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Angewidert wandte ich mich ab.

»Ihr Teil ist bald vorüber«, sagte Thuvia. »Die großen weißen Affen bekommen das Fleisch, sobald die Pflanzenmenschen das Blut aus den Arterien gesogen haben. Seht, dort sind sie schon.«

Als ich in die Richtung blickte, in die das Mädchen wies, sah ich ein Dutzend der großen, weißen Monster aus dem Tal zum Flußufer stürmen. Dann ging die Sonne unter, und eine fast greifbare Dunkelheit senkte sich über uns.

Thuvia verlor keine Zeit und führte uns wieder zu dem Gang, der sich, hier und da abknickend, durch die Felsen in Richtung Oberfläche tausend Fuß weiter oben wand.

Zweimal stießen wir auf große, knurrende Banths, die im Labyrinth umherwanderten, doch ein jedes Mal genügte ein leiser Befehl Thuvias, und die Tiere wichen mürrisch beiseite.

»Wenn du all unsere Hindernisse so leicht aus dem Weg räumen kannst wie diese grimmigen Tiere, sehe ich keine Schwierigkeiten für unser Weiterkommen«, sagte ich lächelnd zu dem Mädchen. »Wie machst du das?«

Sie lachte, erschauderte dann jedoch und erzählte: »Ich weiß nicht genau. Als ich hier ankam, zog ich mir Sator Throgs Unwillen zu, indem ich ihn zurückwies. Er befahl, mich in eine der großen Gruben in den Innenhöfen zu werfen, wo es von Banths nur so wimmelt. In meiner Heimat war ich das Befehlen gewöhnt. Etwas in meiner Stimme, ich weiß nicht was, schüchterte die Biester ein, als sie auf mich zusprangen und mich angreifen wollten. Statt mich in Stücke zu reißen, wie es Sator Throg gewollt hatte, krochen sie vor meine Füße. Der Anblick amüsierte Sator Throg und seine Freunde derart, daß sie mich behielten, um die schrecklichen Kreaturen zu erziehen und abzurichten. Ich kenne sie alle mit Namen. Viele von ihnen streifen in diesen unteren Regionen umher. Sie sind Aasfresser, und da viele Gefangene hier in ihren Ketten verenden, lösen die Banths das Problem der Entsorgung, zumindest in dieser Hinsicht. Man hält sie in Gruben in den Gärten und Tempeln oben. Die Therns haben Angst vor ihnen und wagen sich ihretwegen selten unter die Erde, wenn nicht ihre Pflichten es erforderlich machen.«

Bei dem, was Thuvia gerade sagte, kam mir eine Idee.

»Warum nehmen wir nicht mehrere Banths und lassen sie vor uns frei, sobald wir oben angekommen sind?« fragte ich.

»Das würde die Feinde sicher von uns ablenken«, entgegnete Thuvia lachend und begann mit leiser, singender Stimme, fast einem Schnurren, etwas zu rufen. Sie fuhr damit fort, als wir uns mühsam unseren Weg durch das Labyrinth unterirdischer Gänge und Gewölbe bahnten.

Bald war hinter uns ein leises, gedämpftes Tapsen zu vernehmen, und als ich mich umdrehte, erblickte ich ein Paar großer, grüner Augen in der Dunkelheit schimmern. Aus einem abzweigenden Gang kroch verstohlen eine gekrümmte, gelbbraune Gestalt auf uns zu.

Leises Brummen und böses Knurren drang von jeder Seite an unsere Ohren, und während wir weitereilten, leistete ein Banth nach dem anderen dem Ruf seiner Herrin Folge.

Zu jedem der Ankömmlinge sagte sie etwas. Wie wohlerzogene Terrier liefen sie neben uns die Gänge entlang, doch entgingen mir weder die schäumenden Lefzen noch der hungrige Ausdruck, mit dem sie Tars Tarkas und mich bedachten.

Bald hatten sich etwa fünfzig der Biester zu uns gesellt. Zwei hatten Thuvia in die Mitte genommen, als seien sie Wachposten. Hin und wieder spürte ich an meinen nackten Armen und Beinen die glatten Flanken von anderen Banths. Es war eine seltsame Prozession: Eine fast geräuschlose Kolonne, die sich auf nackten, menschlichen Füßen und gepolsterten Tatzen vorwärtsbewegte; die goldenen, mit wertvollen Steinen gesprenkelten Wände; das trübe Licht der winzigen Radiumkugeln, die sich in Abständen an der Decke befanden; die riesigen, bemähnten Raubtiere, die sich leise knurrend um uns scharten; der mächtige, grüne Krieger, der uns alle hoch überragte; ich selbst, gekrönt mit dem unbezahlbaren Kopfschmuck eines Heiligen Therns, und – an der Spitze des Zuges – das wunderschöne Mädchen Thuvia.

Das sollte mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Bald kamen wir zu einem großen Gewölbe, in dem es wesentlich heller war als in den Gängen. Thuvia hieß uns stehenbleiben, stahl sich leise zum Eingang und warf einen Blick hinein. Dann winkte sie uns, ihr zu folgen.

In dem Raum wimmelte es von allen möglichen seltsamen Geschöpfen, die in dieser Unterwelt zu Hause waren: Eine zusammengewürfelten Masse von Bastarden – die Nachkömmlinge der Gefangenen von der Außenwelt, roten und grünen Marsmenschen und weißen Therns.

Die ständige Gefangenschaft unter der Erde hatte ihrer Haut ein sonderbares Aussehen verliehen. Sie wirkten mehr tot als lebendig. Viele waren mißgestaltet, andere verkrüppelt, die meisten blind, so erklärte mir Thuvia.

Wie sie ausgestreckt auf dem Boden umherlagen, teilweise übereinander, dann wieder in bunten Haufen, fühlte ich mich unvermittelt an die grotesken Illustrationen von Dantes Inferno erinnert. Welcher Vergleich hätte sich hier mehr aufgedrängt? War es nicht tatsächlich die wahre Hölle, in der verlorene Seelen, tot und verdammt, ein Dasein jenseits aller Hoffnung fristeten?

Vorsichtig bahnten wir uns einen Weg durch die Massen. Die großen Banths schnupperten gierig angesichts der unwiderstehlichen Beute, die in verlockendem Überfluß wehrlos vor ihnen ausgebreitet lag.

Oft kamen wir an Eingängen anderer Gewölbe vorbei, die ähnlich bevölkert waren; zwei weitere von ihnen mußten wir durchqueren. In einigen Gewölben stießen wir auf angekettete Gefangene und Tiere.

»Warum gibt es hier keine Therns?« wollte ich von Thuvia wissen.

»Sie begeben sich selten des Nachts in die Unterwelt, denn dann streifen die großen Banths auf Suche nach Beute durch die dunklen Korridore. Die Therns fürchten die schrecklichen Bewohner dieser grausamen und hoffnungslosen Welt, die sie zu ihren Füßen genährt und gezüchtet haben. Manchmal wenden sich Gefangene gegen die Therns und überwältigen sie. Der Thern weiß nie, in welchem dunklen Schatten ein Mörder seiner harrt. Tagsüber ist es anders. Dann passieren Wachen die Gänge und Gewölbe, Sklaven aus den Tempeln oben kommen zu Hunderten zu den Getreidespeichern und Lagerhallen. Alles ist mit Leben erfüllt. Ihr habt das nicht gesehen, denn ich habe euch nicht durch die bevölkerten Gänge geführt, sondern außen entlang. Sogar jetzt könnten wir einem Thern begegnen. Gelegentlich halten sie es für notwendig, nach Sonnenuntergang noch einmal herzukommen. Deswegen war ich so vorsichtig.«

Indes gelangten wir unentdeckt zu den oberen Gängen, wo uns Thuvia auf einmal am Beginn eines kurzen, steilen Anstiegs stehenbleiben hieß.

»Über uns befindet sich der Zugang zu den inneren Gärten. Bis hierhin habe ich uns gebracht. Auf den nächsten vier Meilen zu den äußeren Schußwällen lauern zahlreiche Gefahren auf uns. Wachen kontrollieren die Höfe, Tempel und Gärten. Jeder Zoll der Schutzwälle selbst wird beobachtet.«

Ich verstand nicht, wieso ein Ort derart scharf bewacht werden mußte, den so viele Geheimnisse und abergläubische Vorstellungen umgaben, daß sich keine Seele von Barsoom in seine Nähe getraut hätte, selbst wenn sie den genauen Standort gewußt hätte. Ich fragte Thuvia, welche Feinde die Therns in ihren undurchdringlichen Festungen fürchten konnten.

Thuvia öffnete gerade die Tür, vor der wir standen und entgegnete: »Sie fürchten die schwarzen Piraten von Barsoom, mein Prinz, vor denen uns unsere Ahnen beschützen mögen.«

Die Tür schwang auf, der Duft von Pflanzen liebkoste mich, und die kühle Nachtluft blies mir von der Seite ins Gesicht. Die großen Banths witterten die unbekannten Gerüche, stürmten schwungvoll und leise knurrend an uns vorbei und schwärmten unter dem fahlen Licht des ersten Mondes von Barsoom im Garten aus.

Plötzlich erhob sich von den Tempeldächern ein Alarmschrei, der von anderen aufgenommen, nach Osten und Westen, von den Tempeln zum Hof und zum Schutzwall weitergetragen wurde, bis nur noch sein schwaches Echo in der Ferne zu vernehmen war.