»Gaius Marius«, sagte Glaucia.
»Nein, nicht einmal Gaius Marius! Und außerdem, der ist sowieso auf unserer Seite!«
»Das ist er nicht«, sagte Glaucia.
»Er glaubt das wahrscheinlich selber auch nicht, Gaius Servilius. Aber die Menge jubelt ihm genauso zu wie Lucius Equitius und mir. Für die konservative Clique und die anderen Leute vom Senat muß es so aussehen, als wurden wir an einem Strang ziehen. Ich habe nichts dagegen, die Macht mit Gaius Marius zu teilen - eine Zeitlang. Er wird alt, er hatte einen Schlaganfall. Wäre es nicht natürlich, daß er an einem zweiten Schlaganfall stirbt?« fragte Saturninus begierig.
Glaucia fühlte sich langsam besser. Er setzte sich in seinem Stuhl auf und betrachtete Saturninus mit gemischten Gefühlen. »Kann es klappen, Lucius Appuleius? Glaubst du wirklich, daß es klappen kann?«
Saturninus reckte die Arme zur Decke, berstend vor Selbstvertrauen. Ein wildes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Es wird gutgehen, Gaius Servilius. Überlaß das nur mir.«
Von Gaius Claudius’ Haus aus ging Lucius Appuleius Saturninus direkt zur Rednerbühne auf dem Forum Romanum, begleitet von Labienus, Saufeius, Lucius Equitius und zehn oder zwölf engen Freunden. Er nahm den Weg quer über die Arx, weil er das Gefühl hatte, er müsse seine Arena von oben betreten, wie ein Halbgott, der aus den höheren Gefilden der Tempel und Gottheiten herabsteigt. Von der obersten Stufe der Gemonius-Treppe warf er einen ersten Blick auf das Forum, und gleich wollte er sie wie ein König hinab schreiten. Da blieb er vor Schreck stehen. Die Menge! Wo war die Menge? Nach der Wahl der Quästoren am Vortag war sie nach Hause gegangen, das war die Antwort. Da kein weiteres Spektakel zu erwarten war, blieb das Forum am folgenden Tag leer. Auch kein einziger Senator war da, denn die wichtigen Ereignisse des Tages fanden auf dem grünen Feld der Saepta statt.
Das Forum war dennoch nicht ganz leer, zweitausend bis dreitausend Männer von Saturninus’ Gefolgschaft aus dem verrufensten Pöbel marschierten auf und ab. Sie brüllten, drohten mit den Fäusten, und forderten lautstark kostenloses Getreide, auch ohne Zuhörer. Die Enttäuschung trieb Saturninus beinahe die Tränen in die Augen. Dann blickte er entschlossen auf die abgebrühten Burschen, die sich am unteren Ende des Forums herumtrieben, und fällte eine Entscheidung. Diese Männer wurden ausreichen. Sie mußten ausreichen. Er würde sie als Speerspitze benützen, mit ihrer Hilfe wurde er die große Masse wieder auf das Forum holen. Sie kamen ja aus der großen Masse, er nicht.
Saturninus wünschte sehnlichst, er hätte Herolde, die seine Ankunft mit ihren Trompeten ankündigten. Er stieg die Gemonius-Treppe hinab und ging zur Rednerbühne. Die kleine Gruppe von Anhängern, die ihn begleitete, brüllte zu dem Pöbel hinüber, sie sollten sich um die Rednerbühne versammeln und Lucius Appuleius zuhören.
»Quirites!« rief er ihnen unter grölendem Jubelgeschrei zu, und mit ausgestreckten Armen gebot er Ruhe. »Quirites, der Senat von Rom unterschreibt gerade unsere Todesurteile! Ich, Lucius Appuleius Saturninus, sowie Lucius Equitius und Gaius Servilius Glaucia sollen des Mordes an einer Marionette der Aristokraten angeklagt werden, einer weibischen Puppe, die nur aus einem einzigen Grund für das Amt des Konsuls kandidierte: um dafür zu sorgen, daß ihr, das Volk von Rom, weiterhin hungern müßt!«
Die Männer, die sich dicht um die Rednerbühne drängten, verhielten sich ruhig und lauschten geduldig. Saturninus’ Selbstvertrauen und Kraft wuchs beim Anblick dieser konzentrierten Zuhörerschaft, er sprach lauter und eindringlicher. »Warum, was glaubt ihr, habt ihr immer noch kein Korn, obwohl ich mein Gesetz durchgebracht habe, daß ihr Korn zu einem Spottpreis bekommen sollt? Weil die Erste und die Zweite Vermögensklasse in unserer großen Stadt lieber weniger Getreide kaufen wollen, damit sie es teurer verkaufen können! Weil die Erste und die Zweite Klasse in unserer Stadt mit euren hungrigen Mäulern nichts zu tun haben wollen! Sie halten euch für den Kuckuck in ihrem Nest, überflüssige Mitbewohner, die Rom nicht braucht! Ihr seid Proletarier und Bürger aus niederen Klassen - ihr zählt nicht mehr, jetzt, wo alle Kriege gewonnen sind und sie die Beute sicher im Schatzamt untergebracht haben! Warum die Beute dafür verschwenden, eure wertlosen Wänste zu mästen? fragt der Senat von Rom und weigert sich, mir die Gelder zur Verfügung zu stellen, die ich brauche, um eure nutzlosen Bäuche zu füllen! Dem Senat von Rom und der Ersten und Zweiten Klasse würde es nämlich gut in den Kram passen, wenn ein paar Hunderttausend von Roms angeblich nutzlosen Bäuchen so lange zusammenschrumpften, bis ihre Besitzer verhungert wären. Stellt euch das einmal vor. Mit dem ganzen Geld in den Truhen und ohne die stinkenden, übervölkerten Mietshäuser - was wäre Rom für ein grüner, weitläufiger Park! Wo ihr jetzt zusammengepfercht leben müßt, könnten sie durch Lustgärten wandeln, die Taschen voll Gold, die Bäuche gut gefüllt! Ihr seid ihnen völlig egal! Ihr seid ihnen nur lästig, sie wären froh, euch los zu sein, und wie könnten sie euch besser loswerden als mit einer künstlich erzeugten Hungersnot?«
Er hatte sie, kein Zweifel. Wie wutende Hunde knurrten sie aus tiefster Kehle, ein Geräusch, das die Luft mit Bösartigkeit und Saturninus’ Herz mit Triumph erfüllte.
»Und ich, Lucius Appuleius Saturninus, habe so lange und so heftig für euer Getreide gekämpft, daß sie jetzt mich loswerden wollen. Und zwar mit einem Mord, den ich nicht begangen habe!« Das war ein guter Schachzug. Er hatte wirklich keinen Mord begangen, das war die Wahrheit, jedes seiner Worte war durchdrungen von Wahrhaftigkeit. »Mit mir werden alle meine Freunde untergehen, die ja auch eure Freunde sind. Lucius Equitius hier, Erbe des Namens und der Ziele von Tiberius Gracchus! Und Gaius Servilius Glaucia, der so großartige Gesetze für mich entwirft, daß nicht einmal die Adligen, die den Senat beherrschen, etwas dagegen unternehmen können!« Er unterbrach sich, seufzte, streckte ihnen hilflos die Arme entgegen. »Und wenn wir tot sind, quirites, wer bleibt dann übrig, der sich um euch kümmern könnte? Wer wird den Kampf weiterführen? Wer wird sich mit den Bessergestellten anlegen, um eure Bäuche zu füllen? Niemand!«
Aus dem Knurren war ein lautes Kläffen geworden, Fäuste wurden geballt. Er hatte sie, jetzt konnte er mit ihnen machen, was er wollte. »Volk von Rom, es liegt an euch! Wollt ihr dabeistehen und zusehen, wie die, die ihr liebt und verehrt, getötet werden, lauter unschuldige Männer? Oder wollt ihr nach Hause gehen, euch bewaffnen, in jedes Haus in eurer Nachbarschaft gehen und Massen von Menschen herbringen?«
Die Leute wollten sich auf den Weg machen, aber Saturninus hielt sie mit überschlagender Stimme noch einmal zurück. »Kommt zu Tausenden und Abertausenden wieder. Kommt zu mir, vertraut mir. Vor der Abenddämmerung wird Rom euch gehören, weil es dann mir gehört. Dann werden wir schon sehen, wessen Bäuche voll werden! Dann brechen wir die Truhen auf und kaufen Getreide. Nun geht, bringt mir die ganze Stadt hierher, hierher ins Herz von Rom! Zeigt dem Senat und der Ersten und Zweiten Klasse, wer wirklich unsere Stadt und unseren Staat regiert!«
Die Menge stob unter unverständlichem Gebrüll in alle Richtungen davon - als ob ein einziger Hammerschlag Tausende kleiner Bälle getroffen hätte. Saturninus sackte zusammen und wandte sich auf der Rednerbühne zu seinen Anhängern um.