Edmond Wells
Enzyklopädie des relativen und absoluten Wissens
Der Wind hat nachgelassen, die Luftströme werden seltener, die Temperatur steigt. Um 22°-Zeit beschließt die Stadt, ihre Kinder loszuschicken.
Die Weibchen lassen ihre vier Flügel surren. Sie sind bereit, nur zu bereit. All diese Düfte reifer Männchen haben ihr sexuelles Verlangen auf die Spitze getrieben.
Die ersten Jungfrauen heben anmutig ab. Sie schwingen sich auf eine Höhe von hundert Kopf und ... werden von den Spatzen hinweggerafft. Keine kommt durch.
Unten herrscht Bestürzung, aber deshalb wird man nicht aufgeben. Eine zweite Welle hebt ab. Vier Weibchen von hundert schaffen es, diese Sperre aus Federn und Schnäbeln zu durchbrechen. Die Männchen machen sich in einem dichten Geschwader auf die Verfolgung. Sie werden durchgelassen, sie sind zu schmächtig, als daß sich die Spatzen für sie interessieren würden.
Eine dritte Welle von Weibchen schwingt sich zum Sturm auf die Wolken empor. Über fünfzig Vögel sind auf ihrem Weg. Es folgt ein einziges Gemetzel. Die Vögel werden immer zahlreicher, als hätten sie sich abgesprochen. Spatzen sind dort. Rotkehlchen. Buchfinken. Tauben ... Sie zwitschern lauthals. Auch für sie ist das ein Festtag!
Eine vierte Welle hebt ab. Auch diesmal kommt keines der Weibchen durch. Die Vögel streiten sich untereinander um die besten Stücke.
Die Artilleristinnen werden nervös. Sie schießen vertikal mit aller Kraft ihrer Säuredrüsen. Aber die Räuber fliegen zu hoch. Die tödlichen Tropfen fallen auf die Stadt zurück und verursachen zahlreiche Schäden und Verletzungen.
Einige Weibchen geben erschreckt auf. Sie sind der Ansicht, daß es unmöglich ist, durchzukommen, und ziehen es vor, wieder nach unten zu gehen und wie die anderen flügellahmen Prinzessinnen in den Sälen die Paarung zu vollziehen.
Die fünfte Welle schwingt sich empor, zum höchsten Opfer bereit. Sie müssen unbedingt diese Mauer aus Schnäbeln durchbrechen! Siebzehn Weibchen kommen durch, unmittelbar gefolgt von dreiundvierzig Männchen.
Sechste Welle: Zwölf Weibchen durchgekommen!
Siebte Welle: Vierunddreißig!
Nr. 56 bewegt ihre Flügel. Sie wagt es noch nicht, loszufliegen. Gerade ist der Kopf einer Schwester vor ihre Füße gefallen, gefolgt von einer schlaffen, unheilverkündenden Flaumfeder. Sie wollte wissen, wie die große Außenwelt beschaffen ist? Ah, jetzt weiß sie Bescheid!
Wird sie mit der achten Welle abheben? Nein ... Und sie tut gut daran, denn jene wird vollständig vernichtet.
Die Prinzessin hat Lampenfieber. Erneut läßt sie ihre Flügel surren und steigt ein wenig auf. Schön, wenigstens das klappt, kein Problem, das ist nur ihr Kopf, der ... Angst ergreift sie. Sie muß einen klaren Kopf bewahren. Die Aussichten, daß sie es schafft, sind sehr gering ...
Nr. 56 unterbricht ihr Flattern: Dreiundsiebzig Weibchen der neunten Welle sind durchgekommen. Die Arbeiterinnen stoßen aufmunternde Pheromone aus. Neue Zuversicht erwacht. Wird sie mit der zehnten Welle losfliegen?
Als sie noch zögert, erblickt sie plötzlich ein Stück weiter die kleine Hinkende und die dicke Killerin mit den auf ewig erloschenen Augen. Mehr bedarf es nicht, um ihr einen Ruck zu geben. Sie fliegt blitzschnell los. Die Mandibeln schließen sich in der Luft. Sie haben Nr. 56 nur knapp verfehlt.
Sie hält sich einen Moment auf halber Höhe zwischen der Stadt und dem Vogelschwarm. Dann wird sie von dem Sog der zehnten Welle erfaßt. Sie läßt sich mitreißen, schwingt sich ebenfalls geradewegs auf den Schlund der Lüfte zu. Ihre beiden Nachbarinnen lassen sich erhaschen, sie selbst entkommt unverhofft den riesigen Fängen einer Meise.
Reine Glückssache.
Nun, vierzehn von ihnen sind unversehrt durchgekommen. Aber Nr. 56 macht sich keine Illusionen. Sie hat nur die erste Prüfung überstanden. Das Schlimmste liegt noch vor ihr. Sie kennt die Zahlen. In der Regel erreichen von eintausendfünfhundert Prinzessinnen ungefähr zehn ohne Zwischenfall den Boden. Günstigstenfalls vier Königinnen gelingt es, ihre Stadt zu gründen.
manchmal, wenn: Manchmal, wenn ich im Sommer spazierengehe, bemerke ich, daß ich fast auf eine Art Fliege getreten wäre (??). Ich schaue genauer hin: eine Ameisenkönigin. Wenn eine da ist, sind Tausende da. Sie winden sich auf der Erde. Sie werden von den Schuhen der Leute zertreten oder prallen gegen die Windschutzscheibe der Fahrzeuge. Sie sind erschöpft, können ihren Flug nicht mehr kontrollieren. Wie viele Städte wurden auf diese Art zerstört, durch einen simplen Scheibenwischer auf einer sommerlichen Straße?
Edmond Wells
Enzyklopädie des relativen und absoluten Wissens
Während Nr. 56 ihre vier langen Flügel schwingt, nimmt sie wahr, wie sich hinter ihr die gefiederte Mauer über der elften und zwölften Welle schließt. Die Ärmsten! Noch fünf Wellen, dann hat die Stadt all ihre Hoffnungen verpulvert.
Sie denkt schon nicht mehr daran, sie wird von dem unendlichen Azur angezogen. Alles ist blau, so blau! Es ist phantastisch, durch die Lüfte zu schießen, wenn man bislang nur das Leben unter der Erde gekannt hat. Ihr ist, als bewegte sie sich in einer anderen Welt. Sie hat die schmalen Gänge gegen einen schwindelerregenden Raum eingetauscht, in dem alles in drei Dimensionen explodiert.
Intuitiv entdeckt sie sämtliche Flugvarianten. Wenn sie ihr Gewicht auf diesen Flügel verlagert, fliegt sie nach rechts. Wenn sie den Anstellwinkel ihres Flügelschlags ändert, steigt sie empor. Oder sie sinkt tiefer. Oder wird schneller ... Sie stellt fest, daß sie, um eine perfekte Kurve hinzulegen, die Spitzen ihrer Flügel in eine imaginäre Achse bringen muß und nicht davor zurückschrecken darf, ihren Körper in einem Winkel von über fünfundvierzig Grad abzuknicken.
Das 56. Weibchen entdeckt, daß der Himmel keineswegs leer ist. Im Gegenteil. Er ist voller Strömungen. Einige, die »Pumpen«, lassen sie aufsteigen. Die Luftlöcher hingegen kosten sie Höhe. Man kannte nur erkennen und sich darauf einstellen, wenn man die Bewegungen der Insekten weiter vorn beobachtet.
Sie friert. Es ist kalt hier oben. Manchmal kommen Luftwirbel, laue oder eisige Windstöße, die sie herumschleudern wie einen Kreisel.
Eine Gruppe von Männchen hat sich auf die Verfolgung gemacht. Nr. 56 beschleunigt, um nur von den schnellsten und hartnäckigsten eingeholt zu werden. Das ist die erste genetische Selektion ...
Sie spürt etwas. Ein Männchen hat sich an ihrem Hinterleib festgemacht, klettert an ihr hoch, steigt auf sie hinauf. Es ist ziemlich klein, aber da es aufgehört hat, mit den Flügeln zu schlagen, erscheint ihr sein Gewicht beträchtlich.
Sie verliert ein wenig an Höhe. Oben windet sich ihr Begleiter, um nicht von den Flügeln behindert zu werden. Vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht, verbiegt er seinen Hinterleib, um mit seinem Stachel das weibliche Geschlecht zu erreichen.
Sie harrt neugierig der Empfindungen. Ein köstliches Kribbeln steigt in ihr auf. Das bringt sie auf eine Idee. Ohne Vorwarnung kippt sie nach vorn und geht in den Sturzflug. Der helle Wahn! Die große Ekstase! Geschwindigkeit und Sex vereinen sich zu ihrem ersten großen cocktail der Wonne.
Das Bild des 327. Männchens geht ihr kurz durch den Sinn. Der Wind pfeift durch die Härchen zwischen ihren Augen. Ein würziger Saft läßt ihre Antennen erzittern. Einige ihrer Sinne verwandeln sich in eine bewegte See. Sonderbare Flüssigkeiten quellen aus all ihren Drüsen hervor. Sie vermischen sich zu einer schäumenden Suppe, die sich in ihr Gehirn ergießt.
In Höhe der Gräser angekommen, nimmt sie all ihre Kraft zusammen und schlägt wieder mit den Flügeln. Jetzt schießt sie wie ein Pfeil nach oben. Als sie sich wieder beruhigt, fühlt sich das Männchen gar nicht mehr gut. Seine Beine schlottern, seine Mandibeln hören nicht auf, sich grundlos zu öffnen und zu schließen. Herzstillstand. Und freier Fall ...