»Was für eine Nachricht?«
»Verna, die derzeit bei den d’Haranischen Truppen weilt, hat uns davon unterrichtet, dass sich unter unseren Soldaten allmählich eine gewisse Mutlosigkeit breit macht, weil du noch nicht zu ihnen gestoßen bist. Sie fürchtet, wenn du nicht bei ihnen bist, um ihre Führung zu übernehmen, könnten sie beschließen, alles hinzuwerfen. Deshalb fragt sie in einer verzweifelten Anfrage nach, ob Ann dich inzwischen gefunden hat. Offenbar will sie in Erfahrung bringen, ob damit zu rechnen ist, dass du in der bevorstehenden Schlacht gegen die Imperiale Ordnung zu deinen Leuten stoßen wirst.«
Richard war wie vom Donner gerührt. »Ich habe ja durchaus Verständnis dafür, dass die drei besorgt sind, aber Euch zu bitten, mithilfe subtraktiver Magie ...«
»Ich weiß. Meiner Meinung nach ist es ein eher aus Verzweiflung denn aus klarer Überlegung geborener Entschluss. Viel schlimmer aber ist, ich fürchte, wenn sie dahinter kommen, dass ich gar nicht die Absicht habe, ihrer Bitte zu entsprechen, werden sie daraus schließen, dass sie sich diese Gelegenheit keinesfalls entgehen lassen dürfen, sodass ihre einzige Alternative sein wird, sich irgendwie ihrer Gabe zu bedienen, um dich mit ihren Mitteln zu heilen. Und die Folgen eines solch unbesonnenen Herumdokterns am Bewusstsein eines Menschen wären, vorsichtig ausgedrückt, unvorhersehbar. Ihre Verzweiflung rührt daher, dass sie befürchten, uns könnte die Zeit davonlaufen, ehe Jagang unsere Chance endgültig zunichte macht. Ihrer Meinung nach ist dies die einzige Lösung, mit Vernunft ist ihnen nicht mehr beizukommen. Du musst fort von hier, Richard. Ich habe ihrem Plan nur zugestimmt, um dich vorher noch warnen und dir Zeit zur Flucht geben zu können. Wenn du ihnen entwischen willst, musst du dich augenblicklich auf den Weg machen.«
Schon bei dem bloßen Gedanken, was sie mit ihm vorhatten, drehte sich Richard der Kopf. »Das ist mit einer gewissen Schwierigkeit verbunden, ich weiß nämlich nicht, wie ich meine Spuren ohne Magie verwischen soll, so wie Zedd dies kann. Wenn sie tatsächlich so wild entschlossen sind, wie Ihr behauptet, werden sie mich mit Sicherheit verfolgen. Und wenn sie das tun und mich dabei überraschend überwältigen, wie soll ich mich dann verhalten? Mich etwa gegen sie wehren?«
Verzweifelt hob sie ihre Arme. »Das kann ich dir nicht sagen, Richard, ich weiß nur, wie absolut entschlossen sie sind. Was immer du vorbringst, es wird sie nicht davon abbringen, denn sie denken, dass es dir in deinem Zustand gar nicht möglich ist, vernünftig zu handeln, weshalb sie glauben, die Dinge zu deinem Besten selbst in die Hand nehmen zu müssen. Mag sein, dass sie aus Liebe zu dir so handeln, trotzdem ist es falsch. Bei den Gütigen Seelen, Richard, ich glaube ja auch, dass du an irgendeiner Störung leidest, aber ich konnte doch nicht einfach zulassen, dass sie so etwas tun.«
Er drückte ihr die Schulter zum Zeichen seiner Dankbarkeit, dann wandte er sich ab, um das alles erst einmal gedanklich zu ordnen. Für ihn war es nahezu unvorstellbar, dass Zedd einem solchen Vorhaben zustimmte, es sah ihm einfach überhaupt nicht ähnlich.
Sah ihm nicht ähnlich.
Natürlich. Ebenso wenig sah es Ann ähnlich, mit dieser Hartnäckigkeit darauf zu beharren, er müsse notfalls gezwungen werden, an seiner in den Prophezeiungen vorgegebenen Rolle bis zum Ende festzuhalten. Seit Kahlans Verschwinden hatten sich alle verändert! Selbst Zedd, und das nicht unbedingt auf eine Weise, die in irgendeiner Hinsicht hilfreich war. Selbst Cara hatte sich verändert. Sie war zwar noch immer genauso beschützend, aber jetzt auf eine eher ... weibliche Art. Und auch Nicci hatte sich verändert, wenngleich er das Ergebnis in ihrem Fall als eher positiv empfand – jedenfalls von seinem Standpunkt aus betrachtet. Sie hatte alles vergessen, was irgendwie mit Kahlan zu tun hatte, und dies hatte dazu geführt, dass sie ihn, ihren eigenen Ansichten und Interessen zum Trotz, noch mehr in Schutz nahm als zuvor und ihre Bereitschaft, sich für ihn einzusetzen, noch gewachsen war. Ihre Verehrung für ihn hatte enorm zugenommen und mit ihr die Entschlossenheit, ihn gegen jede Gefahr abzuschirmen.
Zedds Veränderung dagegen bot Anlass zu größter Sorge, und auch Anns tyrannischer Zug hatte sich verstärkt, sodass sie eine deutlich gesteigerte Bereitschaft an den Tag legte, sich unmittelbar in Richards Entscheidungen einzumischen und ihm ihre Ansichten aufzunötigen, wie er sich ihrer Meinung nach zu verhalten habe ... Er wandte sich wieder herum zu Nicci.
»Das hätte kaum zu einem unpassenderen Zeitpunkt passieren können. Ich bin gerade dahinter gekommen: Bei der Viper mit den vier Köpfen kann es sich nur um die Schwestern der Finsternis handeln.«
»Die Schwestern, die Jagang gefangen hält?«
»Nein – meine ehemaligen Ausbilderinnen, die Schwestern Tovi, Cecilia, Arminia sowie ihre Anführerin, Schwester Ulicia. Schwester Ulicia war es auch, die damals alle meine Ausbilderinnen ernannt hat, Euch eingeschlossen.«
»Richard, das ist doch einfach verrückt. Ich weiß gar nicht...«
»Nein, das ist es keineswegs. An besagtem Morgen, als sich nicht das geringste Lüftchen regte, meinte ich, die Äste sich bewegen zu sehen, tatsächlich jedoch waren es gar nicht die Äste, sondern eben jene Schwestern, die bei nahezu völliger Dunkelheit durch das Lager schlichen.«
»Aber Jagang hat alle Schwestern der Finsternis in seiner Gewalt.«
»Nein, eben nicht.«
»Er ist ein Traumwandler, Richard. Die Schwestern des Lichts, die frei sind, stehen aufgrund der Bande zu dir nicht unter seinem Einfluss, aber diese Schwestern hat er gefangen genommen – ich war schließlich selbst dabei, als es Jagang gelang, uns in seine Gewalt zu bringen. Es sind Schwestern der Finsternis, und ohne die Bande sind sie dem Traumwandler hilflos ausgeliefert. In meinem Fall waren es meine ... Gefühle für dich, die mich mit dir verbanden und die es mir ermöglichten, mich seinem Einfluss zu entziehen. Aber genau das ist ihnen nicht möglich, sie sind dir nicht treu ergeben und könnten es auch gar nicht sein.«
»Oh doch, das können sie durchaus. Sie haben mir den Treueschwur der Bande geschworen.«
»Was! Das ist völlig ausgeschlossen.«
Richard schüttelte den Kopf. »An dem Tag, als es passierte, wart Ihr doch gar nicht bei ihnen. Jagangs Truppen waren im Begriff, den Palast der Propheten einzunehmen. Schwester Ulicia und meine ehemaligen Ausbilderinnen – mit Ausnahme von Euch, da ihr Euch abgesetzt hattet, sowie Liliana, die nicht mehr lebt wussten, wo Kahlan gefangen gehalten wurde. Sie wollten sich aus Jagangs Herrschaft befreien und unterbreiteten mir ein Angebot: Kahlans Aufenthaltsort im Tausch gegen die Möglichkeit, mir die Treue zu schwören, um sich dadurch aus der Gewalt des Traumwandlers zu befreien.«
Nicci musste so viele Einwände unterdrücken, dass sie kurz vor einem Schlaganfall stand. Die Idee erschien ihr so abwegig, dass sie offenbar nicht einmal wusste, wo sie beginnen sollte. Also atmete sie einmal tief durch, um die Kontrolle über ihre sich überschlagenden Vorbehalte zu gewinnen. »Richard, du musst einfach aufhören, ständig solche blühenden Fantasien zum Besten zu geben, die nicht einmal zu deiner eigenen Geschichte passen. Diese Viper, wie du herausgefunden zu haben glaubst, müsste in Wahrheit nämlich fünf Köpfe besitzen. Du hast Merissa vergessen.«
»Keineswegs, nur lebt sie nicht mehr. Sie war hinter mir her und hat versucht, mich umzubringen. Ja, sie sprach immer davon, sie wolle in meinem Blut baden.«
Nachdenklich ließ Nicci eine Strähne ihres Haars zwischen Daumen und Zeigefinger hindurchgleiten. »Na ja, zugegeben, ich selbst habe sie diesen Schwur oft äußern hören.«
»Und sie hat auch versucht, ihn in die Tat umzusetzen. Sie war Kahlan und mir durch die Sliph gefolgt. Am Ziel angekommen, nahm ich das Schwert der Wahrheit, das sich mit dem Leben in der Sliph nicht verträgt, wieder an mich, und durchbohrte sie damit, ehe sie hinausklettern konnte. Sie starb noch in der Sliph. Von den Schwestern der Finsternis, die mir damals die Treue geschworen haben, leben nur noch vier – und diese Schwestern sind besagte vierköpfige Viper. Sie sind es, die an jenem Morgen gekommen sind, um Kahlan zu entführen. Sie haben mich mithilfe ihrer Magie mit einem Bann belegt, damit ich nicht ohne weiteres aufwachte wobei der Bann, den sie benutzten, irgendetwas Einfaches gewesen sein muss, etwas, das meine Schläfrigkeit verstärkte etwa, damit ich nicht merkte, dass ich unter dem Einfluss magischer Kräfte stand. Und der Ruf des einsamen Wolfes kam auch nicht von einem Wolf, sondern war ein Signal der bereits im Anmarsch befindlichen Truppen. Ich habe ihn wegen des Banns nicht als das erkannt, was er war der Bann hatte mich so schlaftrunken gemacht, dass ich nicht klar denken konnte, trotzdem war mir sofort klar, dass irgendetwas daran seltsam war. Anschließend haben die Schwestern ihre Spuren mithilfe von Magie verwischt. Sie waren es, die Kahlan entführt haben.«