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Es war schon erstaunlich, wie schnell der Senat zur Tagesordnung überging, jetzt, wo Gaius Marius wieder im Amtsstuhl saß. Das ganze Haus war von einem wohligen Gefühl durchdrungen, als ob die Menschenmenge vor der Tür seit Gaius Marius’ Rückkehr keine Bedrohung mehr darstellte.

Marius nickte nur zustimmend, als man ihn davon unterrichtete, daß die Kandidatenvorstellung ausnahmsweise auf dem Marsfeld stattfinden sollte. Dann befahl er Saturninus kurzerhand, die Versammlung der Plebs einzuberufen und die Tribunen wählen zu lassen, denn solange das nicht geschehen war, konnten die übrigen Amtsträger nicht gewählt werden.

Danach faßte Marius Gaius Servilius Glaucia scharf ins Auge, der auf dem Amtsstuhl des Stadtprätors schräg hinter Marius saß. »Ich habe ein Gerücht gehört, Gaius Servilius«, sagte Marius zu Glaucia, »daß du aufgrund von Unstimmigkeiten, die du angeblich in der lex Villia gefunden hast, für das Amt des Konsuls kandidieren willst. Tu das bitte nicht. Die lex Villia annalis legt eindeutig fest, daß zwischen dem Ende der Amtszeit als Stadtprätor und dem Beginn der Amtszeit als Konsul zwei Jahre liegen müssen.«

»Sieh mal einer an, wer da den Mund aufmacht!« Glaucia schnappte nach Luft. Nicht im Traum hätte er daran gedacht, daß aus dieser Ecke, aus der er Unterstützung erwartet hatte, Widerstand kommen wurde. »Wie kannst du so - dreist sein, Gaius Marius, und mir vorwerfen, ich wollte die lex Villia brechen? Du hast dieses Gesetz fünf Jahre hintereinander gebrochen! In der lex VilIia heißt es doch wohl unmißverständlich, daß zwischen dem Ende der Amtszeit des Konsuls und einer erneuten Kandidatur als Konsul zehn Jahre vergehen müssen.«

»Ich habe nur ein einziges Mal kandidiert, Gaius Servilius«, sagte Marius ruhig. »Man hat mir das Amt wegen der Germanen übertragen, und das dreimal in absentia! In einer Notlage brechen alle Traditionen und selbst die Gesetze zusammen. Aber wenn die Gefahr vorüber ist, müssen alle Ausnahmeregelungen wieder aufgehoben werden.«

»Ha-ha-ha!« lachte der junge Metellus von der letzten Bank. Diesmal harmonierte der Einwurf bestens mit seinem Sprachfehler.

»Es herrscht Frieden, eingeschriebene Väter«, fuhr Marius fort, ohne den Einwurf zu beachten, »deshalb kehren wir zur üblichen Arbeit und zur üblichen Art des Regierens zurück. Gaius Servilius, das Gesetz verbietet dir die Kandidatur für das Amt des Konsuls. Als Wahlleiter werde ich deine Kandidatur nicht zulassen. Bitte verstehe dies als gutgemeinte Warnung. Gib deinen Plan mit Anstand auf, das stünde dir gut zu Gesicht. Rom braucht Männer, die so gute Gesetze entwerfen, wie du das zweifelsohne kannst. Aber du kannst natürlich keine Gesetze mehr machen, wenn du das Gesetz brichst.«

»Ich hab’ es dir gesagt!« ließ sich Saturninus vernehmen.

»Er wird mich nicht hindern, niemand wird mich hindern«, sagte Glaucia so laut, daß der ganze Senat es hören konnte.

»Was dich betrifft, Lucius Appuleius«, wandte sich Marius jetzt zu der Bank der Volkstribunen, »so geht ein Gerücht um, daß du ein drittes Mal Volkstribun werden willst. Nun, das ist nicht verboten. Deshalb kann ich dich nicht daran hindern. Aber ich kann dich bitten, den Plan aufzugeben. Du solltest dem Wort ›Demagoge‹ keine neue Bedeutung verleihen. Was du in den letzten Monaten getan hast, entspricht nicht dem üblichen Verhalten eines Mitglieds des Senats von Rom. Wir haben ein umfangreiches Gesetzeswerk, und wir haben die großartige Gabe, die Regierungsarbeit im wohlverstandenen Interesse Roms zu leisten. Es gibt keine Veranlassung, die Leichtgläubigkeit der unteren Klassen in politischen Fragen auszunützen. Sie sind unschuldig und dürfen nicht verführt werden. Wir haben die Aufgabe, uns um die unteren Klassen zu kümmern, nicht, sie für unsere eigenen politischen Ziele einzuspannen.«

»Bist du fertig?« fragte Saturninus.

»Ich bin am Ende, Lucius Appuleius.« Die Art, wie Marius das sagte, ließ vielerlei Deutungen zu.

So, das war überstanden, dachte Marius beim Hinausgehen. Er hatte sich eine kraftvolle neue Gangart angewöhnt, die verbergen sollte, daß er den linken Fuß leicht nachzog. Wie eigenartig, wie gräßlich die Monate in Cumae gewesen waren! Er hatte sich versteckt, so wenig Besucher wie möglich empfangen, weil er das Erschrecken, das Mitleid und die Schadenfreude nicht ertragen konnte. Am schlimmsten waren die Menschen, die ihn so liebten, daß sie ihn bedauerten, wie Publius Rutilius. Die liebe, sanfte Julia hatte sich in einen wahren Drachen verwandelt. Sie hatte allen Besuchern verboten, selbst Publius Rutilius, auch nur ein Wort über Politik oder sonstige öffentliche Angelegenheiten zu sagen. Weder von der Getreidekrise noch von Saturninus’ Werbung bei den Armen und Besitzlosen hatte er etwas erfahren, sein Leben war eine strenge Kur aus Diät, maßvoller Bewegung und klassischer Lektüre gewesen. Statt leckerer Speckstücke mit geröstetem Brot hatte es gebackene Wassermelonen gegeben, weil Julia gehört hatte, daß solche Kost Nieren, Blase und Blut von Steinen reinige, statt in die curia hostilia zu gehen, war er nach Baiae und Misenum gewandert, statt Senatsprotokolle und Berichte aus den Provinzen zu lesen, hatte er sich mit Isokrates, Herodot und Thukydides geplagt - und war zu dem Schluß gelangt, daß er keinem der drei trauen durfte, denn da sprachen Männer des Worts und nicht Männer der Tat.

Aber die Kur tat ihre Wirkung. Ganz allmählich ging es ihm besser. Doch er würde nie mehr ganz der alte sein, der linke Mundwinkel wurde sich nie mehr straffen, nie mehr wurde er die Tatsache verbergen können, daß er müde war. Seine innere Stimme sprach gegen ihn, und alle Welt konnte das sehen. Als ihm das klar wurde, begehrte er auf. Julia, die sich ohnehin gewundert hatte, wie lange er brav und gehorsam geblieben war, gab sofort nach. Er ließ Publius Rutilius kommen und kehrte nach Rom zurück, um die Scherben zusammenzukehren, soweit das möglich war.

Marius wußte natürlich, daß Saturninus seine Pläne nicht aufgeben wurde. Aber wenigstens hatte er ihn gewarnt. Wegen Glaucia machte er sich keine Sorgen, niemals würde man Glaucias Wahl zulassen. Zumindest konnte jetzt gewählt werden. Die Wahl der Volkstribunen war für den Tag vor den Nonen angesetzt, die der Quästoren für die Nonen, den Tag, an dem sie eigentlich ihr Amt aufnehmen sollten. Es wurden turbulente Wahlen werden, denn sie mußten auf dem Versammlungsplatz auf dem Forum Romanum stattfinden, und noch immer drängten sich dort die Menschenmassen. Sie brüllten wüste Beschimpfungen, bewarfen die Togaträger mit Dreck, drohten ihnen mit den Fäusten und lauschten in blinder Andacht Saturninus’ Reden.

Gaius Marius beschimpften und bewarfen sie nicht. Auf dem Heimweg nach jener denkwürdigen Versammlung spürte er nur Wärme und Liebe und Bewunderung. Niemand, der aus einer Klasse unterhalb der Zweiten Vermögensklasse kam, wurde Gaius Marius je unfreundlich behandeln. Wie die Gracchen, war er ihr Held. Manche sahen ihm ins Gesicht und weinten über die Verwüstung, manche hatten ihn nie zuvor leibhaftig gesehen und hielten sein Gesicht für normal, wie es war, und bewunderten ihn nur um so mehr. Niemand versuchte, ihn anzufassen, alle traten zurück, um ihm eine Gasse freizugeben. Stolz und doch ehrerbietig schritt er durch die Reihen, sein Herz und sein Geist reckten sich den Menschen entgegen. Eine wortlose Vereinigung. Saturninus, der alles von der Rednerbühne aus beobachtete, staunte.

»Ist die Masse nicht ein eindrucksvolles Phänomen?« fragte Sulla später beim Abendessen. Auch Publius Rutilius Rufus und Julia waren dabei.

»Ein Zeichen der Zeit, in der wir leben«, sagte Rutilius.

»Ein Zeichen dafür, daß wir sie betrogen haben.« Marius runzelte die Stirn. »Rom braucht eine Ruhepause. Seit Gaius Gracchus waren wir dauernd in ernsten Schwierigkeiten - Jugurtha, die Germanen, die Skordisker, die Unzufriedenheit der Bundesgenossen, Sklavenaufstände, Piraten, Getreideknappheit, die Liste nimmt kein Ende. Wir brauchen eine Ruhepause, ein bißchen Zeit, uns um Rom zu kümmern und nicht nur um uns selber. Hoffentlich bekommen wir jetzt diese Ruhepause. Wenn die Getreideversorgung besser wird, dann auf jeden Fall.«