»Was soll das für ein Spiel sein, Herr von Falkenstein. Ich verstehe nicht recht, was Euch bedrückt. Wäre es nicht besser, wir würden der Dame folgen und diese Unterhaltung später fortsetzen?« Er betrachtete das strenge Profil des Schwertmeisters, der ihn jedoch überhaupt nicht zu hören schien. Jeder Muskel an dem Älteren schien gespannt zu sein.
»Wenn ich Euch ein Zeichen gebe, dann springt von Eurem Pferd herunter und geht in Deckung. Habt Ihr verstanden?«
»Was?« Faramund hob erstaunt die Brauen.
»Fragt nicht, tut, was ich Euch sage! Jetzt!«
Der Ritter riß mit Schwung sein Pferd herum und zog dabei sein Schwert.
Ein leises Zischen zerriß die Stille, und der mächtige Fuchswallach des Schwertmeisters bäumte sich wiehernd auf. Ein rotgefiederter Pfeil bohrte sich in den Pferdehals. Faramund sprang aus dem Sattel des Braunen und versteckte sich hinter dem nächsten großen Stein. Er sah, wie Bruno gerade noch rechtzeitig aus dem Sattel kam, bevor das schwere Pferd den Halt verlor und zu Boden stürzte.
»Der Pfeil kam von den Hügeln«, rief Bruno, der sich neben ihn in die Deckung rollte. »Könnt Ihr etwas sehen?«
Faramund flog mit den Augen flüchtig über die nahen Gipfel und schüttelte den Kopf. Der Fuchs vor ihnen keuchte schmerzerfüllt und versuchte vergeblich den Kopf zu heben. Faramund wandte den Blick ab und schaute wieder zu den Hügeln. Er konnte den Anblick des blutigen Tieres nicht ertragen. Auf einem der Felsbrocken unweit von den Hügeln entfernt, stand eine Frau zu deren Füßen ein großer Adler saß. Sie hielt einen langen Bogen gespannt und zielte genau auf ihn, ließ die Sehne jedoch nicht los, sondern stand nur da, wie in Stein gehauen. Faramund wagte nicht zu atmen.
»Sie ist eine Jägerin«, flüsterte Bruno von Falkenstein.
Faramund wollte zustimmend nicken, unterließ es aber, weil er fürchtete, eine Bewegung von ihm würde diese geheimnisvolle Gestalt zum Leben erwecken. Es gehörte nicht viel dazu zu wissen, daß der Pfeil, der auf ihn gerichtet war, einmal abgeschossen, sein Ziel nicht verfehlen würde.
»Sagt der Hüterin des Feuers, daß die Göttin ihr Opfer erwählt hatte.« Eine tiefe Frauenstimme klang über das Plateau und hallte gespenstig von den schwarzen Hügeln zurück.
Leichtfüßig sprang sie von dem Stein herab, duckte sich rasch und war hinter den Felsen verschwunden, noch ehe Bruno auf seinen Beinen stand. Faramund atmete auf. Die Frauen hier waren anders als in Worms.
»Euer Pferd ist tot«, sagte Luovana. Sie zog den Pfeil aus dem Hals des Tieres und richtete sich auf. »Die Spitze ist vergiftet.«
»Vergiftet? Was geht hier vor?«
Luovana wandte den Blick ab. Sie konnte dem Fremden unmöglich die Wahrheit sagen. Sie hatte geahnt, daß Lursa sich die Pferde nicht würde nehmen lassen. Wenn sie den Burgweg nicht vor der Nacht erreichten, hatte auch der Junge keine Chance, sein Pferd zu behalten. Lursa war eine gute Jägerin, besonders wenn sie für die Göttin jagte.
»Ihr seid mir eine Erklärung schuldig.« Brunos Stimme klang eisig. »Ich weiß nicht, wie es Euch mit Euren Pferden ergeht, aber dieser Wallach war mein Gefährte, der mich seit Jahren Tag und Nacht begleitet hat.«
»Ich habe das Pferd wiehern hören und bin zurückgekommen, so schnell ich konnte«, entschuldigte sich Luovana. Sie hatte nicht damit gerechnet, daß Lursa so rasch angriff. Weiter oben in den Bergen, kurz vor der Wasserhöhle war die Gelegenheit für eine solche Attacke eigentlich günstiger als hier auf dem Hochplateau. Lursa war eben unberechenbar in dem, was sie tat.
Allerdings war Luovana nicht sicher, wie sie sich bei einem weiteren Angriff verhalten sollte. Den Bogen auf Lursa richten und zielen? Daß sie es vorhin in dem schwarzen Felsenhof gewagt hatte, war mehr Taktik als wirklicher Kampf gewesen. Luovana wußte, daß Lursa niemals den Bogen mit zu ihrer Opferstätte nahm und daß sie nicht an diesem dunklen Ort sterben wollte. Aber sich hier zwischen den Felsen einen offenen Kampf mit Lursa zu liefern war zu gefährlich.
»Es geht nicht darum, ob Ihr zurückgekommen seid!« Der Ritter ließ nicht locker. »Wer ist diese Frau, die mein Pferd getötet hat, und warum rief sie: Die Göttin hat ihr Opfer erwählt?«
»Hört, edler Herr.« Luovana spürte die Wut und die Trauer des Ritters, doch es ging ihm nicht nur um das tote Pferd. Da waren dunkle Schatten um ihn herum, die schwer auf seiner Seele lasteten. Luovana konnte diese Schatten nicht wirklich sehen, aber sie fühlte, daß der Ritter eine tiefe Verzweiflung in sich trug. Sie betrachtete ihn genauer. Um seine Lippen lag ein finsterer Zug, eine Härte, die sie verletzte. Vielleicht eine verlorene Liebe, dachte sie. Irgend etwas hatte das Herz des Ritters verwundet.
»Ich kann Euren großen Schmerz und Euren Zorn verstehen«, sagte Luovana. »Ich versprach Euch, alles zu erklären. An dieses Versprechen werde ich mich halten, doch glaubt mir, hier ist weder der rechte Ort, noch ist jetzt die rechte Zeit dazu.«
Sie schaute hinauf zu den Hügelketten. Pyros, der Adler, umkreiste langsam und in majestätischer Gleichmut die nahen Gipfel. Auf weiten Schwingen segelte er durch die Luft und beobachtete alles, was auf dem Hochplateau geschah. Lursa war also noch in der Nähe. Sie würde nicht eher ruhen, bis sie auch das andere Pferd für die Göttin erstritten hatte.
»Wir müssen weiter«, drängte Luovana. »Vertraut mir.«
»Warum sollten wir das tun?« Der junge Ritter war zu seinem Pferd getreten und tätschelte gelassen dem Tier den Hals.
Luovana mußte lächeln und wandte sich ab, weil sie nicht wollte, daß der Junge es sah. Sie spürte die Anstrengung, die es Faramund kostete, seine zitternden Glieder zu verbergen, und sie wollte ihn in dem Glauben lassen, daß es ihm gelang.
»Es war schließlich eine Frau, die das Pferd getötet hat.« Faramund schwang sich auf den Rücken des Braunen.
»Sie wird dafür bestraft werden«, entgegnete Luovana leise. Allerdings lag es nicht in ihrer Macht, Lursa zu verbieten, der dunklen Seite der Göttin zu opfern.
»Ihr kennt sie?«
Luovana spürte den forschenden Blick des Ritters.
»Ja, und ich werde mich ihrer annehmen, wenn ich Euch in der Burg in Sicherheit weiß.«
»Wollt Ihr damit sagen, daß wir ausgerechnet Eures Schutzes bedürfen? Gegen ein Weib, das mit dem Teufel im Bunde steckt?« Faramunds Stimme hatte nun wieder einen festen Klang, als hätte ihn nie etwas aus der Ruhe gebracht.
Er scheint das Abenteuer mit Lursa schon vergessen zu haben, dachte Luovana. Sie würde einen Kampf verhindern müssen, sonst würde wahrscheinlich nicht nur Faramunds Pferd getötet werden.
Luovana schaute von einem zum anderen, während sie ihrer Stute das graue Fell streichelte. »Es ist sinnlos, hier oben in den Bergen gegen Lursa zu kämpfen. Ihr habt nicht die geringste Chance.« Sie wandte sich an den Älteren. »Glaubt mir, sie ist eine gute Kämpferin, eine der Besten.«
»Ihr wollt uns beleidigen?« Faramund schnaubte und riß dem Braunen ungeduldig am Zügel. »Das werden wir ja sehen.«
»Laßt ab von der Idee, Faramund, es würde Euch den Tod bringen. Sie hat recht.« Bruno hielt den Braunen zurück. »Bedenkt, daß sich ein Schwert mit kaltem Blut besser führen läßt als mit kochendem. Eure Jugend schenkt Euch zwar Kraft und Ausdauer, doch erst das Alter verleiht einem das Wissen um den richtigen Zeitpunkt für einen Kampf. Wir sollten der Dame folgen, Faramund.«
»Ihr wollt es einfach so hinnehmen, daß irgendeine Teufelin Euer Pferd tötet?«
»Sie wird Ihrer Strafe nicht entgehen.«
»Wer sollte diese Teufelin strafen, wenn nicht wir? Mir scheint, dieses Weib da vorn«, er deutete auf Luovana, »hat Euch verzaubert.«
»Habt Geduld, junger Freund. Alles zu seiner Zeit!«
Luovana schwang sich auf den Rücken ihrer Stute und sah, wie der Ritter sich niederkniete und von seinem toten Pferd Abschied nahm. Er strich ihm sanft über die Nüstern, über die schmale Blesse bis hinauf zu den Ohren. Nur sehr langsam richtete er sich wieder auf.