Morgan nickte.
»Ja, Hochländer, dann kann ich nur hinzufügen, daß Damson die Talbewohner niemals der Gefahr aussetzen würde, sie hierher zu bringen, während der Zeigefinger belagert wird. Sie würde sie in Sicherheit bringen – in Tyrsis oder anderswo, ganz wie es die Lage erfordert.« Er redete nicht weiter; seine Augen verrieten verborgene Gedanken. Dann sagte er: »Keiner außer Damson, Chandos und mir kennt den anderen Zugang – jetzt, wo Hirehone tot ist. Wir sollten es dabei belassen, bis die Identität des Verräters enthüllt ist, meinst du nicht auch? Ich möchte nicht, daß die Föderation zum Hintereingang hereinspaziert, während wir den Vordereingang verteidigen.«
Morgan war diese Möglichkeit bis dahin gar nicht in den Sinn gekommen. Der Gedanke daran ließ ihn frösteln. »Ist der Hintereingang sicher?« fragte er zögernd.
Padishar Creel schürzte die Lippen. »Sehr sogar. Und jetzt geh und laß dir dein Abendessen schmecken, Hochländer. Und vergiß nicht, die Augen aufzuhalten.« Er wandte sich wieder seinen Skizzen zu.
Morgan zögerte kurz, überlegte, ob er noch etwas sagen sollte, drehte sich dann jedoch um und ging. In dieser Nacht, als die Sterne am Himmel aufzogen, saß Morgan allein am äußersten Ende der Anhöhe, dort, wo ein Espenwäldchen um eine kleine grasbedeckte Lichtung herumstand, und sah auf das Tal des Parmakeils hinaus, wo sich die halbe Mondsichel langsam in den dunkel werdenden Himmel schob. Mit Ausnahme der gedämpften Geräusche, die aus den Höhlen drangen, in denen die Männer an Padishar Creels geheimer Waffe arbeiteten, herrschte Ruhe im Lager. Die Wurfmaschinen und Bogen standen still; sowohl die Männer der Föderationsarmee als auch der Bewegung hatten sich entweder schlafen gelegt oder hingen ihren persönlichen Gedanken nach. Padishar Creel hatte eine Unterredung mit den Trollen und Chandos vereinbart, zu der Morgan nicht eingeladen worden war. Steff ruhte sich aus; seine Temperatur war anscheinend nicht gestiegen, doch es mangelte ihm an Kraft, und sein Allgemeinzustand ließ immer noch zu wünschen übrig. Es gab nichts zu tun, nichts, außer Schlafen oder Denken, und Morgan Leah hatte sich für das Letztere entschieden.
So weit er zurückdenken konnte, war er immer klug gewesen. Seine Klugheit war eine Gabe, die bereits seine Vorfahren besessen hatten, solche Männer wie Menion und Rone Leah, aber auch eine Fähigkeit, die Morgan in mühsamer Arbeit vervollkommnet hatte. Die Föderation hatte ihm ein Ziel seiner Fähigkeit geliefert. Er hatte fast seine gesamte Jugend damit zugebracht, die Befehlshaber der Föderation, die seine Heimat beherrschten, übers Ohr zu hauen, sie bei jeder Gelegenheit zu provozieren, damit sie sich nie sicher fühlen konnten. Er machte seine Sache sehr gut und konnte fast jeden übertölpeln, wenn er nur ausreichend Zeit und Gelegenheit dazu hatte.
Er lächelte wehmütig. Das hatte er immer geglaubt. Jetzt war es Zeit, genau das unter Beweis zu stellen. Es war an der Zeit herauszufinden, wie die Föderation so oft über ihre Pläne Bescheid wissen konnte, wie man sie hatte verraten können – die Geächteten, die Talbewohner, die kleine Gruppe aus Culhaven.
Er ließ sich zum grasbewachsenen Fuß eines knorrigen Baumstamms hinabgleiten, zog die Knie fast bis zur Brust an und überlegte, welche Informationen ihm zur Verfügung standen.
Sicher war, daß der Verräter ein fleißiger Mensch war. Irgend jemand hatte der Föderation einen Wink gegeben, als Padishar Creel sie nach Tyrsis geführt hatte, um das Schwert von Shannara zu bergen. Irgend jemand hatte in Erfahrung gebracht, was sie vorhatten, und dann den Kommandanten der Föderation noch vor ihrer Ankunft darüber informiert. »Es war einer von euch«, hatte der Kommandant Padishar Creel erklärt. Dann hatte jemand den Standort des Zeigefingers an die Armee verraten, die ihn jetzt belagerte – wieder war es jemand gewesen, der wußte, wo sich der Zeigefinger befand und wie man dorthin gelangte.
Er runzelte die Stirn. Der Verräter war eigentlich schon vorher tätig gewesen. Wenn man davon ausging – und genau das wollte er jetzt tun –, daß irgend jemand den Nager ausgeschickt hatte, um ihnen ins Wolfsktaaggebirge zu folgen, und wenn man weiterhin davon ausging, daß irgend jemand die Schattenwesen am Tofferkamm informiert hatte, die dann die Spinnengnome auf Par hetzten, dann konnte man den Verrat bis nach Culhaven zurückverfolgen.
Hieß das, daß irgend jemand ihnen bereits seit Culhaven auf der Spur war?
Er verwarf diese Möglichkeit jedoch unverzüglich. Niemand hätte solch ein Kunststück fertiggebracht.
Aber damit war das Rätsel noch nicht gelöst. Es blieben Hirehone, den er in Tyrsis gesehen hatte, und sein darauffolgender gewaltsamer Tod im Parmakeil. Und die Morde an den Aufzugswachen, obwohl die Aufzüge oben waren. In welcher Beziehung standen diese Vorkommnisse zu dem Ganzen?
Er ließ sich alles durch den Kopf gehen, um irgend etwas zu entdecken, das ihm bisher entgangen war. Die Nachtvögel hoben in der Dunkelheit des Parmakeils ihren Gesang an, und der warme, duftende Wind wehte leise über sein Gesicht. Die Minuten gingen schweigend vorbei. Die einzelnen Teile wollten nicht zusammenpassen. Irgend etwas fehlte ihm.
Er rieb sich kräftig die Hände. Er würde es auf andere Weise versuchen. Er würde die Teile, die nicht zusammenpaßten, aussortieren und auf diese Weise sehen, was übrigblieb. Langsam sog er die Luft ein und entspannte sich.
Niemand hätte ihnen folgen können – zumindest nicht die ganze Zeit. Das hieß also, daß es jemand aus ihrer Mitte sein mußte. Einer von ihnen. Aber wenn dieser Jemand sowohl die Verantwortung trug für den Nager und die Schattenwesen wie auch für alles, was seit ihrer Ankunft im Lager der Geächteten geschehen war, mußte es sich dann nicht um ein Mitglied der ursprünglichen Gruppe handeln? Par, Coll, Steff, Teel oder ihn selbst? In der gleichen Sekunde wanderten seine Gedanken zurück zu Teel, denn über sie wußte er weniger als über jeden anderen. Er konnte und wollte nicht glauben, daß es einer der Talbewohner oder Steff war. Aber warum sollte Teel eher in Frage kommen? Hatte sie nicht mindestens ebenso viel durchgemacht wie Steff?
Außerdem stellte sich die Frage, was Hirehone mit all dem zu tun gehabt hatte. Warum hatte man die Wachen am Aufzug getötet?
Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Sie waren getötet worden, damit jemand entweder ins Lager hinein- oder aus dem Lager hinauskommen konnte, ohne entdeckt zu werden. Das ergab einen Sinn. Aber die Aufzüge waren oben. Sie mußten getötet worden sein, nachdem jemand ins Lager geschmuggelt worden war – getötet, um die Identität dieses Jemands geheimzuhalten.
Er erwog jede einzelne Möglichkeit. Alles deutete auf Hirehone hin. Hirehone war der Schlüssel. Was war, wenn es Hirehone war, den er in Tyrsis gesehen hatte? Was war, wenn Hirehone sie tatsächlich an die Föderation verraten hatte? Aber Hirehone war danach nicht mehr zum Zeigefinger zurückgekehrt. Wie hätte er demnach die Wachen töten können? Und warum hätte man ihn, wenn er es doch getan hatte, töten sollen? Und wer sollte es getan haben? War es möglich, daß es mehr als einen Verräter gab – Hirehone und noch jemand?
Plötzlich begriff er.
Die plötzliche Erkenntnis ließ ihn zusammenfahren. Wer war denn hier der echte Feind? Nicht die Föderation. Der echte Feind waren die Schattenwesen. Hatte nicht Allanons Schatten davon gesprochen? Waren es nicht die Schattenwesen, vor denen sie gewarnt worden waren? Und die Schattenwesen konnten jede Gestalt und jede Stimme annehmen. Einige zumindest konnten es – die gefährlichsten. Das hatte Cogline gesagt.
Morgan spürte, wie sein Puls zu rasen und sein Gesicht vor Aufregung zu glühen begann. Sie hatten es hier nicht mit einem menschlichen Wesen zu tun. Sie hatten es mit einem Schattenwesen zu tun! Die Teile des Verwirrspiels fingen plötzlich an, sich zusammenzufügen. Ein Schattenwesen konnte in ihrer Mitte weilen, ohne daß sie es erkannten. Ein Schattenwesen wäre in der Lage gewesen, den Nager herbeizurufen, sich mit einem anderen Schattenwesen am Tofferkamm in Verbindung zu setzen, noch vor Padishar Creel und seinen Gefährten nach Tyrsis zu gelangen, ihre Pläne auszuspionieren und noch vor ihrer Rückkehr zurückzukehren. Ein Schattenwesen konnte auch ohne Schwierigkeiten in ihrer Nähe verweilen. Und es hätte in Gestalt von Hirehone auftreten können. Nein, nicht bloß in der Gestalt – es konnte Hirehone sein! Und es hätte ihn töten können, als er seine Schuldigkeit getan hatte. Es hatte der Föderationsarmee den Standort des Zeigefingers preisgegeben – hatte sie sogar mit einer Karte versorgt, anhand derer sie den Weg fand!