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Sie landeten gleich daneben. Dirks Landung glich wiederum einem unbeholfenen Stolpern, mit dem Unterschied, daß es dieses Mal nicht mehr witzig, sondern nur noch dumm wirkte. Sie ließen die Himmelsflitzer und Flugstiefel draußen auf dem Dach, wo man sie abholen würde. Vor den Aufzügen sprachen sie kurz miteinander, aber Sekunden später hatte Dirk die Worte schon wieder vergessen. Dann verließ ihn Gwen.

In seinen Räumen, unten im Turm, wartete Arkin Ruark geduldig. Mitten zwischen Skulpturen und eingetopften Kimdissipflanzen fand Dirk einen Liegestuhl vor einer Pastellwand. Er ließ sich hineinsinken und wollte sich nur noch ausruhen und nichts denken, aber Ruark wußte dies zu verhindern. Er gluckste und schüttelte den Kopf, daß sein weißblondes Haar tanzte, und streckte ihm ein hohes, grünes Glas hin. Dirk nahm es entgegen und setzte sich wieder auf. Das Glas war aus feingearbeitetem, dünnem Kristall und bis auf einen schnell schmelzenden Eishauch ohne jede Verzierung. Er trank. Der Wein war tief grün und kalt, ihm war, als würde Weihrauch und Zimt durch seine Kehle rinnen. »Ganz müde sehen Sie aus, Dirk«, stellte der Kimdissi fest, nachdem er sich selbst einen Drink besorgt und sich im Schatten einer welken, schwarzen Pflanze in einen Netzknotensessel hatte plumpsen lassen. Die speerförmigen Blätter warfen Schattenstreifen auf sein rundes, lächelndes Gesicht. Er nippte und schlürfte geräuschvoll an seinem Drink. Einen kurzen Moment lang spürte Dirk Verachtung für ihn.

»Ein langer Tag«, sagte er unverbindlich. »Wie wahr«, stimmte Ruark zu. »Ein Tag der Kavalaren ist immer zu lang. Die süße Gwen, Jaantony und schließlich Garsey — sie reichen aus, um einen Tag zur Ewigkeit zu machen.

Was meinen Sie?« Dirk sagte nichts.

»Aber jetzt haben Sie es gesehen«, fuhr Ruark lächelnd fort. »Ich wollte, daß Sie es selbst sehen, bevor ich Ihnen alles erzähle. Denn ich habe mir geschworen, es Ihnen zu erzählen. Gwen hat mir alles gesagt. Wir sprechen freundschaftlich miteinander, müssen Sie wissen, und ich kenne sie und auch Jaan seit der Zeit auf Avalon. Aber hier sind wir uns nähergekommen. Es fällt ihr nicht leicht, darüber zu reden, aber sie spricht mit mir oder besser, hat mit mir gesprochen. Ich kann es Ihnen weitererzählen, ohne daß dies etwas mit Vertrauensbruch zu tun hat. Ich denke, Sie sollten es wissen.«

Der Drink schickte eisige Finger in seine Brust, und Dirk fühlte, wie sich seine Müdigkeit legte. Ihm kam es so vor, als wäre er im Halbschlaf gewesen und Ruark hätte schon eine ganze Weile geredet, ohne daß er dem Inhalt folgen konnte. »Wovon sprechen Sie?« fragte er.

»Was sollte ich wissen?«

»Warum Gwen Sie braucht«, sagte Ruark. »Warum sie Ihnen dieses … Ding schickte. Die rote Träne. Wissen Sie es? Ich weiß es. Sie hat es mir gesagt.«

Plötzlich war Dirk hellwach, aufmerksam und verblüfft. »Sie hat es Ihnen gesagt«, begann er und verstummte. Gwen hatte ihn gebeten zu warten, und vor langer Zeit hatte er es ihr versprochen — aber es paßte.

Vielleicht sollte er tatsächlich zuhören, vielleicht fiel es ihr einfach zu schwer, es ihm selbst zu sagen. Ruark würde alles wissen. Im Wald hatte sie ihn als ihren Freund bezeichnet, als den einzigen, mit dem sie reden konnte.

»Sagen Sie es mir!«

»Sie müssen ihr irgendwie helfen! Ich weiß aber nicht genau, wie.« »Ihr helfen? Wobei?« »Sich zu befreien. Zu fliehen.«

Dirk setzte den Drink ab und kratzte sich am Kopf.

»Vor wem?« »Vor ihnen: den Kavalaren.«

Er zog die Stirn in Falten. »Sie meinen Jaan? Ich traf ihn heute morgen, ihn und Janacek. Sie liebt Jaan. Ich verstehe das nicht.« Ruark lachte, nahm einen Schluck aus seinem Glas und lachte abermals. Er trug einen dreiteiligen Anzug mit sich abwechselnden braunen und grünen Quadraten, gescheckt wie ein Narrenkleid. Wie er so dasaß, und Unsinn aus ihm hervorsprudelte, fragte sich Dirk, ob der kleingewachsene Ökologe tatsächlich ein Narr war.

»Sie liebt ihn. So, hat sie das gesagt?« höhnte Ruark.

»Sie sind sich da ganz sicher, oder? Nun?«

Dirk zögerte. Er versuchte, sich an ihre Worte zu erinnern, die Worte, die sie an den unbewegten Wassern des grünen Sees gebraucht hatte. »Ich bin nicht sicher«, sagte er. »Aber ich bin nahe daran. Sie ist doch eine … Was war es noch?« »Betheyn?« schlug Ruark vor. Dirk nickte. »Ja, betheyn, Frau.«

Ruark gluckste vor sich hin. »Nein, völlig falsch. Im Wagen habe ich zugehört. Gwen hat es falsch erklärt.

Nun, nicht ganz, aber Sie haben einen falschen Eindruck erhalten. Betheyn heißt nicht einfach Frau. Die halbe Wahrheit ist die größte aller Lügen, erinnern Sie sich?

Was denken Sie, was teyn bedeutet?«

Dieses Wort ließ ihn aufhorchen. Teyn. Er hatte es auf Worlorn schon an die hundertmal gehört. »Freund?« riet er, ohne die Bedeutung zu kennen.

»Betheyn hat mehr von Frau als teyn von Freund«, sagte Ruark. »Nein. Betheyn ist das Frau-zu-Mann-Wort in Altkavalarisch. Es bezeichnet eine Haltfrau, die durch Jade-und-Silber gebunden ist. Nun, in Jade-und-Silber kann viel Zuneigung stecken, auch viel Liebe, ja.

Obgleich es dafür auf Altkavalarisch keinen äquivalenten Terminus gibt. Das standardterranische Wort ›Liebe‹ gibt es hier nicht, interessant, was? Können Sie lieben, auch wenn sie dafür kein Wort haben, Freund t’Larien?«

Dirk erwiderte nichts. Ruark zuckte die Achseln, trank und fuhr fort. »Es spielt ja keine Rolle, aber denken Sie mal darüber nach. Ich sprach von Jade-und-Silber, und tatsächlich, manchmal gibt es so etwas wie Liebe in diesem Bund, Liebe von der betheyn zum Hochleibeigenen, manchmal auch umgekehrt. Oder wenn nicht Liebe, so doch Zuneigung. Aber nicht immer und nicht notwendigerweise! Verstehen Sie?« Dirk schüttelte den Kopf. »Kavalarbünde sind Brauch und Verpflichtung«, sagte Ruark, sich dabei entschlossen vorlehnend, »wobei die Liebe nur ein späteres Zufallsprodukt ist. Ein streitsüchtiges Volk, wie ich Ihnen gesagt habe. Lesen Sie die Geschichte, lesen Sie die Legenden. Gwen traf Jaan auf Avalon, wissen Sie, und sie hatte nichts gelesen. Nicht genug. Er war Jaan Vikary von Hoch Kavalaan, und was war das schon?

Irgendein Planet. Sie wußte es nicht. Das ist die Wahrheit. Und so wuchs ihre Zuneigung - Sie können es auch Liebe nennen —, und sie hatten miteinander sexuelle Beziehungen. Er bietet ihr Jade-und-Silber, geschmiedet in seinen Symbolen, an — und plötzlich ist sie seine betheyn, ohne daß sie weiß, wie ihr geschieht. Ist in die Falle gegangen.« »In die Falle gegangen? Wieso in die Falle gegangen?« »Lesen Sie die Geschichte! Die offene Gewalt auf Hoch Kavalaan ist lange vorüber, die Kultur der Gewalt ist jedoch geblieben. Gwen ist Jaans betheyn, betheyn gleich Haltfrau, seine Frau und seine Geliebte und noch viel mehr. Eigentum und Sklavin ist sie auch — und Geschenk. Sie ist sein Geschenk an die Eisenjadeversammlung. Durch sie hat er erst seine Hochnamen erworben, ja. Wenn er es anordnet, muß sie ihm Kinder gebären, ob sie das nun will oder nicht.

Wenn er es wünscht, muß sie auch Garse als Liebhaber akzeptieren. Stirbt Jaan in einem Duell mit einem Mann aus einem anderen Festhalt, etwa einem Braith oder einem Rotstahl, geht Gwen wie Gepäck an diesen Mann über, um dessen betheyn zu werden. Oder sie wird nur eine armselige eyn-keth, falls der Sieger schon Jade-und-Silber trägt. Stirbt Jaan einen natürlichen Tod oder fällt im Duell mit einem anderen Eisenjade, fällt Gwen an Garse. Ihr eigener Wille ist bei dieser Angelegenheit überhaupt nicht von Interesse. Wen kümmert es, wenn sie ihn haßt? Die anderen Kavalaren interessieren sich nicht dafür. Und wenn Garse stirbt, hm … Nun, wenn dieser Fall eintreten sollte, wird sie eine eyn-keth, eine Festhaltgebärerin, für immer erniedrigt, die jeder der kethi nach Gutdünken gebrauchen kann. Kethi heißt Festhaltbruder. Das sind mehr oder weniger die Männer der Familie. Die Eisenjadeversammlung ist eine riesige Familie, Tausende und aber Tausende von kethi, und jeder kann sie haben. Wie nannte sie Jaan, Ehemann?