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Er unterbricht sich und lauscht der Frage eines imaginären Reporters am anderen Ende des Badezimmers.

»Nebenwirkungen?«, wiederholt er mit hallender Badezimmerstimme. »Ja, es gibt ein paar Nebenwirkungen. Doch soweit wir feststellen konnten nichts, das bleibende Schäden verursacht.«

Er steigt aus der angeschlagenen Porzellanwanne, geht nackt zur Toilette hinüber und erbricht sich fürchterlich. Das Lampenfieber bohrt sich wie ein Tranchiermesser in seinen Magen. Als er nichts mehr von sich zu geben hat und das trockene Würgen nachlässt, spült Rajit sich den Mund mit Listerine aus, zieht sich an und nimmt die UBahn nach Central Manhattan.

III.

Es ist, wie das Time Magazine später schreiben sollte, eine Entdeckung, ›die das Wesen der Medizin ebenso grundlegend und entscheidend verändert wie die Entdeckung des Penizillins‹.

»Einmal angenommen«, sagt Jeff Goldblum, der den erwachsenen Rajit in der Filmbiografie spielt, »nur mal angenommen, es wäre möglich, den genetischen Code des Körpers zu resetten? So viele Krankheiten rühren daher, dass der Körper vergessen hat, was er eigentlich tun müsste. Der Code ist verstümmelt worden. Das Programm läuft nicht mehr richtig. Was wäre … was wäre, wenn man es reparieren könnte?«

»Du bist doch verrückt«, sagt seine hübsche blonde Freundin im Film. In Wirklichkeit hat er keine Freunde. In Wirklichkeit besteht Rajits Sexualleben aus gelegentlichen geschäftlichen Transaktionen zwischen Rajit und den jungen Männern des AAA-Ajax-Eskortedienstes.

»Pass auf«, sagt Jeff Goldblum und drückt es besser aus, als es Rajit je gelungen wäre, »es ist wie bei einem Computer: Statt die Fehler, die ein defektes Programm verursacht, einen nach dem anderen zu beheben, Symptom für Symptom, kann man das Programm doch einfach neu installieren. Alle notwendigen Informationen sind doch gespeichert. Wir müssen unserem Körper nur befehlen, die RNA und DNA neu zu speichern, das Programm noch mal einzulesen, wenn du so willst. Und dann neu hochfahren.«

Die blonde Schauspielerin lächelt und verschließt ihm die Lippen mit einem Kuss, belustigt, beeindruckt und leidenschaftlich.

IV.

Die Frau hat Metastasen in der Milz, den Lymphknoten und im Unterleib: Lymphomata, die nichts mit Hodgkin zu tun haben. Außerdem leidet sie an einer Lungenentzündung. Sie hat zugestimmt, sich als Versuchsperson für Rajits experimentelle Behandlung zur Verfügung zu stellen. Sie weiß, dass es in Amerika illegal ist zu behaupten, man sei in der Lage, Krebs zu heilen. Bis vor kurzem war sie fett. Doch das Gewicht ist von ihr abgefallen und sie erinnert Rajit an einen Schneemann in der Sonne: jeden Tag schmilzt sie ein bisschen mehr, jeden Tag, so meint er, wirkt sie zerlaufener, verschwommener.

»Es ist kein Medikament im herkömmlichen Sinne«, erklärt er ihr. »Es ist eine Reihe chemischer Instruktionen.« Verständnislos erwidert sie seinen Blick. Er injiziert zwei Ampullen einer klaren Flüssigkeit intravenös.

Bald darauf schläft sie ein.

Als sie aufwacht, ist der Krebs verschwunden. Wenig später bringt die Lungenentzündung sie um.

Die zwei Tage vor ihrem Tod hat Rajit sich gefragt, wie er erklären soll, was die Autopsie zweifelsfrei beweisen wird: dass nämlich die Patientin plötzlich einen Penis hat und in jeder Hinsicht, sowohl was Körperfunktionen als auch was die Chromosomen betrifft, männlichen Geschlechts ist.

V.

Zwanzig Jahre später in einem winzigen Apartment in New Orleans (obwohl es ebenso gut Moskau oder Manchester, Paris oder Berlin sein könnte). Heute ist der große Abend und Joseph/ine will sie alle aus den Stiefeln hauen.

Entweder eine »Polonaise«, eine französische Hofrobe des achtzehnten Jahrhunderts (mit Krinoline, Fiberglasturnüre und drahtverstärktem Dekolletee unter einem spitzenbesetzten tiefroten Mieder) oder eine Nachbildung von Sir Phillip Sydneys Hofstaat aus schwarzem Samt und Silberfaden, komplett mit Halskrause und Hosenbeutel. Nach gründlichem Abwägen von Für und Wider gibt Joseph/ine Titten den Vorzug vor Schwanz. Noch zwölf Stunden. Joseph/ine öffnet das Fläschchen mit den roten Pillen (jedes der kleinen roten Dinger ist mit einem X gekennzeichnet) und wirft zwei davon ein. Es ist zehn Uhr und Joseph/ine legt sich ins Bett, fängt an zu masturbieren, Penis halb steif, doch sie schläft vor dem Orgasmus ein.

Das Zimmer ist sehr klein. Kleidungsstücke bedecken jede Ablagefläche. Ein leerer Pizzakarton steht auf dem Fußboden. Joseph/ine schnarcht laut, ganz normal, doch beim »Freebooting« gibt Joseph/ine keinen Laut von sich, könnte ebenso gut im Koma liegen.

Joseph/ine wacht um zweiundzwanzig Uhr auf und fühlt sich zart und frisch. Damals als Joseph/ine noch neu war in der Partyszene, zog ein jeder Wandel eine akribische Untersuchung der eigenen Person nach sich, Abtasten von Leberflecken und Brustwarzen, Vorhaut oder Klitoris, Bestandsaufnahme verschwundener oder verbliebener Narben. Doch inzwischen ist Joseph/ine routiniert, legt Turnüre und Unterrock an, das Mieder und die Robe. Die neuen Brüste (hoch und konisch) werden prall zusammengedrückt, der Unterrock schleift am Boden, was bedeutet, dass Joseph/ine die vierzig Jahre alten Doctor-Martens-Stiefel darunter tragen kann (man weiß ja nie, wann man rennen oder gehen oder treten muss und Seidenschühchen nutzen niemandem).

Die hohe, gepuderte Perücke vervollkommnet das Bild. Und ein Tropfen Cologne. Dann nesteln Joseph/ines Hände am Rock, ein Finger schiebt sich zwischen die Beine (Joseph/ine trägt keinen Schlüpfer, angeblich aus dem Bedürfnis nach Authentizität heraus, das die Doc Martens jedoch Lügen strafen) und tupft sich hinter die Ohren. Vielleicht soll es Glück bringen. Oder Kerle anlocken. Um dreiundzwanzig Uhr fünfzehn klingelt das Taxi und Joseph/ ine geht hinunter. Joseph/ine geht auf den Ball.

Morgen Abend wird Joseph/ine eine weitere Dosis einnehmen, denn Joseph/ines professionelle Identität während der Woche ist strikt männlich.

VI.

Rajit betrachtete die Geschlechtsumwandlung, die Reboot verursachte, nie als etwas anderes denn eine Nebenwirkung. Er erhielt den Nobelpreis für den Durchbruch in der Krebsbekämpfung. (Reboot – unter diesem Markennamen war das Medikament auf den Markt gekommen – war gegen die meisten Krebsarten wirksam, stellte sich heraus, aber nicht gegen alle).

Für einen Mann seines Intellekts war Rajit bemerkenswert kurzsichtig. Es gab ein paar Kleinigkeiten, die er nicht voraussah. Zum Beispieclass="underline"

Dass es todkranke Krebspatienten gab, die lieber sterben wollten, als eine Geschlechtsumwandlung zu erfahren.

Dass die katholische Kirche gegen Rajits Chemiekeule ins Feld ziehen würde, vor allem weil die Geschlechtsumwandlung den weiblichen Körper veranlasste, beim »Rebooting« das Fleisch eines Fötus zu reabsorbieren, da Männer nun einmal nicht schwanger sein konnten. Eine ganze Reihe religiöser Sekten ging gegen Reboot auf die Barrikaden, vornehmlich auf Genesis 1,27 gestützt: »Als Mann und Frau schuf er sie«.

Zu den Sekten, die sich gegen Reboot richteten, zählten der Islam, die Christliche Wissenschaft, die russisch-orthodoxe Kirche, die römisch-katholische Kirche (in der jedoch auch einige anderer Meinung waren), die Mun-Sekte, die orthodoxe Trek-Fangemeinde, der orthodoxe Judaismus und die fundamentalistische Allianz der USA.

Sekten, die sich für eine Behandlung mit Reboot aussprachen, wenn ein qualifizierter Mediziner dazu riet, waren: die meisten buddhistischen, die Kirche der Heiligen der letzten Tage, die griechisch-orthodoxe Kirche, Scientology und die anglikanische Kirche (in der jedoch auch einige anderer Meinung waren), die neue Trek-Fangemeinde, der liberale und reformierte Judaismus und die New-Age-Koalition von Amerika.