»Es gibt Fälle, bei denen selbst die Schlechtesten von ihnen zum Erfolg verpflichtet sind. Dazu gehört zum Beispiel, ein Ehepaar aus dem Keller zu fischen.«
»Entschuldigen Sie, aber ...«
»Ihre Entschuldigungen, wissen Sie, wo Sie sich die hinstecken können, mein Lieber? Sie werden mir die Freude machen, in diesen Keller zu stiefeln und das ganze Volk da rauszuholen. Ihr toller Galin verdient ein christliches Begräbnis. Und ich will bis zum Ende des Monats einen lobenden Artikel über unsere Abteilung sehen.«
»Und was ...«
»Und was diese Geschichte angeht ...?! Da halten Sie gefälligst Ihren Schnabel. Den ganzen Heckmeck mit der Presse können Sie machen, wenn der Fall ad actas ist. Nehmen Sie sechs Gendarmen mit und neustes Material, wenn sie wollen. Das wär’s ...«
»Und wenn ...«
»Und wenn Sie sich nicht bald rühren, verlassen Sie sich drauf, dann verderbe ich Ihnen Ihre Pension!«
Sie legte auf.
Kommissar Bilsheim wußte mit Irren umzugehen, nur mit ihr nicht. Er resignierte und machte sich daran, den Abstieg in den Keller zu planen.
WENN DER MENSCH: Wenn der Mensch Angst hat, glücklich ist oder wütend, produzieren seine endokrinen Drüsen Hormone, die nur in seinem eigenen Körper wirksam sind. Sie zirkulieren wie in einem geschlossenen Gefäß. Sein Herz schlägt schneller, er schwitzt, schneidet Grimassen, schreit oder weint. Das ist seine eigene Sache. Die anderen schauen ihn teilnahmslos an. Oder auch mitfühlend, weil ihr Intellekt es so beschlossen hat .
Wenn die Ameise Angst hat, glücklich ist oder wütend, zirkulieren die Hormone nicht nur in ihrem Körper, sie treten aus und dringen in den Körper der anderen ein. Dank dieser Pherohormone oder auch Pheromone schreien und weinen Millionen von Personen gleichzeitig. Es muß ein unglaubliches Gefühl sein, zu spüren, daß die anderen die Dinge miterleben, und sie alles spüren zu lassen, was man selbst verspürt .
Edmond Wells
Enzyklopädie des relativen und absoluten Wissens
In sämtlichen Städten der Föderation herrscht Jubel. Den erschöpften Kämpferinnen werden reichlich gezuckerte Trophallaxien angeboten. Helden gibt es jedoch nicht. Jeder hat seine Aufgabe erfüllt, unwichtig, ob gut oder schlecht. Nach Beendigung der Mission fängt alles wieder bei Null an.
Die Wunden werden mit großen Speicheleinheiten gepflegt. Einige naive Anfängerinnen tragen in ihren Mandibeln ein, zwei oder drei Beine, die ihnen im Kampf abgerissen wurden und die sie durch ein Wunder wiedergefunden haben. Man erklärt ihnen, daß man die nicht wieder ankleben kann.
In dem großen Kampfsaal des 45. UG stellen Soldatinnen für diejenigen, die nicht dabei waren, die einzelnen Abschnitte der Schlacht am Mohnhügel nach. Eine Hälfte spielt die Zwerginnen, die andere die roten Ameisen.
Sie führen den Angriff auf die Verbotene Stadt von La-chola-kan auf, die Attacke der Roten, den Kampf gegen die eingegrabenen Köpfe, die vorgetäuschte Flucht, das Eingreifen der Panzer, ihre völlige Niederlage gegen die Karrees der Zwerginnen, den Sturm auf den Hügel, die Reihen der Artilleristinnen, das abschließende Getümmel ...
Die Arbeiterinnen sind zahlreich erschienen. Sie verstehen jedes Bild dieser Rückschau. Ein Punkt weckt besonderes Interesse: die Technik der Panzer. Immerhin hat da auch ihre Kaste ihren Anteil. Ihrer Meinung nach sollte man nicht darauf verzichten, man muß sie nur intelligenter einsetzen, nicht nur bei Frontalangriffen.
Nr. 103 683 ist gut davongekommen. Sie hat nur ein Bein verloren. Eine Lappalie, wenn einem sechs zur Verfügung stehen. Das bedarf kaum einer Erwähnung. Das 56. Weibchen und das 327. Männchen, die als fortpflanzungsfähige Ameisen nicht an dem Krieg teilgenommen haben, ziehen sie zur Seite. Antennenkontakt.
Keine Probleme hier?
Nein, die Kriegerinnen mit dem Felsenduft waren alle in der Schlacht. Wir waren in der Verbotenen Stadt eingesperrt, für den Fall, daß die Zwerginnen hierherkommen. Und dort? Hast du die Geheimwaffe der Zwerginnen gesehen?
Nein.
Nein? Es war doch von einem beweglichen Akazienzweig die Rede ...
Nr. 103 683 erklärt, die einzige neuartige Waffe, mit der sie konfrontiert waren, sei die schreckliche alternaria gewesen, sie hätten jedoch ein Abwehrmittel gefunden.
Das kann es nicht gewesen sein, was die erste Expedition getötet hat, stellt Nr. 327 fest. Er ist ganz sicher: Keiner der Kadaver, die er untersucht hat, wies die geringste Spur dieser tödlichen Sporen auf.
Also?
Verunsichert beschließen sie, ihre AK zu verlängern. Sie würden gern klarer sehen. Erneuter Austausch von Gedanken und Meinungen:
Warum haben die Zwerginnen nicht zu dieser Waffe gegriffen, die die achtundzwanzig Kundschafterinnen so gründlich aufgerieben hat? Sie haben doch nichts unversucht gelassen, um zu siegen. Hätten sie eine solche Waffe in den Klauen gehabt, hätten sie wohl kaum gezögert, sie einzusetzen! Und wenn sie sie gar nicht haben? Vielleicht sind sie vorbeigekommen, bevor oder nachdem die Geheimwaffe zugeschlagen hat, vielleicht war das purer Zufall ...
Diese Hypothese würde ganz gut mit dem Angriff auf La-chola-kan übereinstimmen. Man kann durchaus die Duftmarken der Zwerginnen bei den Kadavern der ersten Expedition hinterlassen haben, um die Belokanerinnen auf eine falsche Fährte zu locken. Und wer hätte ein Interesse daran? Wenn die Zwerginnen nicht für sämtliche Anschläge verantwortlich zu machen sind, wer dann? Die anderen! Der zweite unerbittliche Widersacher, der Erzfeind: die Termiten!
Der Verdacht ist nicht abwegig. Seit einiger Zeit überqueren vereinzelt Soldatinnen aus dem großen Termitenhügel des Ostens den Fluß und fallen immer häufiger in die föderierten Jagdgründe ein. Ja, das waren bestimmt die Termiten. Sie haben die Zwerginnen und die roten Ameisen gegeneinander aufgehetzt. Auf diese Weise können sie sich beider mühelos entledigen. Wenn sich ihre Feindinnen gegenseitig geschwächt haben, brauchen sie die Ameisenstädte nur noch einzusammeln.
Und die Kriegerinnen mit dem Felsenduft? Das wären Spioninnen im Sold der Termiten, das ist alles.
Je mehr ihr gemeinsames Denken durch ihre drei Gehirne kreist, um so mehr verfeinert es sich und um so klarer erscheint es ihnen, daß die Termiten des Ostens im Besitz der »Geheimwaffe« sind.
Aber sie werden von den allgemeinen Düften des Volkes gestört und aus ihrer Unterhaltung gerissen. Die Stadt hat beschlossen, die Kriegspause auszunutzen und das Fest der Wiedergeburt vorzuverlegen: es wird morgen stattfinden.
Sämtliche Kasten an ihre Plätze! Die Weibchen und Männchen in die Verpflegungssäle, um sich mit Zucker vollzustopfen! Die Artilleristinnen laden ihre Hinterleiber in den Sälen der organischen Chemie auf!
Bevor sie sich von ihren Gefährten trennt, scheidet die 103 683. Soldatin ein Pheromon aus:
Paart euch schön! Keine Sorge, ich führe die Ermittlungen weiter. Wenn ihr im Himmel seid, mache ich mich auf den Weg zu dem großen Termitenhügel des Ostens.
Kaum sind sie aufgebrochen, erscheinen die beiden Killerinnen, die brutale Dicke und die kleine Hinkende. Sie schaben die Wände ab und bemächtigen sich der flüchtigen Pheromone der Unterhaltung, die gerade stattgefunden hat.
Nachdem Inspektor Galin und die Feuerwehrleute gescheitert waren, wurde Nicolas in ein Waisenhaus gebracht, das nur ein paar hundert Meter von der Rue des Sybarites entfernt war.
Neben den richtigen Waisen wurden dort auch Kinder zusammengepfercht, die von ihren Eltern verstoßen oder geschlagen worden waren. Der Mensch gehört nämlich zu den wenigen Arten auf Erden, die fähig sind, ihren Nachwuchs zu verlassen oder zu mißhandeln. Die jungen Menschen verbrachten dort schwere Jahre, ihre Erziehung war von zahlreichen Fußtritten in den Hintern geprägt. Sie wurden größer, und sie wurden härter. Die meisten von ihnen wurden anschließend Berufssoldaten.