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Die kleinen grünen Soldaten schmolzen, wenn man sie über eine Flamme hielt, auf eine sehr deprimierende Art und Weise: Ihre Körper fielen in sich zusammen, die Beine knickten ein, als knieten sie vor einem Altar zum Gebet nieder, und sie brannten kaum, es gab nur einen üblen Geruch, den man tagelang nicht aus dem Zimmer bekam. Am Schluss war der Soldat ein schwarzgrünes Häuflein Elend, auf dem zuoberst ein stecknadelgroßer Helm schwamm.

Das elfte Jahr meines Lebens. Ich war kleiner als alle anderen Menschen. Manche Leute auf der Straße trugen Koffer, in die ich gepasst hätte. Und vielleicht waren all diese Koffer tatsächlich voller Kinder, die sich die Glieder verrenkten, während ihre Atemluft langsam zur Neige ging.

— Alexander! Wo bleibst du denn?

Meine Mutter half mir mit dem Skianzug. Ich hasste ihn, weil er mir schon letzten Winter viel zu klein gewesen war, aber meine Mutter bestand darauf, dass kein Mensch so schnell wachse, und machte den Reißverschluss zu. Das kleine Metallding blieb knapp unterhalb meines Kinns stehen. Wäre es möglich gewesen, meine Mutter hätte es wohl noch weiter nach oben gezogen, über mein Gesicht und meinen Kopf hinaus.

Es dauerte eine Weile, bis es im Auto warm war, da die Heizung nicht richtig funktionierte. Der alte VW. Im Fahren wurde es manchmal kälter, dann wieder wärmer. Das Beste war, man ließ das Auto im stehenden Zustand ein wenig vorheizen und wartete, bis es sich zwischen zwei Extremen eingependelt hatte. Solange es in der Fahrerkabine nicht warm genug war, dass man darin wie in einer Luftblase durch die feindselige Umgebung der Stadt schweben konnte, weigerte sich mein Vater loszufahren. Wir warteten unterdessen im Haus, vollständig angezogen, während er im Wagen mit den Fingern auf das Lenkrad trommelte.

Meine Mutter beobachtete ihn vom Küchenfenster aus.

Es war fast unmöglich, mit einem Skianzug auf einem der schmalen Sessel zu sitzen. Dazu trug ich noch Handschuhe, die ich mir abstreifte, als mir der Schweiß ausbrach. Auch die Haube legte ich ab. Sie fiel auf den Boden und meine Mutter hob sie blitzschnell auf, klopfte sie an ihrer Hüfte ab und gab sie mir zurück. Dann trat sie wieder ans Fenster. Ich sah, dass sie hinauswinkte.

— Immer noch zu kalt, sagte sie.

Mein Vater würde, wenn es warm genug war, zweimal hupen. Dann durften wir kommen und es ging los.

— Ich muss noch aufs Klo, sagte ich und zog den Reißverschluss auf.

Meine Mutter zog ihn wieder nach oben.

— Aber du warst doch gerade! Komm, wir fahren gleich los, dann kannst du im Gasthaus gehen. Die zehn Minuten hältst du schon noch aus. Wenn wir jetzt gleich –

Sie verstummte und spitzte die Ohren. Ein Motorengeräusch war zu hören. Und das Knirschen von Rädern auf hart gepresstem Schnee. Ohne etwas zu sagen, lief sie zur Tür hinaus. Ich taumelte ihr nach, die lange Unterhose kratzte an meinen Beinen.

Der alte VW fuhr in der Einfahrt langsam rückwärts.

Meine Mutter war bereits eingestiegen. Sie schluchzte. Ich nahm hinten Platz.

Wir fuhren los.

— Jetzt beruhig dich wieder, sagte mein Vater leise.

Seine Finger hatten nicht aufgehört, auf das Lenkrad zu trommeln, obwohl es im Auto inzwischen fast schon heiß war. Nur wenn er den Gang wechseln musste, dann griffen sie energisch zu.

Meine Mutter beruhigte sich tatsächlich. Autofahren nahm sie mit all ihren Sinnen gefangen. Sie sah aus dem Fenster, auf die vorbeiziehenden Gebäude, allesamt weiß und charakterlos. Sie drehte sich zu mir um.

— Suchst du uns einen Sender aus, hm?

Ich rutschte zwischen den beiden Vordersitzen durch und schaltete das Radio ein. Ich drehte zwischen einzelnen Sendern hin und her; mein Vater beobachtete genau, was ich tat. Als ich einen Sender gefunden hatte, der nur Musik zu spielen schien, setzte ich mich wieder hin.

— Schnall dich bitte an, sagte mein Vater.

Wir fuhren in eine Kurve, und es dauerte eine Weile, bis der Sicherheitsverschluss in den dafür vorgesehenen Schlitz passte. Er schnappte zu, ohne mir den Finger einzuklemmen. Der Gurt rieb an meinem Hals.

Mein Vater wechselte den Sender. Nachrichten. Eine Frau auf den Philippinen war über hundert Jahre alt geworden und konnte immer noch mit dem Rad fahren.

Wir hielten an einer Ampel. In einem hell erleuchteten Fenster stand ein Mann und blickte auf die wartenden Fahrzeuge herunter. Er trug einen schwarzen Hut. Erst als wir langsam anfuhren, bewegte auch er sich und verschwand. Dieser Mann wusste nichts von uns, dachte ich, nichts. Er hatte nichts mit uns zu tun, sein unbekanntes Gesicht war Teil eines völlig anderen Universums.

Mein Vater fluchte über die Meldung im Radio, dass der Benzinpreis wieder im Steigen war.

Ich schaute durch das hintere Fenster zurück zu dem Haus, in dem der unbekannte Mann lebte. Das Haus wurde kleiner, verschwand in einer Kurve. Wir rollten über die Straße, in unserem VW, den der Mann am Fenster gesehen hatte, ohne ihn zu registrieren, und aus irgendeinem Grund wünschte ich mir plötzlich nichts sehnlicher, als ihn zu kennen. Oder für einen Augenblick er zu sein: unabhängig, alt, mit einem schwarzen Hut.

Die Namen

Genau genommen war das Gespräch zwischen ihm und Joachim gar keines über Schauspielerei gewesen, doch Walter schien es hinterher trotzdem so. Er sah jetzt endlich eine Berufsmöglichkeit, die seine Eltern ihm nicht vorgeschlagen hatten. Dann freilich schlug sein Vater sie ihm tatsächlich vor und Walter reiste schnell wieder ab, nach Hause in die Stadt, in sein Leben, und spielte dort ein halbes Jahr lang Vogel Strauß.

Als er genug davon hatte, erzählte er allen, die es interessieren musste, von seiner Homosexualität. Es war ein befreiender, großer Moment, der aus lauter kleinen, einengenden und zermalmenden Momenten bestand. Sein Vater hatte sich anfangs ein wenig geziert, Walters sexuelle Orientierung zu akzeptieren, aber bald hatte er zugeben müssen, dass sehr viele berühmte Künstler … durchaus … ziemlich viele, wenn man es genau bedachte sogar eine ganze Menge … jaja … (Letztendlich war Walter heilfroh, dass sein Vater diesen Satz in seinem Beisein nie ganz zu Ende brachte.)

Seine Mutter hatte größere Schwierigkeiten. Sie rang die Hände und machte sich lautstark Sorgen um die Zukunft der Familie. Walter machte einen Scherz darüber, dass alle guten Dinge irgendwann zu einem Ende kämen. Aber daraufhin wurde sie nur traurig und begann ihn zu beschimpfen. Nachdem sie ihr mütterliches Mantra Trotz allem ist er trotz allem ist er trotz allem einige Male still aufgesagt und sich wieder beruhigt hatte, ging Walter ihr einen Schritt entgegen und gestand, dass er keineswegs nur Männer mochte, eben auch. Frauen seien im Allgemeinen bloß die schwierigeren Zeitgenossen. Darüber konnte seine Mutter nun endlich lachen, und Walter hatte es wieder einmal geschafft, genau das zu sagen, was sein Gesprächspartner in dem Augenblick hören wollte. Citroën du Monde, dachte er sarkastisch.

— Dummer Bub, sagte seine Mutter sanft und berührte seine Schulter, ohne ihn dabei anzusehen.

Über diese Berührung war Walter einigermaßen entsetzt und er entfernte sich.

Seine Mutter blieb im abgedunkelten Zimmer sitzen. Mit gefalteten Händen beschloss sie, dass sich in den letzten zehn Minuten nichts geändert hatte, obwohl sich natürlich alles geändert hatte, und als sie sich bei dem tröstenden Gedanken ertappte, es gebe ja noch Mirja, die, so Gott wollte, für den Fortbestand des Zmalschen Erbguts sorgen konnte, tadelte sie sich selbst für ihre kindische Charakterschwäche. Sie fasste neuen Mut und ging die Fasane füttern.