz von der Wand. Das war nicht gut.
Doch der vordere Hof war größer als der hintere. Bis zum Tor würde das Objekt nicht kommen.
Da vorne war das Tor - mit kleinem hölzernem Schutzdach und Schnitzwerk an den Pfosten. Ein russisches Tor wie aus dem Bilderbuch, gebaut noch vor Peters Zeiten. Aus unerfindlichem Grund sagte man dazu skythisches Tor - was die Moskowiter Zimmerleute mit den alten Steppennomaden zu schaffen gehabt hatten, war Fandorin schleierhaft. Mitten im Hof stand der Hauswart mit dem Besen in der Hand, den grindigen Mund weit aufgerissen, wie vom Donner gerührt. Der, welcher den Betrunkenen markiert hatte, hing immer noch so auf seiner Bank und glotzte dem fliehenden Detektiv entgegen. Und die Alte von vorhin, in dem komischen Kopftuch und dem Sackkleid, drückte sich erschrocken gegen die Mauer. Mit einem Mal begriff Fandorin: Das waren keine Polizeiagenten! Sondern ein Hauswart, ein Trunkenbold und eine Bettlerin, nichts sonst. Er hörte seinen Verfolger nahen.
Fandorin schlug einen Haken zur Seite, gerade noch rechtzeitig: Etwas Glühendes ritzte ihm die Schulter. Tangentialtreffer, nicht der Rede wert.
Durch das Tor hindurch sah er die Straße golden in der Sonne liegen. Scheinbar ganz nah und doch unerreichbar.
Erast Fandorin blieb stehen und wandte sich um. Was hatte es für einen Sinn, eine Kugel ins Kreuz zu bekommen?
Auch der Weißäugige stoppte. Dreimal hatte er geschossen, drei Schuß steckten also noch in seinem Bayard. Mehr als genug, um dem Erdenweg des Herrn Fandorin - sechsundzwanzig Jahre alt, ohne Anverwandte - ein Ende zu setzen.
Die Entfernung betrug fünfzehn Schritt. Zu viel, um etwas Ernsthaftes unternehmen zu können. Wo war Karatschenzew? Wo steckten seine Leute? Keine Zeit, sich den Kopf darüber zu zerbrechen.