— Hallo? sagte sie.
Stille.
Sie kehrte zu dem Alten zurück und fragte ihn auf Japanisch um Erlaubnis. Anschließend entschuldigte sie sich bei ihm und begann zu erzählen, was die Anruferin gesagt hatte. Um völlig sicher zu gehen, blieb sie bei ihrer Landessprache, in der alles sehr viel leichter ging.
— Warerie-wa jiko-ni aimashi-ta.
Valerie hatte Unfall. Und sie ist tot. Ihre Tochter. Valerie hatte ei-nen Unfall. Den Unfall. Richtiger Fall. Während sie diesen Satz einige Male vor sich hin murmelte, schnitt sie die wuchernden Haare des Alten weiter. Sie drehte seinen Kopf hin und her, je nachdem, welcher Winkel gerade günstig war.
Das alles ergab nicht den geringsten Sinn. Sie stand hier am Bett eines Wachkomapatienten, dessen Tochter gerade gestorben war, und sie schnitt ihm die Haare mit einer kleinen –
Das Telefon läutete neuerlich, und vor Schreck fiel ihr die Schere auf die Brust des Alten. Sie ließ sie dort liegen und rannte hinaus. Atemlos hob sie ab, aber es war nur eine Umfrage über Lebensmittelqualität. Mitsuko ließ einen Schwall japanischer Schimpfwörter los, worauf die Call-Center-Agentin höflich ankündigte, sie werde zu einem günstigeren Zeitpunkt noch einmal anrufen.
— Baka!
Als Mitsuko ins Zimmer zurückkam, fand sie den Alten verändert vor. Sie nahm die Schere von seiner Brust und steckte sie sicherheitshalber ein. Sie blickte ihm ins Gesicht, und plötzlicher Schwindel befiel sie, denn in diesem Gesicht ging alles im Kreis, die Augen des Alten rollten eine Sekunde lang in ihren Höhlen und die Lider flatterten, als würde ein heftiger Windstoß an ihnen zerren. Sein ganzes Gesicht glitt in einen Fiebertraum. Sogar die Haare schienen im Delirium zu liegen; sie zitterten aus eigener Kraft wie die gelben Wimpern eines Forsythienbusches, durch den der Wind fährt. Dann erkannte Mitsuko, woher der Eindruck kam, er habe Fieber. Das kalte, unfreundliche Rot des Sonnenuntergangs färbte seine sonst so blasse Haut. Der hohe, alte, ergraute Kopf glühte, Windmühle in der Baumkrone, wie im Widerschein einer gigantischen Explosion. Auf den ersten Blick hätte man es auch für einen dünnen Film aus Blut halten können.
Mitsuko trat näher.
Etwas war geschehen. Hatte sie ihn verletzt? Aber die Schere war nur auf ihm gelegen. Sie sog die Luft durch die Nase ein und prüfte den Geruch. Nein, das war es auch nicht. Außerdem hatte sie ihn gerade vor einer halben Stunde gewickelt und gewaschen. Vielleicht hatte er Schmerzen? Wenn ja, war es ein langer Weg, bis sie die Ursache gefunden hatte. Oder er hatte Albträume, was in seinem Zustand wohl unwahrscheinlich war.
Dann hörte sie die Stimme, und es kam so unerwartet, dass sie instinktiv den Kopf einzog und ihr Gesicht hinter geballten Fäusten verbarg, als hätte jemand kreischendes Geschirr nach ihr geworfen.
– Ähhh ….
Es klang wie ein weit entfernt blökendes Schaf, ein sehr junges Schaf, das nach seiner Familie ruft. Dann änderte sich der Laut ein wenig, wurde leiser und krächzender und ähnelte mehr dem Röhren der Luft in einem U-Bahn-Schacht. Mitsuko streckte ihre Hand aus und wollte den Kopf, der dieses seltsame, neue Stöhnen von sich gab, berühren. Aber obwohl sie ihn jeden Tag hunderte Male anfasste, an allen möglichen Stellen, zögerten ihre Hände diesmal. Das Gesicht wirkte fremd und bedrohlich, wie die glühende Vorderseite eines durch die Nacht jagenden Autos.
Der Tanzschritt
Eine Liste von Dingen, die ich bestimmt niemals tun würde:
Leuten Angst machen, damit sie sich hinterher selbst besser verstehen
Bücher verbrennen, besudeln oder zerreißen
Bei einem Milgram-Experiment mitmachen von dem ich weiß dass es ein Milgram-Experiment ist denn ich würde am Ende nur den Versuchsleiter attackieren und unter Strom setzen und dann mich selbst und das ganze verdammte Versuchsgelände
Telefonsex
Briefe an den Weihnachtsmann beginnen aber nicht zu Ende schreiben
Jemanden für Geld umbringen
Mich als Indianer verkleiden
Einen Clown auf die Wange küssen
Einen Clown in meine Wohnung lassen
Schminke auftragen
Ein Stück Kreide durch die Zähne ziehen
Freiwillig irgendwelche Listen schreiben. Malen. Kindern die Zeit vertreiben. Gerald ist immer öfter bei mir, ganze Nachmittage, wenn seine Mutter keine Zeit für ihn hat. Was sie dann tut, weiß ich nicht. Jedenfalls scheint sie das Recht zu haben, jederzeit ein Time-Out zu nehmen.
Was passieren würde, wenn man sie nicht in Ruhe lässt, weiß niemand, und Gerald will nicht darüber reden.
Vor zwei Tagen lag ein Dankbrief von Jessica Katzek vor der Tür.
Gerald hat sehr helle, bleiche Haut, obwohl er meist draußen ist.
Ich fragte ihn vorsichtig nach seinem Vater.
— Davon gibt’s viele, sagte er fachmännisch und erwachsen.
Er schreibt an einer Liste seiner Lieblingshelden aus dem Fernsehen. Er ist schon bei Nummer zweiundzwanzig.
Hinterher werden die meisten Listen vernichtet, so wie es das Anti-Stress-Buch von Lydia vorschlägt. Schreiben Sie eine Wunschliste und vernichten Sie sie anschließend. Das befreit. Von Wünschen. Vom bevorstehenden Nichtin-Erfüllung-Gehen der Wünsche. Und außerdem vergeht Zeit, wenn Sie es aufgrund einer unglücklichen Schicksalsfügung vorziehen, auf ein fremdes Kind aufzupassen, weil es Sie ablenkt von Ihren Dämonen, die Sie zu zerreißen drohen, weil alles hoffnungslos und entsetzlich ist.
— Du und deine Mutter, ihr unternehmt nicht viel, oder? frage ich.
Meine Liste ist schon fast fertig. Irgendwas fehlt noch, aber das ist egal. In der Anleitung steht nichts von Vollständigkeit.
— Früher, sagt Gerald, sind wir andauernd zu diesem Landfriedhof gefahren, ganz weit weg, irgendwo in der Pampa. War fast schon kein Friedhof mehr. Und die ganzen Grabsteine alle irgendwie umgefallen. Alles verdreckt und kaputt.
— Warum denn das?
— Ich weiß nicht. Wahrscheinlich, weil da sonst niemand ist.
— Nein, ich meine, warum seid ihr da früher immer hingefahren?
— Weil da die ganze Familie liegt. Alle Verwandten.
— Da hast du dich bestimmt gelangweilt.
— Hm.
— Kein wirklich lustiges Ausflugsziel, ein Friedhof.
Ich habe gar nicht bemerkt, wie kalt es inzwischen im Zimmer geworden ist. Ich stehe auf und bewege mich ein wenig. Vielleicht wird mir dann wärmer. Landfriedhof. Sonst niemand. Ich schaue Gerald an, der über seiner Liste hockt, dann verfängt sich mein Blick im abendschwarzen Fenster.
— Mein Gott, Gerald, du müsstest doch längst zu Hause sein. Wie spät ist es?
— Alex?
— Ja.
— Ich hab keine Uhr.
— Wieso nicht?
Gerald schaut mich nicht an.
— So eine dumme Frage, sagt er.
— Und meine Uhr ist kaputt, deute ich entschuldigend auf mein Handgelenk, obwohl das natürlich gelogen ist.
— Alex?
— Komm, zieh jetzt deinen Mantel an …
— Alex!
— Was denn?
— Soll ich dir meinen Tanzschritt zeigen?
— Morgen, okay? Du kannst morgen wieder vorbeikommen, aber jetzt gehst du nach Hause.
— Der geht so … Warte! Hab ich in einer Fernsehsendung gesehen, einer Casting-Show …