»Ich verschwinde doch nicht aus ihrem Leben. Wir können uns sehen.«
»Besuche ersetzen nicht den Vater, Scott. Ein Onkel kommt auf Besuch. Aber ich weiß nicht. Vielleicht ist es besser so. Sie und Whit kommen ganz gut miteinander aus.«
»Auch wenn ich nicht in der Stadt bin, bin ich immer noch ihr Vater.«
»Soweit du es immer warst, ja, das stimmt.«
»Das klingt, als wärst du böse.«
»Bin ich nicht. Ich frage mich nur, ob das kein Fehler ist.«
Dann kam Whit die Treppe herunter, und wir plauderten noch eine Zeit lang. Doch der Wind wurde lauter, harter Schnee tickte an die Fensterscheiben, und Janice äußerte sich besorgt über den Zustand der Straßen. Also verabschiedete ich mich von Whit und Janice und wartete an der Tür auf Kait.
Sie kam in die Diele. Statt mich wie sonst zum Abschied zu drücken, hielt sie ein paar Schritte Abstand. Ihre Augen blitzten und ihre Unterlippe zitterte.
»Kaity-Täubchen?«, sagte ich.
»Bitte nenn mich nicht so. Ich bin kein Baby.«
Dann kam ich dahinter. »Du hast gelauscht.«
Ihr Handycap hinderte sie nicht am Lauschen. Im Gegenteil, es hatte sie nur noch neugieriger und verstohlener gemacht.
»He«, sagte sie, »macht doch nichts. Du ziehst weg. Na und?«
Von allen Entgegnungen, auf die ich hätte kommen können, suchte ich mir diese aus: »Du solltest keine fremden Unterhaltungen belauschen, Kaitlin.«
»Sag mir nicht, was ich tun soll«, sagte sie, machte kehrt und rannte auf ihr Zimmer.
Fünf
Einen Tag, bevor ich nach Baltimore zu einer Unterredung mit Sue Chopra fahren sollte, rief Janice an. Ich war überrascht, sie am Telefon zu hören — außerhalb der verabredeten Zeiten rief sie selten an.
»Nichts Schlimmes«, beeilte Janice sich zu sagen. »Ich wollte dir nur viel Glück wünschen, du weißt schon.«
Das Glück, das mich fern halten sollte? Aber das war kleinkariert. »Danke«, sagte ich.
»Ich meine es ernst. Ich habe nachgedacht. Und ich will, dass du es weißt — ja, Kaitlin tut sich ziemlich schwer damit. Aber sie wird sich beruhigen. Wenn du ihr egal wärst, würde sie nicht so reagieren.«
»Danke, dass du mir das sagst.«
»Da ist noch etwas.« Sie zögerte. »Ähm… Scott, wir haben so ziemlich alles falsch gemacht, stimmt's. Die Zeit in Thailand. Es war einfach zu verrückt. Zu fremd alles.«
»Ich habe dich um Verzeihung gebeten.«
»Ich rufe nicht an, damit du dich entschuldigst. Hörst du mir überhaupt zu? Vielleicht war es zum Teil auch meine Schuld.«
»Lass uns nicht richten, wer wie viel Schuld hat, Janice. Aber ich bin froh, dass du es so siehst.«
Ich musterte unwillkürlich das Apartment. Es sah schon verlassen aus. Die Fenster unter den abgenutzten Rouleaus waren weiß vom Schnee.
»Du hast dir wirklich Mühe gegeben, es wieder gut zu machen. Nicht an mir. Ich bin ja außen vor. Aber an Kaitlin.«
Ich schwieg.
»Die ganze Zeit, die du bei Campion-Miller warst… Weißt du, ich war besorgt, als du damals von Thailand zurückkamst. Ich wusste nicht, ob du mich belagern würdest, um mich zu schikanieren; ob es für Kaitlin gut war, dich überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Aber ich muss zugeben, was immer ein geschiedener Vater drauf haben muss, du hast das Zeug dazu. Du hast Kait durch dieses ganze Trauma gebracht wie jemand, der durch ein Minenfeld vorangeht und das ganze Risiko auf sich nimmt.«
So vertraulich hatten wir seit Jahren nicht mehr geredet, und ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte.
Sie fuhr fort: »Es war, als wolltest du dir etwas beweisen, beweisen, dass du fähig warst, anständig zu handeln, Verantwortung zu übernehmen.«
»Nicht beweisen«, sagte ich. »Tun.«
»Tun, ja, aber auch um dich zu bestrafen. Dich zur Rechenschaft zu ziehen. Was dazugehört, wenn man Verantwortung übernimmt. Aber ab einem bestimmten Punkt, Scott, wird so ein Verhalten zum Problem. Nur Mönche kasteien sich von früh bis spät.«
»Ich bin kein Mönch, Janice.«
»Dann handle danach. Wenn du in diesem Job eine Chance siehst, Scott, dann greif zu! Kait wird nicht aufhören, dich zu lieben, nur weil ihr euch nicht mehr jede Woche seht. Jetzt ist sie fertig mit der Welt, aber sie wird Verständnis aufbringen, glaub mir.«
Das war eine lange Rede. Die bislang aufrichtigste Absolution und Anerkennung dafür, dass ich bereute, so viel Unglück über uns gebracht zu haben.
Und das tat gut. Das war großherzig. Aber so hörte sich auch eine Tür an, die zuschlug. Janice gab mir die Erlaubnis, mich nach einem besseren Leben umzusehen, weil auch die leiseste Hoffnung, es könnte noch einmal so werden wie früher, nichts weiter als eine Fata Morgana war.
Sicher, das wussten wir. Doch was der Kopf zugibt, will das Herz nicht immer wahrhaben.
»Ich muss jetzt Tschüss sagen, Scotty.«
Ihre Stimme hatte einen kleinen Aussetzer. Fast ein Schluckauf.
»Okay, Janice. Alles Gute auch für Whit.«
»Ruf an, wenn du eine Stelle hast.«
»Mach ich.«
»Kait muss weiter von dir hören, egal wie sie darüber denkt. In solchen Zeiten, du weißt schon, die Welt ist, wie sie ist…«
»Ich verstehe.«
»Und sei vorsichtig auf dem Weg zum Flughafen. Die Straßen sind noch glatt vom letzten Schnee.«
In der Flughafenhalle von Baltimore hielt ich nach einem Fahrer Ausschau, der ein Pappschild hielt, auf dem mein Name stand, doch es war Sulamith Chopra höchstpersönlich, die mich abholte.
Es gab keinen Zweifel, auch nach all den Jahren nicht. Sie überragte alle. Selbst ihr Kopf war länglich, eine rundliche braune Erdnuss mit schwarzen Fransen obendrauf. Sie trug ballonförmige Khakihosen und eine Bluse, die vielleicht früher einmal weiß gewesen und dann ein paarmal mit nicht farbechten Sachen in die Waschmaschine gewandert war. Sie sah derart nach einem Heilsarmeeladen aus, dass ich mich fragte, ob sie wirklich in der Position war, irgendjemand einen Job anzubieten, aber dann dachte ich, Welt der Akademiker und Wissenschaft.
Sie grinste. Ich grinste, nicht ganz so energisch.
Ich streckte die Hand aus, doch Sue wollte nichts davon wissen; sie schnappte mich, umarmte mich ungestüm und gab mich eine Zehntelsekunde, bevor es wehtun konnte, wieder frei. »Der alte Scotty«, sagte sie.
»Die alte Sue«, brachte ich heraus.
»Ich bin mit dem Wagen hier. Hast du schon zu Mittag gegessen?«
»Nicht mal gefrühstückt.«
»Dann bist du eingeladen.«
Vor zwei Wochen hatte mich ihr Anruf aus einem traumlosen Nachmittagsschlaf geweckt. Ihre ersten Worte waren: »Hallo, Scotty. Ich höre, du hast deinen Job verloren?«
Wohlgemerkt, eine Frau, mit der ich nicht mehr gesprochen hatte seit unserer zufälligen Begegnung in Minneapolis. Eine Frau, die seither keinen meiner Anrufe erwidert hatte. Ich brauchte ein paar schlaftrunkene Sekunden, nur um die Stimme unterzubringen.
»Tut mir Leid, dass ich erst jetzt auf dich zurückkomme«, fuhr sie fort. »Es gab Gründe. Aber ich habe dich nicht aus den Augen verloren.«
»Mich nicht aus den Augen verloren?«
»Das ist eine lange Geschichte.« Ich wartete. Statt sie zu erzählen, erging sie sich in Erinnerungen an Cornell und erhellte schlaglichtartig ihre Karriere seit damals — ihre wissenschaftliche Beschäftigung mit den Chronolithen, was mich ungemein interessierte. Und zerstreute mich nicht von ungefähr, wie ich mir sicher bin.
Sie ging derart ins Detail, das ich nicht mehr folgen konnte: »Calabi-Yau-Räume«; etwas wie »Tau-Turbulenz«.[14]
14
Der Name
Das