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Ehrlich und ohne Umschweife berichtete Jack von den Ereignissen.

»Was ich nicht verstehen kann«, schloß er, »ist, daß es heute morgen um halb acht, also fünf Minuten später, kam.«

Lavington überlegte einen Moment. Dann fragte er:

»Wie spät ist es jetzt auf Ihrer Uhr?«

»Viertel vor acht«, sagte Jack.

»Dann ist es leicht zu erklären. Meine Uhr ist zwanzig vor acht. Ihre wird also fünf Minuten vorgehen. Das ist der interessanteste und wichtigste Punkt für mich. Sogar unschätzbar wichtig.«

»Wieso?«

»Nun, es sieht so aus, als ob Sie am ersten Morgen tatsächlich einen Schrei gehört hätten. Vielleicht war es ein Scherz, vielleicht auch nicht. An den folgenden Morgen suggerierten Sie sich selbst, ihn um die ganz gleiche Zeit wieder zu hören.«

»Ich bin sicher, daß ich ihn wirklich gehört habe.«

»Sie haben sich das nicht bewußt eingeredet. Aber das Unterbewußtsein spielt uns manchmal reichlich komische Streiche. Jedenfalls, diese Erklärung ist nichts wert. Wenn es ein Fall von Selbstsuggestion wäre, dann hätten Sie den Schrei genau dann gehört, als es auf Ihrer Uhr sieben Uhr fünfundzwanzig war.«

»Und nun?«

»Nun liegt es auf der Hand, daß dieser Hilferuf an einen bestimmten Platz und an eine bestimmte Zeit gebunden ist. Der Platz ist die Umgebung des Landhauses, und die Zeit ist fünfundzwanzig Minuten nach sieben.«

»Ja, aber warum sollte ausgerechnet ich derjenige sein, der ihn hört? Ich glaube nicht an Geister und dieses Spuktheater, Geisterbeschwörung und solchen Kram. Weshalb sollte gerade ich den verdammten Schrei hören?«

»Das können wir im Moment noch nicht sagen. Es ist seltsam, daß viele der besten Medien voller Skepsis stecken. Nicht die Leute, die an okkulten Phänomenen interessiert sind, haben übernatürliche Kräfte. Manche Menschen sehen und hören Dinge, die andere nicht hören. Wir wissen nicht, warum. Und von zehn wollen es neun nicht hören oder sehen und sind überzeugt, daß sie an Wahnvorstellungen leiden, genau wie Sie.

Es ist wie mit. der Elektrizität. Manche Substanzen sind gute Leiter, andere nicht, und lange wußten wir nicht weshalb, und mußten uns damit zufriedengeben, diese Tatsache zu akzeptieren. Heute wissen wir weshalb. Eines Tages werden wir auch wissen, warum Sie den Schrei hörten und das Mädchen und ich nicht.

Jedes Ding untersteht einem natürlichen Gesetz. Es gibt in Wirklichkeit nichts Übernatürliches. Diese Gesetze zu finden, die die sogenannten psychischen Phänomene beherrschen, wird eine schwere Aufgabe sein. Aber jeder kleinste Hinweis hilft.«

»Aber was soll ich machen?« fragte Jack.

Lavington schmunzelte.

»Praktisch, wie ich merke. Nun, mein junger Freund, Sie werden gehen und kräftig frühstücken. Dann werden Sie in die Stadt fahren und sich weiter den Kopf über Dinge zerbrechen, die Sie doch nicht verstehen. Ich andererseits werde ein wenig herumschnüffeln und sehen, was ich über dieses Landhaus da hinten herausfinden kann. Dort liegt das Zentrum des Geheimnisses, darauf möchte ich schwören.«

Jack erhob sich.

»Gut, Sir«, sagte er, »ich gehe. Aber ich meine ...«

»Ja?«

Jack errötete.

»Ich bin sicher, daß das Mädchen in Ordnung ist«, murmelte er.

Lavington schien sich zu amüsieren.

»Sie haben mir nicht gesagt, daß es sich um ein hübsches Mädchen handelt. Na, halten Sie die Ohren steif. Ich bin überzeugt, daß das Geheimnis schon bestand, bevor sie herkam.«

Voller Neugierde kam Jack an diesem Abend nach Hause. Er war jetzt soweit, Lavington blind zu vertrauen. Der Arzt hatte die Geschichte so natürlich aufgenommen und so realistisch behandelt, daß Jack tief beeindruckt war.

Sein neuer Freund wartete schon auf ihn in der Halle, als er zum Abendessen hinunterkam.

»Etwas Neues, Sir?« fragte Jack begierig.

»Ich habe mich ein wenig über die diversen Besitzer des Heather-Landhauses erkundigt. Zuerst war es von einem alten Gärtner und seiner Frau bewohnt. Als der Mann starb, ging die Frau zu ihrer Tochter. Dann erwarb es ein Baumeister, modernisierte es und verkaufte es an einen Herrn aus der Stadt, der es als Wochenendhaus benutzte. Ungefähr vor einem Jahr verkaufte der es an Mr. und Mrs. Turner. Das muß ein ziemlich eigenartiges Paar gewesen sein, soweit ich feststellen konnte. Er war Engländer, und seine Frau soll eine Halbrussin gewesen sein, sehr schön und sehr exotisch, wie man mir sagte. Sie lebten sehr zurückgezogen, besuchten niemanden und gingen kaum einmal in den Garten hinaus. Das Gerücht geht um, daß sie vor irgend etwas Angst hatten. Aber ich glaube, darauf sollten wir uns nicht verlassen.

Und eines Tages zogen sie ganz plötzlich aus. Sie kamen niemals wieder. Mr. Turner instruierte aus London lediglich einen Agenten, das Haus und die Möbel so schnell wie möglich zu verkaufen.

Der nächste Besitzer hieß Mr. Mauleverer. Er wohnte tatsächlich nur vierzehn Tage darin, dann inserierte er, daß das Haus möbliert zu haben sei. Die Leute, denen es jetzt gehört, sind ein schwindsüchtiger französischer Professor und seine Tochter. Sie sind erst zehn Tage dort.«

Jack hatte schweigend zugehört.

»Ich sehe nicht, wie uns das weiterbringen kann. Oder Sie?« fragte er endlich.

»Ich möchte noch mehr über die Turners wissen«, antwortete Lavington ruhig. »Sie verschwanden so sang- und klanglos, ganz frühmorgens. Soviel ich feststellen konnte, hat niemand ihr Weggehen bemerkt. Mr. Turner ist seitdem schon gesehen worden, aber ich kann niemanden finden, der Mrs. Turner je wieder gesehen hätte.«

Jack erbleichte.

»Das kann nicht sein! Sie meinen doch nicht ...«, stammelte er.

»Regen Sie sich nicht auf, junger Freund. Der Einfluß eines jeden kurz vor dem Tod, und speziell vor einem gewaltsamen Tod, auf seine Umgebung ist sehr stark. Diese Umgebung mag den Einfluß absorbiert haben, um ihn auf einen passend eingestellten Empfänger wieder auszustrahlen. In diesem Fall auf Sie.«

»Aber warum ich?« rief Jack rebellierend. »Weshalb nicht jemand anders, der etwas damit anfangen kann?«

»Sie betrachten diese Kraft als intelligent und überlegend. Sie ist blind und mechanisch. Ich glaube selbst nicht an erdgebundene Geister, die zu einem bestimmten Zweck irgendwo spuken. Aber ich habe immer und immer wieder Dinge gesehen, so daß ich kaum mehr glauben kann, daß es reiner Zufall ist. Meiner Meinung nach ist es so eine Art dunkles Umhertasten nach der Gerechtigkeit, eine unterirdische Bewegung blinder Kräfte, die immer verborgen nach dieser Richtung arbeiten.«

Er schüttelte sich, als hätte irgend etwas von ihm Besitz ergriffen. und belaste ihn, dann wandte er sich mit einem Lächeln an Jack.

»Lassen Sie uns die Geister verbannen, jedenfalls für heute abend«, schlug er vor.

Nur zu gern stimmte Jack zu, aber er hatte Mühe, damit fertig zu werden.

Während des Wochenendes stellte er selber Nachforschungen an, konnte aber nur wenig mehr als der Doktor ermitteln. Auf jeden Fall hatte er es aufgegeben, vor dem Frühstück Golf zu spielen.

Was dann passierte, kam völlig unerwartet.

Als er eines Tages zurückkam, wurde ihm mitgeteilt, daß ihn eine junge Dame sprechen wolle. Zu seiner Überraschung stellte sich heraus, daß es das Mädchen aus dem Garten war, das Stiefmütterchen-Mädchen, wie er sie in Gedanken immer genannt hatte.

Sie war sehr nervös und durcheinander.

»Ich hoffe, Sie verzeihen mir, Monsieur, daß ich einfach hierherkomme, um Sie zu sprechen. Aber ich muß Ihnen etwas erzählen. Ich ...«

Sie blickte sich unsicher um.

»Gehen wir hier hinein«, sagte Jack und führte sie in den Damensalon des Hotels, ein trostloses Zimmer in rotem Plüsch.