Der Wall ist ein vollautomatischer Brutkasten. Die durch die chemischen Reaktionen im verrottenden Laub entstehende Hitze hält die tief im Inneren des Walls verbuddelten Eier warm – und nicht bloß einfach warm. Indem der Taubenwallnister das Material wohlüberlegt aufstockt oder reduziert, kann er genau die Temperatur einstellen, die die Eier benötigen, um angemessen vor sich hin zu brüten.
Der Taubenwallnister muß also zum Ausbrüten seiner Eier nicht mehr tun, als zweieinhalb Kubikmeter Erde auszuheben, das entstandene Loch mit zweieinhalb Kubikmetern verrottendem Laub zu füllen, weitere viereinhalb Kubikmeter Laub zu sammeln, daraus einen Wall zu bauen und die darin entstehende Hitze anschließend ständig im Auge zu behalten und herumzurennen, um hier ein bißchen was draufzulegen und dort ein bißchen was wegzunehmen.
Womit er sich die ganze Mühe erspart, ab und zu auf seinen Eiern zu hocken.
Das heiterte mich unheimlich auf und versetzte mich in eine ausgelassene Stimmung, die während des ganzen Rückwegs zum Besucherdorf anhielt, bis zu genau dem Augenblick, in dem wir die Hütte betraten, die man uns als Schlafquartier zugewiesen hatte.
Sie war ziemlich groß und stand, wie ich schon sagte, auf Pfählen – aus naheliegenden Gründen. Nur war das Holz, das man zum Bau benutzt hatte, halb verfault, in den kleinen Schlafzimmern lagen feuchte, stinkende Matratzen, in allen Ecken hingen bedenklich große Spinnennetze, auf dem Boden lagen tote Ratten, und über allem schwebte der Gestank einer verstopften Toilette.
Wir versuchten spaßeshalber, dort zu schlafen, wurden aber letztlich von den Geräuschen der Ratten vertrieben, die über uns, in den Hohlräumen des Daches, mit irgendwelchen Schlangen kämpften, brachten unsere Schlafsäcke schließlich hinunter zum Boot und schliefen an Deck.
Wir erwachten früh am nächsten Morgen, ausgekühlt und feucht vom Tau, aber in dem guten Gefühl, in Sicherheit zu sein. Wir rollten unsere Schlafsäcke zusammen und machten uns auf den Rückweg über den wackligen Steg und durch den Torbogen.
Wieder fiel uns der Geruch der Insel an, kaum daß wir den Torbogen hinter uns gelassen hatten, und empfing uns in der heimtückischen anderen Welt, auf Komodo.
Man hatte uns angekündigt, daß wir die Drachen an diesem Morgen definitiv zu sehen bekämen. Große Drachen. Wir wußten nicht genau, was uns erwartete, aber es war nicht das, womit wir ursprünglich gerechnet hatten. Es hatte nicht den Anschein, als müßten wir eine tote Ziege am Boden festpflocken und uns dann den ganzen Tag über auf einem Baum versteckt halten.
An diesem Tag sollten sich fast ausschließlich Dinge ereignen, mit denen wir nicht gerechnet hatten, was schon mit der Ankunft von ungefähr zwei Dutzend amerikanischen Touristen auf einem extra gecharterten Boot begann. Die meisten waren im Frührentner-Alter, ausgerüstet mit Kameras, Freizeitanzügen aus Polyamid, goldgeränderten Brillen, kamen, ihrem Akzent nach zu urteilen, aus dem mittleren Westen und sahen in meinen Augen auch nicht unbedingt aus, als wollten sie den ganzen Tag auf einem Baum hocken.
Durch ihre Ankunft gingen wir schwer angeschlagen in die Knie und spürten, daß sich in diesem Moment auch der letzte Hauch von Unerschrockenheit verabschiedete, an den wir uns noch geklammert hatten.
Wir fanden einen Wächter und fragten ihn, was eigentlich los sei. Er sagte, wir könnten vorausgehen, falls wir der großen Gruppe aus dem Weg gehen wollten, also brachen wir unverzüglich auf. Wir wanderten über einen drei oder vier Meilen langen Waldweg, der offenbar sorgfältig angelegt und ebenso sorgfältig ausgetreten war. Die Luft war heiß und stickig, und wir hatten wegen der uns bevorstehenden Ereignisse ein flaues, unsicheres Gefühl in der Magengegend. Nach einiger Zeit hörten wir irgendwo vor uns das leise Läuten einer Glocke und beschleunigten unsere Schritte, um die Ursache herauszufinden. Wir bogen um eine Ecke und sahen uns mit einer Realität konfrontiert, die einem wirklich den Magen umdrehte.
Bis zu diesem Augenblick hatte dem ganzen Erlebnis etwas Traumartiges angehaftet. Es war, als versetzten einen das Durchqueren des Torbogens und das Einatmen des abgestandenen Geruchs dieser Insel in eine Traumwelt, in der Begriffe wie »Drachen«, »Schlange« und »Ziege« fantastische Bedeutungen erlangten, die in der wirklichen Welt weder Entsprechungen noch Konsequenzen hatten. Jetzt aber beschlich mich das Gefühl, der Traum gehe den Bach runter und verwandle sich in genau die Art Alptraum, aus dem man erwacht und feststellen muß, daß man tatsächlich ins Bett gemacht hat, daß einen tatsächlich jemand schüttelt und anschreit und daß der beißende Rauchgeruch tatsächlich daher rührt, daß einem gerade das Dach über dem Kopf abbrennt.
Vor uns stand eine junge Ziege. Sie trug ein Halsband mit Glocke und ließ sich widerwillig von einem Wächter über den Weg führen. Betäubt schlichen wir ihr nach. Gelegentlich trottete sie unschlüssig einige Schritte hinter dem Wächter her, schien dann jedoch plötzlich von einer grauenhaften Vorahnung gepackt zu werden, stemmte die Vorderbeine in den Boden, senkte den Kopf und wehrte sich, verzweifelt meckernd und blökend, gegen das Zerren des Mannes. Der Wächter riß energisch am Seil und schlug der Ziege mit einem Büschel belaubter Zweige, das er in der anderen Hand hielt, gegen die Hinterbeine, bis sie schließlich, weggetreten vor Angst, ein paar Schritte weitertaumelte und -trottete. Für die Ziege bestand kein sichtbarer Anlaß, sich derartig zu fürchten, und, soweit wir das beurteilen konnten, auch kein hörbarer; aber wer weiß schon, was die Ziege von jenem Ort her, auf den wir zusteuerten, riechen konnte.
Unsere ohnehin schon schwer gedrückte Stimmung erhielt die nächste Abreibung von der Seite, aus einer vollkommen unerwarteten Richtung. Wir stießen auf eine runde Betonfläche, die sich mitten auf einer Lichtung befand. Der Kreis hatte einen Durchmesser von zirka sechs Metern und war mit zwei parallel verlaufenden Streifen bemalt, die in der Mitte durch einen geraden schwarzen Strich verbunden waren. Es dauerte eine Weile, bis wir das Symbol erkannten. Dann begriffen wir. Es war ein »H«, nichts weiter. Der Kreis war ein Hubschrauberlandeplatz. Um sich anzusehen, was dieser Ziege bevorstand, reisten also Leute mit dem Hubschrauber an.
Betäubt und benebelt trotteten wir weiter und fanden vollkommen bedeutungslose Dinge urplötzlich zum Brüllen komisch, als marschierten wir vorsätzlich auf etwas zu, das auch uns vernichten sollte.
Der Weg, der vom Hubschrauberlandeplatz wegführte, war noch ordentlicher als der, der hinter uns lag. Er war mehrere Meter breit und zu beiden Seiten von einem stabilen, ungefähr einen halben Meter hohen Holzzaun begrenzt. Wir folgten ihm ein paar hundert Meter weit, bis wir schließlich eine breite, drei Meter tiefe Grube erreichten, in deren Nähe es einiges zu sehen gab.
Links von uns war eine Art Tribüne.
Mehrere Sitzbänke waren, von einem schrägen Dach gegen die Sonne oder andere Witterungseinflüsse geschützt, hintereinander aufgereiht. Am vorderen Geländer der Tribüne waren die beiden Enden eines langen blauen Nylonseils befestigt, das hinunter in die Grube führte und über eine Flaschenzugrolle lief, die ihrerseits an den Ästen eines kleinen, krummen Baumes befestigt war. Am Seil hing ein kleiner Eisenhaken.
Um den Baum herumgruppiert aalten sich sechs große, matschiggraue Drachenechsen im trüben Licht dieses heißen, aber bedeckten Tages und im Verwesungsgestank des Todes. Die größte von ihnen war ungefähr drei Meter lang.