José nickte. »Hier bist du«, sagte er, »und ein Glück, sonst hätte ich niemanden, der mit mir zur Isla Maldita fährt, denn dazu ist nun wahrhaftig niemand verrückt genug. Aber hör mal, willst du wirklich mitfahren? Willst du nicht zurück zu deinem Onkel?«
»Nein«, sagte Jonathan sehr bestimmt. »Das will ich nicht.«
José zuckte die Schultern und kletterte hinunter in die Kajüte, um den dreibeinigen Gaskocher zu holen. Dann kochten sie Kaffee in einem Topf und öffneten eine Dose, deren Aufschrift man nicht mehr lesen konnte. Carmen reckte neugierig ihre winzige braune Schnauze und Oskar fischte etwas Orangefarbenes aus der Dose und verschlang es gierig. Dann streckte er den Schnabel und angelte sich ein zweites orangefarbenes Etwas …
»Eine Dose mit Pinguinfutter?«, fragte Jonathan zweifelnd.
José roch an der Dose. »Krabbensuppe«, sagte er. »Du meine Güte, der alte Juan Casaflora hat nicht schlecht gelebt. Da ist noch eine Menge solcher Dosen. Allerdings hätte er sich die Krabben auch an den Stränden der Inseln fangen können.«
So frühstückten sie Kaffee und Krabbensuppe, und José sagte, nun brauchten sie nur noch eine Flasche Sekt, um auf den Beginn ihrer gemeinsamen Reise anzustoßen.
Dann sah er zwischen den Felsen hindurch aufs Meer hinaus und wurde plötzlich ernst.
»Das nächste Stück unserer Reise ist das längste«, sagte er. »Vor der Insel Marchena gibt es kein Festland und bis dorthin sind es mehrere Tage. Das ist offener Ozean, es gibt keinen Windschutz durch die anderen Inseln, es gibt …« Er seufzte. »… nichts.«
»Wie lange werden wir nach Mar… zu dieser Insel brauchen?«
José zuckte die Schultern. »Wenn der Wind so bleibt wie jetzt – zwei Tage? Wenn er dreht … kann es eine Woche dauern. Länger.«
»Du warst noch nie dort.«
José schien zu überlegen, ob er sagen sollte, was er als Nächstes sagte. »Ich war noch nie irgendwo. Ich war immer nur auf Isabela. Und dann habe ich mich mitnehmen lassen nach Baltra, vom alten Silvio. Mein Vater kennt ihn. Er hat ein bisschen zu viel Geld und eine schöne Jacht. Die Albatros. Er hat mich schon früher manchmal mitgenommen, ist mit mir vor der Küste von Isabela herumgekreuzt und hat mir das Segeln beigebracht. Aber diese Tour … ist die längste, die ich bis jetzt allein gesegelt bin. Es … ist die erste.«
Jonathan nickte stumm.
»Na«, sagte er, »es ist auch für mich die erste Tour auf einem so kleinen Schiff. Und für Oskar.« Er schüttelte etwas Kleines, Braunes aus seinem Ärmel, das empört quiekte. »Nur bei Carmen wäre ich mir nicht so sicher.«
»Wenn ihr trotzdem mitkommen wollt …«, sagte José. Niemand widersprach. »Dann gehe ich jetzt ein letztes Mal an Land«, fuhr José fort. »Von hier aus kann man vermutlich nach Santiago schwimmen.« Er verschwand unter Deck, und als er diesmal wieder auftauchte, trug er ein Gewehr über der Schulter. Jonathan wich zurück.
»Was willst du denn damit?«, fragte er.
»Einen Vogel schießen«, antwortete José. »Oder ein wildes Schwein. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, frisches Fleisch an Bord zu nehmen. Vielleicht finden wir auf Marchena keins.« Er legte das Gewehr an und zielte auf einen Punkt am Horizont. »Eines Tages«, sagte er, »ziehe ich nach Europa und knalle die Deutschen alle ab.«
»Warum?«, fragte Jonathan zögernd.
José bewegte das Gewehr und auf einmal zielte sein Lauf auf Jonathan. Er spürte, wie sich alles in ihm verkrampfte. Wusste José, wer er war?
»Weil ich sie hasse«, sagte José. »Ich hasse alle Deutschen. Alle.«
Hatte er seinen Akzent erkannt? Jonathan überlegte, was er tun würde, wenn José abdrückte. Nichts vermutlich. Fallen. Vielleicht schreien.
»Sie haben den Krieg gemacht«, fuhr José fort. »Sie sind schuld, dass deine Mutter tot ist und deine Schwester. Hasst du sie nicht?«
»Ich … nein … doch.« Jonathan merkte, wie sehr seine Stimme zitterte. José wusste gar nichts. Gar nichts. Er spielte nur mit seinem dummen Gewehr. Aber wenn du jemanden abknallen willst, magst du den Krieg, wollte er sagen. Du bist ja wie sie! Er sagte es nicht. Er sagte: »Dann geh und schieß deinen Vogel. Aber beeil dich. Vielleicht kommt die Roosevelt noch einmal zurück, um nach uns zu suchen. Weshalb auch immer.«
»Ach was«, sagte José, »die ist längst weit weg. Warte hier auf mich. Lass die Mariposa nicht allein, hörst du? Auf keinen Fall. Ich bin bald wieder da.«
Kurz darauf beobachtete Jonathan, wie José, das Gewehr mit einer Hand über den Kopf haltend, ans Ufer schwamm. Als er dort ankam, winkte er. Mit dem Gewehr.
»Loco«, sagte er leise. »Ein Verrückter. Wenn auch nicht halb so verrückt wie die Idee, von Hamburg auf die Galapagosinseln auszuwandern.« Aber vielleicht, dachte er, war auch sein Onkel nicht so verrückt gewesen, wie alle geglaubt hatten. Vielleicht hatte seine Idee, auszuwandern, überhaupt nichts mit Jonathans Mutter und ihrem Traum zu tun gehabt.
Thomas Waterweg war durch und durch deutsch. Ein Nationalsozialist. Einer von jenen, die glaubten, die Welt gehörte den Deutschen, den blonden blauäugigen Deutschen und niemandem sonst. »Eine lächerlich dumme Idee«, hatte Jonathans Mutter gesagt, »so lächerlich, dass man kaum glauben kann, dass ein Weltkrieg daraus entstanden ist.«…Aber das hatte sie nur leise gesagt und auch nur zu Hause, wo niemand sie hörte. Thomas, ihr Bruder, hatte den Krieg bisher von seinem Schreibtisch aus mitverfolgt. Er hatte Kontakte. So gute Kontakte, dass er nicht eingezogen worden war.
Und hier hatten die Amerikaner also eine Militärbasis auf Baltra, von der aus sie den Panamakanal kontrollierten. Es gab sicherlich eine Menge Leute in Deutschland, die genauere Informationen über jene Militärbasis durchaus interessant gefunden hätten.
Nein, dachte Jonathan, sein Onkel hatte den sicheren Schreibtisch nicht verlassen, um aus einer Laune heraus quer über den Pazifik zu fahren. Er war gekommen, um auf Baltra für die Deutschen zu spionieren.
Jonathan streichelte gedankenverloren den Pinguin Oskar, der den Kopf vertrauensvoll in seine Hand gelegt hatte. »Und vermutlich war es praktisch, auf der Reise einen netten kleinen Jungen bei sich zu haben, zur Tarnung«, sagte er zu Oskar, auf Deutsch. Pinguine verstanden alle Sprachen der Welt, das war bekannt. »Wer verdächtigt einen Onkel, der mit einem netten kleinen Jungen und einem englischen Pass aus Europa flieht? Nun, der nette kleine Junge ist ihm abhandengekommen. Er ist unterwegs mit einem, der alle Deutschen hasst, auf dem Schiff eines Toten, in dessen Kajüte plötzlich Pistolen auftauchen.«
In diesem Moment tauchte noch etwas auf. Es tauchte in einer der Lücken zwischen den Felsen auf, durch die Jonathan hinaus aufs Meer sehen konnte, und es war ein Schiff. Ein grauer Militärsegler. Die Roosevelt war zurückgekommen. Er beobachtete mit rasendem Puls, wie sie näher kam, wie sie sich der Küste näherte – und atmete auf, als sie einige Hundert Meter entfernt vor einem anderen Felsen ihre Fahrt stoppte, einem flachen Felsen, über den man die Insel trockenen Fußes erreichen konnte. Dort machten die Männer das Schiff mit einem dicken Tau fest, das sie um ein Stück des Felsens schlangen: Sie hatten einen natürlichen Hafen gefunden. Aber sie waren nicht gekommen, weil sie einen besonders hübschen Hafen gesucht hatten. Sie waren gekommen, weil sie etwas anderes suchten. Etwas, das ihnen entkommen war.
Er sah ihre Uniformen, und er fragte sich nicht zum ersten Mal, warum Männer in amerikanischer Uniform hinter José her waren: José, der die Amerikaner vergötterte, der so gern mit ihnen in den Krieg gezogen wäre … Er sah, wie sie zielstrebig die Küste hinaufgingen. Über ihren Schultern lagen Gewehre.