„Puh", keuchte Conners und stützte sich auf den Kassentisch.
Sein Ärmel war zerrissen, und seine Wange war zerkratzt und wund. Seine Brille war verrutscht, sein Haar zerwühlt, und er war völlig erschöpft. „Meinst du, daß wir die Bullen anrufen sollen? Mit dem Burschen stimmt doch etwas nicht."
O'Neill stand neben der Tür, schnappte nach Luft und äugte hinaus in die Dunkelheit. Er konnte den Jungen auf dem Bürgersteig sitzen sehen. „Er ist noch immer dort draußen", murmelte er. Menschen drängten sich an dem Jungen vorbei, bis schließlich einer von ihnen anhielt und ihn hochzog. Der Junge riß sich loß und verschwand dann in der Nacht. Die große Gestalt hob ihre Pakete wieder auf, zögerte noch einen Moment und ging dann weiter. O'Neill wandte sich ab. „Was für eine verfluchte Angelegenheit." Mit dem Taschentuch wischte er sich über das Gesicht. „Er hat sich wie ein Verrückter gewehrt."
„Was war denn nur mit ihm los? Er hat überhaupt nichts gesagt, nicht ein verdammtes Wort."
„Weihnachten ist eine scheußliche Zeit, um jemand etwas wegzunehmen", bemerkte O'Neill. Noch ein wenig zittrig griff er nach seinem Mantel. „Es ist wirklich schlimm. Ich wünschte, sie hatten ihn behalten können."
Conners zuckte die Achseln. „Kein Geld, keine Ware."
„Warum, zum Teufel, können wir ihnen nicht etwas entgegenkommen? Vielleicht..." O'Neill suchte nach den richtigen Worten. „Vielleicht könnte man an derartige Leute die Bunker zum Discountpreis verkaufen."
Conners starrte ihn verärgert an. „Zum Discountpreis? Dann verlangt doch jeder Rabatt. Es wäre nicht fair - und wie lange könnten wir uns dann in dem Geschäft halten? Wie lange würde es dauern, bis uns GEC dazwischenfunkt?"
„Ich befürchte, nicht sehr lange", gab O'Neill bedrückt zu.
„Also benutz deinen Verstand." Conners lachte grell. „Was du brauchst, das ist ein tüchtiger Schluck. Komm mit ins
Hinterzimmer - ich habe dort in einer Schublade noch eine halbe Flasche Haig and Haig versteckt. Ein paar Schlucke davon werden dich aufwärmen, bevor du dich auf den Heimweg machst. Genau das ist es, was dir fehlt."
Mike Foster wanderte ziellos durch die dunklen Straßen, schob sich durch die Menschenmassen, die von ihren Einkäufen kamen und nach Hause eilten. Er sah nichts; oft wurde er angerempelt, aber er bemerkte es nicht einmal. Lichter, lachende Menschen, das Getröte von Autohupen und die blinkenden Signale der Verkehrsampeln. Er war wie betäubt, und sein Kopf war leer, tot. Er ging mechanisch weiter, ohne sich dessen bewußt zu sein, ohne etwas zu fühlen.
Rechts von ihm blinkte und glühte eine grelle Neonreklame durch die Schatten der Nacht. Eine riesige Inschrift, hell und farbenfroh.
FRIEDE AUF ERDEN GLÜCK FÜR DIE MENSCHEN
ÖFFENTLICHER BUNKER EINTRITT 50 CENT
Das Vater-Ding
„Das Essen ist fertig", rief Mrs. Walton. „Geh zu deinem Vater und sage ihm, er soll sich die Hände waschen. Und das gilt auch für dich, junger Mann." Sie trug eine dampfende Kasserole zu dem hübsch gedeckten Tisch. „Er ist bestimmt draußen in der Garage."
Charles zögerte. Er war erst acht Jahre alt, und das Problem, das ihn beschäftigte, hätte auch Erwachsene aus der Fassung gebracht. „Ich ..." begann er unsicher.
„Was ist los?" June Walton bemerkte den unbehaglichen Ton in der Stimme ihres Sohnes, und ihr mütterliches Herz pochte mit einem Mal heftiger, erfüllt von plötzlicher Besorgnis. „Ist Ted denn nicht in der Garage? Um Himmels willen, vor einer Minute noch hat er dort die Heckenschere geschärft. Er ist doch nicht hinüber zu den Andersons gegangen, oder? Ich habe ihm gesagt, daß das Essen schon praktisch auf dem Tisch steht."
„Er ist in der Garage", sagte Charles. „Aber er ... er spricht mit sich selbst."
„Er spricht mit sich selbst?" Mrs. Walton zog ihre glänzende Plastikschürze aus und hängte sie über die Türklinke. „Ted? Aber warum denn? Er spricht doch nie mit sich selbst. Geh jetzt und sage ihm, er soll hereinkommen." Sie goß kochendheißen schwarzen Kaffee in die blau-weißen chinesischen Tassen und begann Rührei auf die Teller zu füllen. „Was ist mit dir los? Geh schon und rufe ihn!"
„Ich weiß nicht, wen von den beiden ich rufen soll", stieß Charles verzweifelt hervor. „Sie sehen beide gleich aus."
June Waltons Finger lösten sich von dem Stiel der Aluminiumpfanne und das Rührei drohte zu Boden zu fallen. Rechtzeitig griff sie wieder zu. „Junger Mann", begann sie ärgerlich, aber in diesem Augenblick betrat Ted Walton die Küche, atmete tief durch, schnüffelte und rieb sich die Hän
de. „Ah", rief er fröhlich. „Rührei und Lammsteak."
„Beefsteak", murmelte June. „Ted, was hast du da draußen gemacht?"
Ted nahm auf seinem Stuhl Platz und entfaltete seine Serviette. „Ich habe die Scheren scharf wie ein Rasiermesser geschliffen. Geölt und geschärft. Besser, du faßt sie nicht an - sie könnten dir die Hand abschneiden." Er war ein gutaussehender Mann Anfang Dreißig mit dichtem blonden Haar, kräftigen Armen, geschickten Händen, einem breiten Gesicht und leuchtenden braunen Augen. „Mann, dieses Steak sieht verdammt gut aus. War ein harter Tag im Büro -du weißt ja, wie es freitags zugeht. Das Zeug stapelt sich zu wahren Bergen und wir sind nur zu fünft, um die ganzen Rechnungen auszustellen. AI McKinley behauptet, die Abteilung könnte zwanzig Prozent mehr erledigen, wenn wir unsere Frühstückspause organisieren würden; wenn wir sie so einteilen, daß sich immer jemand im Büro aufhält." Er nickte Charles zu. „Setz dich, damit wir anfangen können."
Mrs. Walton servierte die Erbsen. „Ted", sagte sie, während sie sich langsam hinsetzte, „beschäftigt dich irgend etwas?"
„Ob mich etwas beschäftigt?" Er blinzelte verwirrt. „Nein, nichts Ungewöhnliches. Alles ist wie immer. Warum?"
Unbehaglich blickte June Walton zu ihrem Son hinüber. Charles saß kerzengerade auf seinem Stuhl, und sein Gesicht war ausdruckslos und weiß wie Kalk. Er hatte sich bisher nicht gerührt, weder seine Serviette auseinandergefaltet, noch seine Milch getrunken. Spannung lag in der Luft; sie fühlte es deutlich. Charles hatte seinen Stuhl so weit wie möglich von dem seines Vaters fortgeschoben, mied jeden Kontakt mit ihm. Seine Lippen bewegten sich, aber sie konnte nicht verstehen, was er sagte.
„Was ist?" fragte sie und beugte sich zu ihm.
„Der andere", murmelte Charles gepreßt. „Der andere ist
hereingekommen."
„Was meinst du damit, mein Schatz?" erkundigte sich June Walton laut. „Welcher andere?"
Ted fuhr zusammen. Ein seltsamer Ausdruck überschattete sein Gesicht, verschwand gleich darauf wieder; aber in dem kurzen Moment verlor Ted Waltons Gesicht alle Vertrautheit. Etwas Fremdes und Kaltes leuchtete auf, eine zuckende, sich windende Masse. Die Augen flammten auf und erloschen wieder, als ob ein absonderlicher Glanz sie erhellt hätte. Der vertraute Eindruck eines müden Mannes im besten Alter existierte nicht mehr.
Und dann kehrte er wieder zurück - oder kehrte fast zurück. Ted lächelte und begann sein Steak und die Erbsen und das Rührei hinunterzuschlingen. Er lachte, rührte in seinem Kaffee, scherzte und aß. Aber etwas war schrecklich falsch.
„Der andere", murmelte Charles mit bleichem Gesicht, zitternden Händen. Plötzlich sprang er auf und floh vom Tisch. „Hau ab!" schrie er. „Verschwinde von hier!"
„He", brummte Ted drohend. „Was ist eigentlich mit dir los?" Streng deutete er auf den Stuhl des Jungen. „Du setzt dich jetzt dorthin und ißt deinen Teller leer, junger Mann. Deine Mutter hat ja schließlich nicht zum Spaß gekocht."