So hat man zum Beispiel in der Umgebung des 12. UG einen unterirdischen Fluß entdeckt. Ihrer Meinung nach ist das Wasser ein Element, das nur unzureichend erforscht worden ist. Man muß ein Mittel finden, darüber hinwegzugehen.
Als erstes wird eine Einheit beauftragt, die Insekten zu studieren, die im Süßwasser leben: Schwimmkäfer,
Hüpferlinge, Wasserflöhe ... Sind sie eßbar? Kann man eines Tages welche in unbewachten Lachen auf ziehen?
Ihre erste berühmte Rede hält sie über das Thema der Pflanzenläuse:
Wir gehen auf eine Epoche kriegerischer Wirren zu. Die Waffen werden immer ausgeklügelter. Wir werden da nicht immer mithalten können. Eines Tages wird die Jagd draußen vielleicht Glückssache sein. Wir müssen das Schlimmste ins Auge fassen. Unsere Stadt muß sich so weit wie möglich in die Tiefe ausdehnen. Und wir müssen die Aufzucht der Pflanzenläuse intensiver betreiben als jede andere Form der Lieferung von lebenswichtigem Zucker. Dieses Vieh muß in Ställen in den untersten Stockwerken untergebracht werden.
Dreißig ihrer Töchter ziehen aus und kehren mit zwei Pflanzenläusen zurück, die kurz davor sind, ihren Nachwuchs zur Welt zu bringen. Nach einigen Stunden sind sie im Besitz von gut hundert kleinen Pflanzenläusen, denen sie die Flügel stutzen. Sie bringen diesen Grundstock des künftigen Viehbestands in das 23. UG, wo er vor den Marienkäfern in Sicherheit ist, und versorgt ihn reichlich mit frischen Blättern und saftigen Stengeln.
Chli-pu-ni sendet Kundschafterinnen in alle Himmelsrichtungen. Einige bringen Lamellenpilzsporen mit, die sogleich in den Pilzkulturen eingepflanzt werden. Die entdeckungsfreudige Königin beschließt sogar, den Traum ihrer Mutter zu verwirklichen: Sie läßt an der Ostgrenze eine Reihe von Samenkörnern fleischfressender Pflanzen aussäen. Auf diese Weise hofft sie einen eventuellen Angriff der Termiten und ihrer Geheimwaffe aufzuhalten.
Denn das Rätsel der Geheimwaffe, die Ermordung des 327. Prinzen und die unter dem Granitfelsen versteckten Nahrungsvorräte hat sie keineswegs vergessen.
Sie schickt eine Gruppe von Abgesandten nach Bel-o-kan. Offiziell haben sie den Auftrag, der Königin die Gründung der fünfundsechzigsten Stadt und ihren Anschluß an die Föderation zu melden. Inoffiziell jedoch sollen sie versuchen, die Ermittlungen im 50. UG von Bel-o-kan fortzusetzen.
Es klingelte an der Tür, als Augusta gerade ihre kostbaren, leicht bräunlichen Fotos an die Wand nadelte. Sie vergewisserte sich, daß die Sicherheitskette eingehakt war, und öffnete die Tür einen Spaltbreit.
Vor ihr stand ein adretter Herr mittleren Alters: selbst das Revers seines Jacketts war frei von Schuppen.
»Guten Tag, Madame Wells. Darf ich mich vorstellen: Professor Leduc, ein Kollege Ihres Sohnes Edmond. Ich will nicht lange drum herum reden. Ich weiß, daß Sie bereits Ihren Enkel und Ihren Urenkel in dem Keller verloren haben. Und daß acht Feuerwehrleute, sechs Gendarmen und zwei Kriminalbeamte ebenfalls darin verschwunden sind. Dennoch, Madame ... Ich würde gern dort hinuntergehen.«
Augusta war nicht sicher, ob sie recht gehört hatte. Sie stellte ihr Hörgerät auf maximale Lautstärke.
»Sie sind Professor Rosenfeld?«
»Nein. Leduc. Professor Leduc. Wie ich sehe, haben Sie schon von Rosenfeld gehört. Rosenfeld, Edmond und ich, wir sind alle drei Insektenforscher. Wir haben ein gemeinsames Spezialgebiet: die Ameisenforschung. Aber Edmond war uns um einiges voraus. Es wäre schade, wenn die Menschheit nicht davon profitieren könnte . Ich würde gern in Ihren Keller gehen.«
Wenn man schlecht hört, schaut man um so besser hin. Sie musterte die Ohren dieses Leduc. Das menschliche Wesen hat die Besonderheit, seinen ursprünglichen Zustand in sich zu bewahren: In diesem Sinne stellt das Ohr den Fötus dar. Das Ohrläppchen entspricht dem Kopf, die Gräte der Ohrmuschel der Wirbelsäule usw. Dieser Leduc mußte ein magerer Fötus gewesen sein, und für magere Föten hatte Augusta nicht viel übrig.
»Und was hoffen Sie in diesem Keller zu finden?«
»Ein Buch. Eine Enzyklopädie, in der er systematisch all seine Arbeiten notiert hat. Edmond war ein Geheimniskrämer.
Er hat vermutlich alles da unten vergraben und Fallen gestellt, um die Banausen zu töten oder abzuschrecken. Ich hingegen gehe als Sachkundiger hinunter, und ein Sachkundiger ...«
». kann genausogut ums Leben kommen!« ergänzte Augusta.
»Geben Sie mir eine Chance.«
»Treten Sie ein, Monsieur ...?«
»Leduc. Professor Leduc vom Laboratorium 352 des Nationalen Forschungszentrums.«
Sie führte ihn zur Kellertür. Auf der Mauer, die die Polizei errichtet hatte, prangte in breiten roten Buchstaben eine Inschrift:
NIE WIEDER DARF JEMAND DIESEN VERDAMMTEN KELLER BETRETEN
Augusta deutete mit dem Kinn darauf.
»Wissen Sie, was die Leute in diesem Haus sagen, Monsieur Leduc? Sie sagen, das sei der Eingang zur Hölle. Sie sagen, dieser Keller sei wie eine fleischfressende Pflanze, die die Menschen verschlingt, die ihren Schlund kitzeln ... Einige sind sogar dafür, den Keller zuzubetonieren.«
Sie betrachtete ihn von oben bis unten.
»Haben Sie keine Angst zu sterben, Monsieur Leduc?«
»Doch«, sagte er spöttisch lächelnd. »Doch, ich habe Angst, idiotisch zu sterben, ohne zu wissen, was auf dem Grund dieses Kellers ist.«
Nr. 103 683 und Nr. 4000 haben das Nest der Weberinnen verlassen. Zwei Kriegerinnen mit spitzem Stachel begleiten sie. Gemeinsam ziehen sie über durch kaum wahrnehmbare Pheromone markierte Duftpisten. Sie sind bereits ein paar tausend Kopf von dem in den Zweigen des Haselstrauches gewebten Nest entfernt. Allen möglichen exotischen Tieren, deren Namen sie nicht einmal kennen, sind sie begegnet. Sicherheitshalber gehen sie ihnen aus dem Weg.
Wenn die Nacht hereinbricht, wühlen sie sich so tief wie möglich in den Boden, um sich der wohligen Wärme und dem Schutz der Nährmutter Erde anzuvertrauen.
Heute haben die beiden Weberinnen sie auf den höchsten Punkt eines Hügels geführt.
Ist das Ende der Welt noch weit?
Das ist da lang.
Von der Höhe aus sehen die beiden roten Ameisen, so weit das Auge reicht, ein einziges Universum von dunklem Gestrüpp. Die Weberinnen erklären ihnen, daß ihre Mission hier ende, daß sie ihnen nicht weiter folgen. Es gebe gewisse Orte, an denen ihr Duft nicht gut gelitten sei.
Die Belokanerinnen müßten weiter geradeaus gehen bis zu den Feldern der Schnitterinnen. Jene lebten ständig in der Nähe des »Randes der Welt«; sie könnten ihnen bestimmt Auskunft geben.
Bevor sie sich von ihren Führerinnen trennen, übergeben sie ihnen die kostbaren Identifizierungspheromone der Föderation, den vereinbarten Preis der Durchreise. Dann eilen sie den Hügel hinunter auf die Felder zu, die von den erwähnten Schnitterinnen bestellt werden.
SKELETT: Ist es besser, sein Skelett innerhalb oder außerhalb des Körpers zu haben?
Wenn das Skelett außen ist, bildet es eine schützende Karosserie. Das Fleisch ist vor äußeren Gefahren geschützt, doch dafür wird es schlaff, beinahe flüssig. Und wenn trotz des ganzen Panzers eine Spitze nach innen dringt, sind die Schäden irreparabel.
Wenn das Skelett nur eine schmale und unbewegliche Stange im Innern der Masse bildet, ist das zuckende Fleisch allen möglichen Angriffen ausgesetzt. Die Verletzungen sind vielfach und dauerhaft. Aber gerade diese scheinbare Schwäche zwingt den Muskel und seine Fasern, härter und widerstandsfähiger zu werden.
Ich habe Menschen gesehen, die sich dank ihres Verstands »intellektuelle« Rüstungen geschmiedet hatten, die sie vor Unannehmlichkeiten schützten. Sie wirkten stärker als andere. Sie sagten: »Da pfeif ich drauf« und lachten über alles. Aber wenn ein Problem ihren Panzer durchschlug, waren die Schäden fürchterlich.