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Als er sie sah, blieb er wie gebannt stehen, und Gringolet drängte vorwärts und warf ungeduldig den Kopf auf. Gawyns Gesichtsausdruck war so, wie er immer gewesen war, wenn er Eliwys angesehen hatte, voller Hoffnung und Verlangen, und Kivrin spürte einen Anflug von Zorn, daß er sich nicht einmal jetzt geändert hatte. Aber vielleicht tat sie ihm unrecht; er war gerade eben aus Courcy zurückgekehrt und wußte nicht, was sich ereignet hatte.

Eliwys zog den Eimer hoch, und Gawyn kam noch ein paar Schritte näher, ohne Gringolets Zaumzeug loszulassen, dann blieb er wieder stehen.

Er weiß doch Bescheid, dachte Kivrin. Der Gesandte des Bischofs ist daran krank geworden, und er ist nach Haus geritten, um sie zu warnen. Plötzlich fiel ihr auf, was sie gleich hätte sehen müssen: er hatte die anderen Pferde nicht mitgebracht. Der Gesandte oder der Mönch sind an der Pest erkrankt, dachte sie, oder alle beide, und die anderen haben die Flucht ergriffen.

Er sah Eliwys den Eimer aus dem Brunnentrog heben, ohne sich von der Stelle zu rühren. Er würde alles für sie tun, dachte Kivrin; er würde sie gegen hundert Räuber und Halsabschneider verteidigen, aber vor diesem Unheil kann er sie nicht schützen.

Gringolet schüttelte den Kopf, daß die Mähne flog. Gawyn legte ihm die Hand auf die Nüstern, um ihn zu beruhigen, aber es war zu spät. Eliwys hatte ihn gesehen.

Sie ließ den Eimer los. Er landete mit einem Aufklatschen im Brunnen, und dann war Eliwys in seinen Armen. Kivrin schlug die Hand vor den Mund.

Jemand klopfte leicht an die Tür. Kivrin sprang von der Steinbank, sie zu öffnen. Es war Agnes.

»Kannst du mir jetzt eine Geschichte erzählen?« fragte sie. Sie sah sehr ramponiert aus. Niemand hatte ihr seit gestern das Haar ausgekämmt und die Zöpfe geflochten. Es schaute wirr unter ihrer leinenen Kappe hervor, und sie hatte offensichtlich beim. Herdfeuer geschlafen. Ein Ärmel war voll Asche.

Kivrin widerstand der Regung, sich der Kleinen anzunehmen, die Asche vom Ärmel zu klopfen und ihre Haare in Ordnung zu bringen. »Du darfst nicht herein«, sagte sie durch den Türspalt, »sonst wirst du auch krank.«

»Niemand spielt mit mir«, quengelte Agnes. »Mutter ist fort, und Rosemund schläft noch.«

»Deine Mutter ist nur Wasserholen gegangen«, sagte sie mit freundlicher Festigkeit. »Wo ist deine Großmutter?«

»Sie betet.« Sie streckte die Hand nach Kivrins Röcken aus, und Kivrin zog sich außer Reichweite zurück.

»Du darfst mich nicht anfassen.«

Agnes’ Miene wurde weinerlich, sie machte einen Schmollmund. »Warum bist du bös mit mir?«

»Ich bin nicht bös mit dir«, sagte Kivrin in sanfterem Ton. »Aber du kannst nicht hereinkommen. Der Sekretär ist sehr krank, und alle, die ihm nahekommen, können auch krank werden.«

Agnes versuchte durch den Türspalt zum Bett zu spähen. »Wird er sterben?«

»Ich fürchte es.«

»Und du?«

»Nein«, sagte sie, und sie begriff, daß sie sich nicht mehr fürchtete. »Rosemund wird bald aufwachen. Bitte sie, daß sie dir eine Geschichte erzählt oder mit dir spielt. Frag sie, ob sie dir die Haare kämmen und Zöpfe flechten kann.«

»Wird Pater Roche sterben?«

»Nein. Geh und spiel mit deinem Wagen, bis Rosemund aufwacht.«

»Wirst du mir eine Geschichte erzählen, wenn der Sekretär tot ist?«

»Ja. Nun geh hinunter.«

Agnes ging zögernd drei Stufen hinunter, mit einer Hand an die Wand gestützt. »Werden wir alle sterben?« fragte sie.

»Nein«, sagte Kivrin. Nicht, wenn ich es verhindern kann. Sie schloß die Tür und lehnte sich dagegen.

Der Kranke lag in bewußtloser Starre, als sei sein ganzes Wesen nach innen gekehrt, um mit einem Feind zu ringen, den sein Immunsystem bis dahin nie gesehen und gegen den es keine Abwehrmittel hatte.

Das Klopfen wiederholte sich.

»Geh hinunter, Agnes«, sagte Kivrin, aber es war Pater Roche mit der Schüssel Brühe, die er aus der Küche gebracht hatte, und einer tönernen Schale, in der er rotglühende Holzkohle hatte. Er schüttete sie in das Kohlenbecken, kniete daneben nieder und blies in die Glut.

Kivrin hob die Schüssel auf. Die Brühe war lauwarm und roch bitter. Sie fragte sich, ob er Weidenborke hineingetan hatte, um das Fieber zu senken.

Pater Roche stand auf und nahm die Schüssel, und gemeinsam bemühten sie sich, dem Kranken etwas von der Brühe einzulöffeln, aber sie rann ihm von der dick geschwollenen Zunge und die Mundwinkel herab.

Jemand klopfte.

»Agnes, ich sagte dir, du kannst nicht hereinkommen«, sagte Kivrin, mit dem Abwischen der Brühe vom Kissen beschäftigt.

»Großmutter schickt mich, dir zu sagen, daß du kommen sollst.«

»Ist sie krank?« sagte Pater Roche. Er wollte zur Tür.

»Nein. Es ist Rosemund.«

Etwas wie ein eiserner Ring legte sich Kivrin um die Brust und preßte sie zusammen.

Pater Roche öffnete die Tür, aber Agnes kam nicht herein. Sie stand auf dem Absatz und starrte seine Maske an.

»Ist Rosemund krank?« fragte er besorgt.

»Sie ist gefallen.«

Kivrin lief an ihnen vorbei und die Treppe hinunter.

Rosemund saß auf einer der Bänke beim Herdfeuer, und Frau Imeyne stand bei ihr.

»Was ist geschehen?«

»Ich bin gefallen«, sagte Rosemund. Sie schien verblüfft. »Ich schlug mir den Arm auf.« Sie streckte ihn Kivrin mit abgewinkeltem Ellenbogen hin.

Frau Imeyne murmelte etwas.

»Wie bitte?« fragte Kivrin und merkte verspätet, daß die alte Frau betete. Sie sah sich nach Eliwys um, aber sie mußte noch auf dem Hof sein. Nur Maisry saß ängstlich zusammengekauert beim Feuer, und Kivrin schoß der Gedanke durch den Sinn, daß Rosemund über sie gestolpert sein müsse.

»Bist du über etwas gefallen?« fragte sie.

»Nein«, antwortete Rosemund, noch wie benommen. »Mein Kopf schmerzt.«

»Hast du ihn angestoßen?«

Sie schüttelte den Kopf und streifte ihren Ärmel hoch. »Ich muß mir den Ellbogen auf den Steinplatten aufgeschlagen haben.«

Kivrin untersuchte ihn. Die Haut war oberflächlich geschürft, aber es blutete nicht. Kivrin überlegte, ob sie sich den Arm gebrochen haben könnte; sie hielt ihn in einem so ungewöhnlichen Winkel. Sie nahm den Unterarm mit einer Hand und bewegte ihn vorsichtig. »Schmerzt es?«

»Nein.«

Sie drehte den Unterarm leicht nach innen. »Und jetzt?«

»Nein.«

»Kannst du die Finger bewegen?«

Rosemund ließ sie einzeln herabhängen, den Arm noch angewinkelt. Kivrin betrachtete ihn stirnrunzelnd. Bei einem Bruch hätte sich ein Bluterguß oder eine Anschwellung gebildet, aber vielleicht war es nur eine leichte Prellung oder Verstauchung, aber dann könnte Rosemund den Arm sicherlich nicht so leicht bewegen. »Frau Imeyne«, sagte sie, »würdet Ihr Pater Roche holen?«

»Er kann uns nicht helfen«, sagte Imeyne in geringschätzigem Ton, aber sie ging zur Treppe.

»Ich glaube nicht, daß er gebrochen ist«, sagte Kivrin zu Rosemund.

Das Mädchen ließ den Arm sinken, keuchte und riß ihn wieder hoch. Die Farbe wich aus ihrem Gesicht, und Schweißperlen bildeten sich auf der Oberlippe.

Es mußte doch ein Bruch sein, überlegte Kivrin, und griff wieder nach dem Arm. Rosemund zog ihn weg und fiel, bevor Kivrin merkte, was geschah, von der Bank auf den Boden.

Diesmal hatte sie den Kopf angeschlagen. Kivrin hörte das dumpfe Geräusch auf dem Stein. Sie sprang über die Bank und kniete neben ihr nieder. »Rosemund, Rosemund«, sagte sie. »Kannst du mich hören?«

Sie rührte sich nicht. Im Fallen hatte sie den verletzten Arm instinktiv ausgestreckt, um sich abzufangen, und als Kivrin ihn berührte, zuckte sie zusammen, ohne jedoch die Augen zu öffnen. Kivrin sah sich in Panik nach Imeyne um, aber die alte Frau war nicht auf der Treppe. Sie richtete sich auf.