»Nie davon gehört. Was ist das, dieser Palast der Propheten?«
Die alte Frau setzte ein stilles Lächeln auf. »Fragt Eure Magierin, Mylord.« Sie drehte sich erneut um und wollte den Raum verlassen.
Brogan sprang auf. »Niemand hat Euch erlaubt zu gehen, zahnloses altes Weib!«
Sie warf einen Blick zurück über ihre Schulter. »Es ist die Leber, Mylord.«
Brogan beugte sich, auf die Fingerknöchel gestemmt, vor. »Was?«
»Ich mag rohe Leber, Mylord. Ich glaube, das war es, weshalb mir im Laufe der Zeit alle meine Zähne ausgefallen sind.«
Genau in diesem Augenblick erschien Galtero, drückte sich an der Frau und dem Mädchen vorbei, während diese durch die Tür gingen. Er salutierte, die Fingerspitzen an die nach vorn geneigte Stirn gelegt. »Lord General, ich habe etwas zu berichten.«
»Ja, ja. Einen Augenblick.«
»Aber —«
Brogan gebot Galtero mit erhobenem Finger zu schweigen und wandte sich Lunetta zu. »Nun?«
»Es stimmt jedes Wort, Lord General. Sie ist wie eine Wasserwanze, die über die Wasseroberfläche huscht und sie dabei nur mit den Spitzen ihrer Füße berührt, aber alles, was sie gesagt hat, ist wahr. Sie weiß viel mehr, als sie preisgibt, doch was sie sagt, ist wahr.«
Brogan winkte Ettore mit einer ungeduldigen Handbewegung zu sich. Der Mann nahm vor dem Tisch Haltung an, während sich sein scharlachrotes Cape um seine Beine aufbauschte. »Lord General?«
Brogan kniff die Augen zusammen. »Ich denke, wir haben es möglicherweise mit einer Verderbten zu tun. Möchtest du dich des scharlachroten Capes, das du trägst, würdig erweisen?«
»Ja. Lord General, sehr gern.«
»Nimm sie in Gewahrsam, ehe sie das Gebäude verläßt. Sie steht unter dem Verdacht, eine Verderbte zu sein.«
»Was ist mit dem Mädchen, Lord General?«
»Hast du nicht zugehört, Ettore? Zweifellos wird sich herausstellen, daß es die Vertraute der Verderbten ist. Außerdem wollen wir nicht, daß sie draußen auf der Straße herumposaunt, ihre Großmutter werde vom Lebensborn festgehalten. Die andere, die Köchin, würde man vermissen, und das könnte uns Unruhestifter auf den Plan bringen, aber die beiden nicht. Sie gehören jetzt uns.«
»Ja, Lord General. Ich werde mich sofort darum kümmern.«
»Ich will sie so schnell wie möglich verhören. Das Mädchen ebenfalls.« Brogan hob warnend einen Finger. »Sie sollten besser darauf vorbereitet sein, alle meine Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten.«
Ettores jugendliches Gesicht verzog sich zu einem schauerlichen Grinsen. »Sie werden gestehen, wenn Ihr sie aufsucht, Lord General. Beim Schöpfer, sie werden bereit sein, zu gestehen.«
»Sehr gut, mein Junge, und nun geh, bevor sie auf der Straße sind.«
Als Ettore durch die Tür hinauseilte, trat Galtero ungeduldig vor, wartete jedoch schweigend vor dem Tisch.
Brogan ließ sich in den Sessel zurücksinken, seine Stimme klang entrückt. »Galtero, Ihr habt wie üblich sorgfältige und gute Arbeit geleistet. Die Zeugen, die Ihr brachtet, haben sich als überaus brauchbar erwiesen.«
Tobias Brogan schob die Silbermünze zur Seite, schnallte die Lederriemen seines Kästchens los und kippte seine Trophäen in einem Haufen auf den Tisch. Er bereitete sie mit zärtlicher Sorgfalt aus, berührte das einst lebendige Fleisch. Es handelte sich um getrocknete Brustwarzen — jeweils die linke, die dem bösen Herz eines Verderbten am nächsten war — mit genügend Haut, damit der Namen eintätowiert werden konnte. Sie stellten nur einen Bruchteil der Verderbten dar, die er enthüllt hatte. Die Wichtigsten der Wichtigen, die abscheulichsten Unholde des Hüters.
Während er die Beutestücke einzeln wieder zurücklegte, las er den Namen eines jeden Verderbten, den er auf den Scheiterhaufen gebracht hatte. Er erinnerte sich an jeden Fall, jede Gefangennahme, jede Untersuchung. Flammen der Wut loderten auf, sobald er an die ruchlosen Verbrechen dachte, die ein jeder schließlich gestanden hatte. Jedes einzelne Mal war der Gerechtigkeit Genüge getan worden.
Doch der Fang der Fänge stand noch aus: die Mutter Konfessor.
»Galtero«, sagte er mit leiser, eisiger Stimme. »Ich habe ihre Spur aufgenommen. Holt die Männer zusammen. Wir werden augenblicklich aufbrechen.«
»Ich denke, Ihr solltet Euch lieber erst anhören, was ich zu berichten habe, Lord General.«
11
»Es geht um die D’Haraner, Lord General.«
Brogan hatte die letzte seiner Trophäen zurückgelegt, ließ den Deckel seines Kästchens zuschnappen, sah auf und blickte in Galteros dunkle Augen. »Was ist mit den D’Haranern?«
»Ich wußte, daß etwas im Gange war, als sie heute morgen früh begannen, sich zu versammeln. Das war es, was die Menschen so in Aufruhr versetzt hat.«
»Versammeln?«
Galtero nickte. »Rings um den Palast der Konfessoren, Lord General. Am Nachmittag haben sie dann mit diesem Sprechgesang begonnen.«
Tobias beugte sich erstaunt zu seinem Colonel hinüber. »Sprechgesang? Wißt Ihr ihre Worte noch?«
Galtero hakte einen Daumen hinter seinen Waffengürtel. »Es ging zwei geschlagene Stunden so, es dürfte schwerfallen, sie zu vergessen, wenn man sie so oft gehört hat. Die D’Haraner verneigten sich, die Stirn bis zum Boden, und alle sangen dieselben Worte: ›Herrscher Rahl, führe uns. Herrscher Rahl, lehre uns. Herrscher Rahl, beschütze uns. In Deinem Licht gedeihen wir. In Deiner Gnade finden wir Schutz. Deine Weisheit erfüllt uns mit Demut. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört Dir.‹«
Brogan trommelte mit einem Finger auf den Tisch. »Und alle D’Haraner haben daran teilgenommen? Wie viele sind es?«
»Jeder einzelne von ihnen, Lord General, und es sind mehr, als wir dachten. Sie füllten den Platz draußen vor dem Palast, standen bis in die Parks und Marktplätze und in die Straßen überall ringsum. Man kam nicht mehr zwischen ihnen hindurch, so ein Gedränge herrschte, als wollten sie alle dem Palast der Konfessoren so nahe sein wie möglich. Meiner Zählung nach befinden sich an die zweihunderttausend Menschen in der Stadt, wobei die meisten sich rings um den Palast versammelt haben. Währenddessen waren die anderen Leute einer Panik nahe, weil sie nicht wußten, was da vor sich ging.
Ich bin hinaus aufs Land geritten, und dort waren noch sehr viel mehr, die nicht bis in die Stadt gekommen waren. Auch sie hatten, wo immer sie sich befanden, die Stirn bis auf den Boden geneigt und sangen gemeinsam mit ihren Brüdern in der Stadt. Ich ritt forsch, um so weit wie möglich zu kommen und alles zu sehen, was ich nur konnte, trotzdem sah ich keinen einzigen D’Haraner, der sich nicht singend verbeugt hatte. Niemand beachtete uns, während wir auf Erkundung waren.«
Brogan klappte den Mund zu. »Dann muß er wohl hier sein, dieser Herrscher Rahl.«
Galtero verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß. »Er ist hier, Lord General. Während die D’Haraner sangen, die ganze Zeit, während sie sangen, stand er oben auf der Treppe des Haupteinganges und sah zu. Alle verneigten sich vor ihm, so als sei er der Schöpfer in Person.«
Brogan verzog angewidert den Mund. »Ich hatte immer schon den Verdacht, daß die D’Haraner Heiden sind. Man stelle sich vor, einen Menschen anzubeten. Was geschah dann?«
Galtero sah müde aus, er war den ganzen Tag lang scharf geritten. »Als es vorbei war, sprangen sie alle in die Höhe und jubelten und stießen Freudenschreie aus, als hätte man sie gerade aus der Gewalt des Hüters befreit. Ich konnte zwei Meilen weit hinter der Menschenmenge herreiten, das Gebrüll und die Hochrufe nahmen kein Ende. Schließlich machte die Menge Platz, als zwei Leichen hinausgetragen wurden, und Stille kehrte ein. Hastig wurde ein Scheiterhaufen errichtet und in Brand gesteckt. Während dieser ganzen Zeit, bis die Leichen zu Asche verbrannt waren, und man die Asche schließlich aufgesammelt hatte, um sie zu begraben, stand dieser Herrscher Rahl auf der Treppe und beobachtete alles.«
»Habt Ihr ihn Euch genau ansehen können?«