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Florenz, Anno Domini 1533

Nicht nur Michelangelo verstand die tiefere Botschaft seines Freskos – die beunruhigende Vision einer verzweifelten Kirche, die sich neu finden musste. Verwerfen und beginnen, darin lag der Schlüssel. Auch ein hagerer, fast glatzköpfiger Kleriker mit fanatischen Augen sah diesen Zusammenhang. Sein Gesicht wirkte durch den nach unten spitz zulaufenden Vollbart noch länger, als es ohnehin schon war. Die Lippen fest aufeinandergepresst, eilte er in großen Schritten die Treppe im vatikanischen Palast hinauf, um ins Studierzimmer des Papstes zu gelangen. Er wurde gleich vorgelassen. Da sie allein waren, verzichtete Papst Paul III. auf die üblichen Devotionsgesten.

»Nimm Platz, Gian Pietro.« Er wies ihm einen Platz auf dem geschwungenen Sofa zu und setzte sich neben ihn, den Oberkörper in die Ecke gelehnt und ihm zugewandt. »Was hat dich nur so aufgebracht, mein alter Freund?«

»Heiliger Vater, es ist Häresie!«

»Wovon sprichst du?«

»Das Fresko, das dieser Michelangelo an die Altarwand der Sixtinischen Kapelle gepinselt hat.«

»Wie kommst du darauf, dass das Ketzerei ist?«, fragte der Papst entrüstet.

»Die Heiligen und Märtyrer sind dargestellt als eine Bande von finsteren und kleinlichen Rechthabern. Und noch dazu sind sie alle nackt!« Das Entsetzen stand dem Kardinal ins Gesicht geschrieben.

Paul III. lächelte dünn. Seine Hakennase stach spitzer denn je aus seinem Gesicht. »Wir haben das Fresko gesehen, und Wir können keine Häresie darin entdecken. Die Nacktheit symbolisiert die Ewigkeit. Und die Heiligen haben doch ein ewiges Leben, Gian Pietro. Oder?«

Carafa spürte, dass er so nicht weiterkam. Er kannte Alessandro Farnese seit dem Tag, als ihn Giacomo Catalano, der später in der Peterskirche den Märtyrertod gestorben war, in die Erzbruderschaft aufgenommen hatte. Er wusste nur zu gut, dass sich in dem römischen Adligen Kunstsinn und Rechtgläubigkeit die Waage hielten. Bei aller Glaubensstrenge fehlte dem Römer doch die wahre Glaubenstiefe des Süditalieners, eines Neapolitaners wie ihm.

»Überall regt sich das Gezücht der Häresie. In ganz Italien! Sogar in Neapel!«, rief der Kardinal leidenschaftlich. »Ketzer wie Vermigli und Orchino durchstreifen unsere Länder wie Wölfe und reißen unsere Lämmer.«

»Dann tu etwas dagegen!«

»Aber was, Heiliger Vater? Bischöfe wie Morone lassen sie in ihren Diözesen gewähren. Und die Inquisition untersteht den Ortsbischöfen.«

»Und die Erzbruderschaft?«

»Ach, die Erzbruderschaft ist eine Vereinigung von gestern. Wir sind alle inzwischen Kardinäle. Warum sollten wir uns wie früher heimlich in den Katakomben treffen, wenn einer der Unseren sogar Papst ist. Das wäre doch mehr als albern!«

An dem listigen Lächeln in den Augen des Papstes erkannte Carafa, dass dieser ihn durchschaute.

»Nur zu!«, sagte Paul III. wohlwollend.

»Wir sollten aus der geheimen Erzbruderschaft eine öffentliche Einrichtung schaffen, ein scharfes Schwert für den Glaubenskampf!«

»Was schwebt dir vor?« Die Frage war rhetorisch, denn der Vorschlag sollte vom Kardinal kommen, damit der Stellvertreter Christi die Sache wohlwollend bedenken konnte.

»Eine universelle und allgemeine Inquisition als Zentralbehörde in Rom, die für alle Diözesen zuständig ist und über den Bischöfen steht, die bedingungslos die Lehrautorität des Heiligen Vaters gegen die vielen Ketzer in unserer Kirche durchsetzt.«

»Eine Kardinalskongregation?«

Carafas ganzes süditalienisches Temperament schoss aus seinen Augen. »Und die verlässlichen Mitglieder des heiligen Kollegiums kennt Ihr, Euer Heiligkeit, es sind die Brüder der Archiconfraternita de Perfecti in Segreto

Paul III. legte nachdenklich die Hand an die Wange. »Ich will es mir durch den Kopf gehen lassen, Gian Pietro. Aber Michelangelos Fresko ist über jeden Zweifel erhaben! Er war, ist und wird immer ein guter katholischer Künstler sein. Denk darüber nach, was es für ein furchtbarer Fehler wäre, den größten Künstler unserer Zeit in die Arme der Ketzer zu treiben oder ihn zu einem Märtyrer der Protestanten zu machen! Gott möge uns davor bewahren.«

Im Grunde hatte Gian Pietro Carafa erreicht, was er wollte. Der Papst hatte ihn beauftragt, über die Befugnisse und die Struktur der Inquisition nachzudenken und ihm einen Vorschlag zu unterbreiten. Und was Michelangelo betraf, so hielt er ihn weiterhin für einen verkappten Ketzer. Doch Alessandro Farneses Ansichten hatte er nicht verändern können, und es wäre unklug gewesen, es sich wegen eines Künstlers mit dem Papst zu verscherzen.

Arnoldo di Maffeo und die anderen Bauleute, die Maurer, Steinmetzen und Meister, hielten in ihrer Arbeit inne und staunten. Im fertiggestellten Westchor hielten die Tischler Einzug. Sie stellten einen riesigen Arbeitstisch für Antonio da Sangallo auf, an dem er seine Entwürfe zeichnen und zugleich die Meister der Maurer, Steinmetzen, Tischler und Maler anweisen wollte, wie seine Pläne sowohl im Modell als auch auf der Baustelle umzusetzen seien. Natürlich ging die Arbeit am Modell rascher voran, obwohl es riesige Ausmaße annahm, vierzehn Ellen lang und begehbar war, sodass man eine sinnliche Vorstellung von dem Projekt bekam, das hier verwirklicht wurde. All die Verzweiflung, die Antonio befallen hatte, war wie weggeblasen.

Es hatte nur einer Audienz beim Papst bedurft, und der Druck, der auf ihm gelastet hatte, war wie ein schlechter Traum verflogen. Paul III. hatte ihn gerügt, weil er nicht vorankam. Die Baustelle der wichtigsten Kirche der rechtgläubigen Christenheit geriete zum Skandal und böte den Lutheranern die Möglichkeit zu wohlfeilem Spott. Dem müsse endlich Einhalt geboten werden. Der Pontifex hatte dem Baumeister zugesagt, ihm die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen. Im Gegenzug müsse er mit den Bauarbeiten zügig vorankommen.

»Heiliger Vater«, hatte Antonio demütig vorgebracht, »die beste und schnellste Möglichkeit wäre, einen Zentralbau zu errichten!«

»Dann errichte ihn, mein Sohn«, hatte der Papst erwidert.

Damit war auch der letzte Schatten des Giacomo Catalano getilgt, der noch auf Antonio gelastet hatte. In seinem Kopf mischten sich Bramantes Ideen mit denen Raffaels und seinen eigenen. Heraus kam eine riesige Kirche als Zentralbau, deren Herz die Vierung mit der Kuppel darstellte. Dazu hatte er einen Vorbau entworfen, der von zwei gotischen Kirchtürmen flankiert wurde, die wie Wächter der Kuppel wirkten.

Vor der Errichtung von Bramantes Kuppel scheute er noch immer zurück. Schließlich kam er auf den rettenden Einfalclass="underline" Er würde die eigentliche Kuppel verkleinern. Auf die Vierung wollte er einen Umgang mit Säulenreihen setzen und auf diesen einen kleineren Umgang. Dank des doppelgeschossigen Tambours, der sich nach oben verjüngte, gelang es ihm, den Durchmesser der eigentlichen Kuppel merklich zu vermindern. Die große Laterne, die er auf die Kuppel setzen wollte, befreite ihn von der Notwendigkeit, diese ganz zu wölben. Auf diese Weise verringerte er die Fläche der Wölbungen und minderte die Spannung und das Gewicht, eben das, wovor er sich zu Recht fürchtete.

Antonio spürte, wie ihm neue Kräfte wuchsen. Auch Lucrezia und die Kinder, jeder auf der Baustelle beobachtete voller Freude, wie der Gram der letzten Jahre von ihm abfiel und er wieder zu dem fröhlichen, lebenslustigen Burschen wurde, der er früher gewesen war. Arnoldo fragte den Architekten, weshalb die Zeichnungen nicht genügten und was den kleinen Parallelbau nötig mache. Dabei untertrieb Arnoldo mit dem Wörtchen klein, denn von dem Geld, dass das Modell inzwischen kostete, hätte sich bereits eine kleine Kirche bauen lassen können. Freundlich legte Antonio seinen Arm um Arnoldos Schulter. Dabei achtete er darauf, dass auch seine beiden Söhne, Giuliano und Bartolomeo, jedes Wort seiner Antwort verstanden.