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Sie hatte zwei wichtige Aufsätze ins Nature-Netz und einen in die Saence-Site gestellt. Alle drei befassten sich mit Dingen, die meine Kompetenz überstiegen und anscheinend nur entfernt mit den Chronolithen zu tun hatten: A Hypothetical Tauon Unification Energy, Non-Hadronic Material Structures und Gravitation and Temporal Binding Forces.[16] Ich konnte dem Text lediglich entnehmen, dass Sue ein paar interessante Lösungen für fundamentale physikalische Probleme ausgebrütet hatte. Die Aufsätze gingen mir zu sehr ins Detail und blieben für mich so undurchsichtig wie ihre Verfasserin.

In diesen Wochen dachte ich viel über Sue nach. Diejenigen von uns, die sie näher kennen gelernt hatten, hatten natürlich mehr als den Lehrer in ihr gesehen. Aber was ihr eigenes Leben betraf, war sie nie sehr mitteilsam gewesen. In Madras geboren, war sie als Dreijährige mit ihren Eltern eingewandert. Ihre Kindheit war introvertiert, ihre Aufmerksamkeit verteilte sich auf die Schularbeit und ihre aufkeimenden intellektuellen Interessen. Sie war lesbisch, ja, redete aber selten über ihre Partner, die nie sehr lange in Sichtweite blieben. Und sie hatte kein Wort darüber verloren, wie das Outing auf ihre Eltern gewirkt haben könnte, die sie als »reichlich konservativ und ein bisschen religiös« beschrieb. Man gewann den Eindruck, ihr seien diese Dinge viel zu trivial, um sich damit zu befassen. Falls sie alten Schmerz mit sich herumtrug, dann konnte sie ihn gut verbergen.

Doch, es gab Frohsinn in ihrem Leben, aber der kam nur in ihrer Arbeit zum Ausdruck — sie arbeitete mit einem Enthusiasmus, der unverkennbar authentisch war. Ihre Arbeit oder ihre Fähigkeit dazu war die Auszeichnung, die das Leben für sie bereitgehalten hatte, und sie betrachtete dieses Geschenk als angemessenen Ausgleich für alles, was ihr eventuell fehlte. Ihre Freude war tief empfunden, hatte aber etwas Klösterliches.

Das war sicher nicht die ganze Sue, aber alles andere hatte sie für sich behalten.

A Hypothetical Tauon Unification Energy. Was hieß das?

Es hieß, dass sie in das Räderwerk des Universums hineingelauscht hatte. Und dass sie mit den fundamentalsten Dingen vertraut war.

Ich war einsam, aber zu unschlüssig, um etwas dagegen zu unternehmen, und ich litt derart unter Langeweile, dass ich begonnen hatte, die Autos auf dem Parkplatz zu mustern, um — so es ihn gab — den Wagen mit der FBI-Crew ausfindig zu machen.

Als ich schließlich und endlich mit dem FBI in Verbindung trat, war daran überhaupt nichts Spektakuläres. Morris Torrance rief an, um mir mitzuteilen, wann ich mich im Bundeshaus einzufinden hatte; ich solle damit rechnen, dass man mir eine Blutprobe entnehme und mich einem Lügendetektortest unterziehe. Die Tatsache, dass ich diese Hürden zu nehmen hatte, um eine Anstellung als Sue Chopras »Codegenerator« zu bekommen, bewies nur, wie ernst die Regierung Sues Forschung nahm oder zumindest die darin investierten Kongressmittel.

Das Bundeshaus lag in der City, und Morris hatte unterschätzt, was man dort von mir verlangen würde. Man unterzog mich nicht nur einer Blutentnahme, sondern auch einer Röntgenuntersuchung des Brustbereichs und einer Laserabtastung des Schädels. Man nahm Urin-, Stuhl- und Haarproben von mir. Man nahm meine Fingerabdrücke, ich unterschrieb eine Einverständniserklärung zur Chromosomensequenzierung, dann erst eskortierte man mich in die Lügendetektorkabine.

Seit ich am Telefon das Wort »Lügendetektor« gehört hatte, kehrten meine Gedanken immer wieder zu Hitch Paley zurück.

Das Problem war, ich wusste Dinge über Hitch, die ihn ins Gefängnis bringen konnten, vorausgesetzt er war noch auf freiem Fuß. Hitch war zu keiner Zeit mein bester Freund gewesen, und ich war mir nicht sicher, welchen Grad an Loyalität ich ihm nach so vielen Jahren noch schuldete. Doch ich hatte mich im Laufe einer schlaflosen Nacht dazu durchgerungen, lieber Sues Angebot auszuschlagen, als seine Freiheit zu gefährden. Ja, Hitch war ein Krimineller, und ihn hinter Gitter zu bringen, mochte nach dem Buchstaben des Gesetzes richtig sein; aber ich sah keine Gerechtigkeit darin, einen Mann einzusperren, nur weil er Marihuana an reiche Dilettanten verhökerte, die sonst ihre Kohle in Wodkadrinks, Coke oder Methamphetamine investiert hätten.

Auch wenn es Hitch ziemlich egal war, was er da verkaufte, mir war nicht egal, was oder wen ich verkaufte.

Der Mann am Lügendetektor glich eher einem Rausschmeißer als einem Arzt, da half auch der weiße Kittel nicht. Der unvermeidliche Morris Torrance begleitete uns in den kahlen Untersuchungsraum, um den Test zu beaufsichtigen. Morris war offenkundig ein Bundesbeamter, vielleicht dreißig Pfund über dem Normalgewicht und zehn Jahre jenseits der besten. Sein Haar hatte sich auf eine Weise gelichtet, wie man es ganz früher bei Mönchen absichtlich herbeigeführt hatte. Doch sein Händedruck war fest, sein Benehmen locker und er wirkte zur Zeit überhaupt nicht feindselig.

Ich ließ mir die Elektroden anlegen und beantwortete ohne zu stottern die Eichfragen. Dann übernahm Morris den Dialog und führte mich Detail um Detail durch meine anfänglichen Erlebnisse mit dem Chumphon-Chronolithen, legte gelegentlich eine Pause ein, derweil der Detektor-Guru seine Notizen auf den laufenden Ausdruck kritzelte. (Der Apparat wirkte nicht nur antiquiert, er war es auch, konstruiert nach Maßgaben aus dem Prozessrecht des 20. Jahrhunderts.) Ich erzählte die Geschichte wahrheitsgemäß wenn auch mit Bedacht und zögerte nicht, Hitch Paleys Namen zu erwähnen und sogar seinen Beruf und schnalzte noch mit den Fingern beim Erwähnen des Anglerladens, der ja — bisweilen wenigstens — ein durchaus legitimes Gewerbe war. Als ich auf das Gefängnis in Bangkok zu sprechen kam, fragte Morris: »Wurden Sie nach Drogen durchsucht?«

»Ich wurde mehr als einmal durchsucht. Vielleicht nach Drogen, schwer zu sagen.«

»Hat man bei Ihnen irgendwelche Drogen oder verbotene Substanzen gefunden?«

»Nein.«

»Haben Sie verbotene Substanzen über nationale oder Staatsgrenzen transportiert?«

»Nein.«

»Wurden Sie vor dem Chronolithen gewarnt, bevor er auftauchte? Haben Sie vorher irgendetwas über das Ereignis gewusst?«

»Nein.«

»Sie wurden davon überrascht?«

»Ja.«

»Kennen Sie den Namen Kuin?«

»Nur aus den Nachrichten.«

»Haben Sie die Statue gesehen, die aus den neueren Monumenten herausgemeißelt ist?«

»Ja.«

»Ist Ihnen das Gesicht vertraut? Erkennen Sie das Gesicht?«

»Nein.«

Morris nickte und besprach sich leise mit dem Mann im weißen Kittel. Nach ein paar Minuten wurde ich von dem Apparat getrennt.

Morris brachte mich aus dem Gebäude. Ich sagte: »Hab ich bestanden?«

Er lächelte. »Ist nicht meine Abteilung. Aber an Ihrer Stelle würde ich mir keine Sorgen machen.«

Am nächsten Morgen rief Sue an, um mir mitzuteilen, ich könne die Arbeit antreten.

Die Bundesregierung steuerte aus Gründen, die der Senior-Senator von Maryland wahrscheinlich am besten kannte, diesen Zweig der Chronolithen-Forschung aus einem nichtssagenden Gebäude heraus, das in einem Industriepark in den Außenbezirken von Baltimore stand. Die Zentrale lag in einem der unteren Geschosse: eine Bürosuite und eine provisorische Bibliothek, mehr nicht. Die eigentliche Forschungsarbeit, erklärte Sue, werde an Universitäten und in Bundeslaboratorien geleistet. Was sie hier betreibe, sei eher eine Denkfabrik, die Resultate sichte und als Beraterfirma und Clearingstelle für die Kongressmittel fungiere. Sues Arbeit bestand im Wesentlichen darin, die aktuellen Erkenntnisse zu beurteilen und vielversprechende Forschungsansätze zu erkennen. Ihre unmittelbaren Vorgesetzten waren Geheimdienstler und Kongressassistenten. Von dem, was man innerhalb der Chronolithenforschung vernünftigerweise als Wissenschaft bezeichnen konnte, war Sue die höchste Instanz.

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16

Eine hypothetische, Tau-Leptonen vereinigende Energie, Nicht-hadronische Materialstrukturen, Gravitation und temporale Bindekräfte