Offenbar hatte er vor, einen der Streifenwagen zu stehlen, deren Besitzer sich der in kopfloser Panik davonstürmenden Menge angeschlossen hatte, aber die schwarze Woge erreichte sie lange vor ihnen, und was sich vorhin nur in Brenners Phantasie abgespielt hatte, das sah er jetzt wirklich. Es war viel undramatischer, als er erwartet hätte, und gerade deshalb noch viel schlimmer: Für nicht viel mehr als eine Sekunde war es, als ob die Fahrzeuge unter einer schwarzen, sacht vibrierenden Decke verborgen würden, eine zuckende Masse, die ihre Formen abgerundet und diffus nachbildete und dann weiterglitt. Was zurückblieb, das waren ausgehöhlte Wracks ohne Reifen, Polsterung und Armaturenbretter; ja, selbst ohne Lack. Die Metallkarossen schimmerten matt, als wären sie mit einem Sandstrahlgebläse behandelt worden. Bei zwei, drei Wagen lösten sich die Front-und Heckscheiben, als sie ihrer Gummidichtungen beraubt wurden, und zerbarsten auf der Straße.
»Verflucht!« Salid blieb stehen und sah sich wild um. Die wogende Insektenarmee floß um seine Füße wie glitzerndes hartes Wasser, aber er nahm sie jetzt gar nicht mehr zur Kenntnis; ein weiterer Beweis dafür, daß seine Rede vorhin nichts als eine Schutzbehauptung gewesen war. Er machte einen Schritt zur Seite, blieb wieder stehen und drehte sich einmal im Kreis. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt, vor der Brenner erschrak. Schließlich rannte er weiter, flankte nahezu ansatzlos über einen der quergestellten Polizeiwagen hinweg und gestikulierte Brenner und Johannes ungeduldig zu, dasselbe zu tun.
Brenner folgte ihm, wesentlich weniger elegant, trotzdem aber fast ebenso schnell, während Johannes nicht einmal den Versuch machte, das Hindernis zu überwinden. Er stand einfach da und starrte ihn an. Seine Augen waren leer.
»Verdammt noch mal, worauf warten Sie?« fauchte Salid. »Sie – «
Brenner brachte ihn mit einer Geste zum Verstummen. Ein neues, auf eine schwer zu definierende Weise vielleicht noch schlimmeres Gefühl von Furcht breitete sich in ihm aus, als er in Johannes' Gesicht blickte. Eigentlich war es das erste Mal, daß er Johannes bewußt ansah, seit sie das Haus verlassen hatten. Johannes' Augen waren nicht wirklich leer. Es war noch etwas darin, aber Brenner bezweifelte plötzlich, ob es Leben war. Und er begriff im gleichen Moment, daß er nicht der einzige war, der Salid nicht wirklich aus freien Stücken folgte.
Wie hatte er nur so blind sein können? Hatte er wirklich geglaubt, nur er wäre mit dem Schlimmsten konfrontiert worden, was er sich vorstellen konnte? Vermutlich war er, verglichen mit dem jungen Geistlichen, noch gut dran. Sein Leben war in den letzten Stunden unwiderruflich zu einem Scherbenhaufen geworden, den keine Macht der Welt wieder kitten konnte, aber das war nichts gegen das, was Johannes durchmachen mußte. Er hatte nicht das Schlimmste erlebt, was er sich vorzustellen imstande war: Er hatte das Schlimmste getan, wozu er imstande war.
Er hatte einen Menschen getötet.
Es spielte keine Rolle, ob es in Selbstverteidigung geschehen war, absichtlich oder fast ohne sein Zutun. Er hatte ein menschliches Leben ausgelöscht, für einen Mann wie ihn ein Verbrechen von so absurder Größe, daß Brenner das Entsetzen, das er spüren mußte, wahrscheinlich nicht einmal in Ansätzen nachempfinden konnte.
»Worauf warten Sie?« fragte Salid noch einmal. Er klang immer noch ungeduldig, aber auch ein wenig unsicher. Vielleicht wußte er nicht, was in Johannes vorging, aber er hätte schon blind sein müssen, um nicht zu sehen, daß etwas mit ihm geschah.
Brenner wiederholte seine abwehrende Geste, wandte sich ganz zu Johannes um und streckte ihm die Hand entgegen. Mehr als eine Sekunde verging, bis Johannes überhaupt auf die Bewegung reagierte. Er blinzelte, sah auf Brenners ausgestreckte Rechte hinab und deutete ein Kopfschütteln an; nicht in der Art einer Verneinung, sondern eher so, als wisse er nicht, was er mit der dargebotenen Hand überhaupt anfangen sollte.
»Kommen Sie«, sagte Brenner leise. »Ich helfe Ihnen.«
Johannes reagierte auch jetzt nicht sofort, und Brenner wäre nicht überrascht gewesen, hätte er einfach den Kopf geschüttelt und wäre davongelaufen; oder hätte gar nichts getan. Aber dann hob er zögernd die Hand und ergriff die Brenners. Unbeholfen, aber gehorsam – willenlos – kletterte er über die Kühlerhaube des Wagens hinweg, so daß sie ihren Weg fortsetzen konnten.
Obwohl der Zwischenfall nur wenige Sekunden gedauert hatte, hatte sich das Bild auf der Straße vollkommen gewandelt, als Brenner sich wieder zu Salid herumdrehte. Vor ihnen standen zwei weitere Fahrzeugwracks auf blanken Felgen – ein Feuerwehrwagen und zwei Ambulanzen – und weitere in einer Entfernung von vielleicht dreißig oder vierzig Metern, aber es war kein Mensch mehr zu sehen. Die Straße lag leer und glänzend vor ihnen, aber mit Ausnahme von Salid, Johannes und ihm selbst war alles Leben winzig und vielbeinig und in glänzende Panzer aus schwarzem Horn eingeschlossen.
Salid wollte etwas sagen, aber er kam auch jetzt nicht dazu. Es war noch nicht vorbei. Die Dunkelheit, aus der sie geflüchtet waren, folgte ihnen ein zweites Maclass="underline" Rings um sie herum erloschen die Lichter.
Das Licht war ausgefallen, und die Dunkelheit, die sich im gleichen Moment hinter den Fenstern des Hausflures ausgebreitet hatte, sagte Kenneally, daß es sich nicht nur um eine ausgebrannte Glühbirne handelte. Trotzdem war er überrascht, als er nach einer Sekunde des Zögerns ans Fenster trat und hinausblickte.
Er sah praktisch nichts. Die Straße unter ihm hatte sich in eine schwarze Schlucht ohne Boden verwandelt, und wo die Stadt dahinter sein sollte, breitete sich nur eine gewaltige lichtlose Ebene aus. Und das war einigermaßen beunruhigend. Er befand sich in der dritten Etage, und auf dem Weg hierher hatte er sich seine Umgebung sehr genau eingeprägt: Die gegenüber liegende Straßenseite wurde nur von einer knapp zwei Meter hohen Betonmauer begrenzt, hinter der sich das Krankenhausgelände erstreckte, ein weitläufiger Park mit nur einem einzigen, nicht einmal sonderlich hohen Gebäude, so daß er eigentlich die gesamte Stadt hätte überblicken können müssen. Für die Dunkelheit, die er statt dessen sah, gab es nur eine einzige Erklärung: Der Stromausfall beschränkte sich nicht nur auf dieses Gebäude oder die Straße.
Ein leises Schleifen hinter Kenneally riß ihn aus seinen Gedanken. Blitzartig fuhr er herum und griff in die Tasche, fühlte aber nur das glatte Plastik des Funktelefons. Erst danach fiel ihm wieder ein, daß ihm die Beamten seine Waffe abgenommen hatten. Eine seiner Waffen.
Das Geräusch hatte sich nicht wiederholt, aber Kenneally war zu gut ausgebildet, um sich darauf zu verlassen, daß es nur Einbildung gewesen war oder ein Zufall. Während er konzentriert in die Schwärze hinter sich starrte, ließ er sich langsam in die Hocke sinken, griff nach unten und zog den Revolver, den er in einem Knöchelhalfter am linken Bein trug. Das Klicken, mit dem er den Hahn spannte, klang in der Stille des Hausflures schon fast selbst wie ein Pistolenschuß, aber es war auch ein ungemein beruhigender Laut – auch wenn er insgeheim das Gefühl hatte, daß ihm die Waffe nichts nutzen würde. Trotzdem war ihr Gewicht beruhigend, und sei es nur, weil es etwas Vertrautes war und etwas, was er Zeit seines Lebens mit Sicherheit und Macht assoziiert hatte.
»Ist da jemand?« fragte er – zuerst auf deutsch, denn natürlich war die naheliegendste Vermutung die, daß irgendein vorwitziger Hausbewohner ein Geräusch gehört hatte und herausgekommen war, und dann, als er keine Antwort bekam, noch einmal in seiner Muttersprache.
Das Ergebnis war dasselbe. Niemand antwortete. Niemand konnte antworten, denn er war allein. Seine Augen hatten sich mittlerweile weit genug an das schwache Licht gewöhnt, um den Flur überblicken zu können. Er sah zwar wenig mehr als ein Muster aus geometrischen Schatten, aber darin war kein Platz für einen Menschen. Seltsam … Für einen Moment war das Gefühl, beobachtet zu werden, so stark gewesen, daß es schon fast an Gewißheit grenzte, und normalerweise konnte er sich sehr gut auf sein Gefühl verlassen. Aber ve rmutlich waren seine Nerven auch nicht mehr die besten.