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Die fünf Schiffe, das mag noch gesagt sein, müssen natürlich mindestens der mittleren Größenklasse angehören. Bei einem Rundschiff bedeutet das, daß es nach irdischen Verhältnissen eine Fracht von etwa hundert bis hundertundfünfzig Tonnen befördern müßte, und zwar unter Deck. Ich habe diese Zahl nach der Last, einer goreanischen Gewichtseinheit berechnet, die auf dem Stein beruht, etwa zwei irdischen Kilo. Eine Last wiegt zehn Stein. Ein Rundschiff der mittleren Größenklasse müßte also zwischen 5000 und 7000 goreanische Lasten tragen können. Die Last und der Stein sind einheitliche Gewichtsmaße für ganz Gor – nach den Handelsgesetzen, den einzigen Gesetzen, die überall zwischen den Städten angewandt werden. Der offizielle »Stein«, ein Metallzylinder, wird übrigens in der Nähe des Sardargebirges aufbewahrt. Viermal im Jahr wird er anläßlich der großen Jahrmärkte hervorgeholt, um Händlern aus allen Landstrichen Gelegenheit zu geben, ihre eigenen Eichgewichte am Standard-»Stein« zu prüfen.

Aber nicht nur Surbus’ Schiffe waren mein Eigentum geworden, nachdem seine Männer sich mir unterworfen hatten, sondern auch seine sonstigen Güter, seine Waren, Schätze, Grundstücke, Häuser – und seine Sklaven. Sein Anwesen war ein befestigter Palast. Er lag am Ostrand von Port Kar und grenzte mit der Rückseite an den Sumpf. Ein gewaltiges beschlagenes Tor führte in ein privates Hafenbecken, in dem seine sieben Schiffe lagen. Sie hatten über die Kanäle der Stadt direkten Zugang zum Meer.

Es war eine wehrhafte Anlage, auf einer Seite durch den Sumpf geschützt, auf den anderen durch Mauern, das Tor und die Kanäle. Als Clitus, Thurnock und ich mit unseren Sklavinnen nach Port Kar kamen, hatte unser Quartier nicht weit von diesem Anwesen gelegen.

Die Stimme des Schreibers tönte weiter, er verlas die Aufzeichnungen der letzten Zusammenkunft.

Ich sah mich um, betrachtete den Halbkreis von Holzsitzen und die fünf Thronsessel. Obwohl der Rat aus etwa hundertundzwanzig Kapitänen bestand, waren nur selten mehr als siebzig oder achtzig anwesend – und die meist durch Vertreter. Viele waren auf See, und manche hielten es für besser, ihre Zeit mit anderen Dingen zu verbringen.

Auf einem Sessel unter mir, etwa fünfzehn Meter entfernt, saß ein Offizier, den ich kannte. Er war der Mann, der die Renceinseln überfallen hatte; ich erkannte ihn an seinem Helm mit den beiden Goldstreifen. Henrak, der die Rencebauern verraten hatte, war mir in Port Kar noch nicht über den Weg gelaufen. Ich wußte nicht, ob er noch lebte.

Ich lächelte vor mich hin, als ich das bärtige, düstere Gesicht des Offiziers betrachtete und die langen Haare, die er mit einer roten Schnur im Nacken zusammengebunden hatte. Er hieß Lysius.

Er war erst seit vier Monaten Kapitän – seit er das fünfte Schiff mittlerer Größenklasse erworben hatte.

Er war inzwischen in Port Kar ziemlich gut bekannt, hatte er doch sechs Barken mitsamt Sklaven und Ladung verloren und den größten Teil seiner Mannschaft. Es wurde berichtet, er sei von mehr als tausend Rencebauern angegriffen worden, die sich der Hilfe von fünfhundert Söldnern versichert hätten, ausgebildeten Kriegern, und man sei knapp mit dem Leben davongekommen. Den letzten Teil dieses Berichtes hielt ich durchaus für zutreffend. Trotz der Lügengeschichte gab es viele, die hinter Lysius’ Rücken lächelten und daran dachten, wie er siegessicher in die Sümpfe gezogen und mit einer Handvoll entsetzter Männer und einem schmalen Holzboot zurückgekehrt war.

Obwohl an seinem Helm noch die beiden Goldstreifen blitzten, trug er nun auch ein Büschel Sleenhaar, wie es nur den Kapitänen des Rates gestattet ist. Er hatte sein fünftes Schiff als Geschenk des Ubar Henrius Sevarius erhalten. Henrius war angeblich noch ein kleiner Junge, und sein Ubarat wurde von seinem Regenten Claudius verwaltet, der aus Tyros stammte. Lysius war jahrelang Kunde des Hauses Sevarius gewesen, ein Zeitraum, der mit der Herrschaft Claudius’ zusammenfiel, der nach der Ermordung Henrius Sevarius IV. an die Macht gekommen war. Viele Kapitäne waren Kunden dieses oder jenes Ubar.

Ich selbst lehnte solche Beziehungen ab. Ich glaubte, ohne die Macht eines Ubar auszukommen; ich wollte ihnen nicht verpflichtet sein.

Ich bemerkte, daß Lysius mich anstarrte. Er schien verwirrt zu sein.

Vielleicht hatte er mich in jener Nacht bei den Rencebauern gesehen – doch er wußte nicht, woher er mich kannte. Er wandte den Kopf.

Ich hatte mich in Port Kar inzwischen eingelebt.

Meinen Dienst für die Priesterkönige hatte ich aufgegeben. Sollten sie doch andere finden, die ihre Kämpfe austrugen und das Leben für sie riskierten. Ich wollte jetzt nur noch für mich selbst kämpfen. Zum erstenmal in meinem Leben war ich reich. Und Macht und Reichtum waren mir nicht zuwider, das hatte ich inzwischen festgestellt.

Wenn ich auch in diesen Tagen mich selbst nur wenig achtete, so fand ich doch etwas, das ich respektieren konnte, das ich sogar liebte – das Meer.

Als der junge Tab, der nach Surbus das Kommando geführt hatte, meine Befehle erbat, hatte ich gesagt: »Ich möchte das Meer kennenlernen.«

Ich hatte in Port Kar meine eigene Flagge aufgezogen, denn die Stadt selbst besitzt kein einheitliches Banner. Es gibt die Fahnenzeichen der Ubars und die vielen Flaggen der Kapitäne. Mein Zeichen enthielt einen Boskkopf vor einem Hintergrund aus senkrechten grünen Stäben auf weißem Grund. Die grünen Stäbe sollten dabei das Rence des Sumpfes darstellen – die Flagge des Kapitäns Bosk, der aus den Sümpfen kam.

Zu meiner Freude hatte ich festgestellt, daß das Mädchen Luma, das ich vor der Wut Surbus’ gerettet hatte, als Schriftgelehrte ausgebildet war. Sie stammte aus Tor.

»Kannst du Bücher führen?« hatte ich sie gefragt.

»Ja, Herr.«

So hatte ich sie zum Ersten Schriftgelehrten und Buchhalter meines Hauses ernannt.

Jeden Abend kniete sie in der großen Halle vor meinem Sessel und gab mir einen Überblick über die Geschäfte des Tages, Berichte über die Entwicklung verschiedener Investitionen und Unternehmungen, und sie machte oft wertvolle Vorschläge.

Das schlichte, hagere Mädchen hatte eine vorzügliche Begabung zur Leitung der komplizierten Geschäfte eines großen Handelshauses.

Einigen freien Männern im Hause, besonders den Schriftgelehrten, gefiel es natürlich nicht, das Mädchen in einer solchen Machtposition zu sehen, so daß ich auf die äußeren Zeichen ihres Sklaventums nicht verzichten konnte. Daß sie mir unterwürfig kniend Bericht erstattete, beruhigte die anderen etwas. Aber sie blieben auf der Hut, denn Lumas scharfem Blick und schneller Auffassungsgabe blieb wenig verborgen.

Während ich Midice mit kostbarer Kleidung und Schmuck verwöhnte, hielt ich Telima weiterhin als Küchensklavin. Auf meine Anweisung wurden ihr die anstrengendsten Arbeiten des Hauses übertragen, und abends mußte sie an unserem Tisch bedienen.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit nun wieder der Versammlung der Kapitäne zu.

Ein Seemann, der angeblich von Cos geflohen war, berichtete von Vorbereitungen, eine große Flotte zusammenzustellen und gegen Port Kar zu führen – eine Flotte, die durch die Streitkräfte von Tyros noch verstärkt werden sollte.

Dieser Bericht stieß nur auf geringes Interesse. Cos und Tyros, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig bekriegten, stießen ständig Drohungen aus, sie würden Port Kar angreifen. Diese Drohung war im Laufe der Jahre immer wieder geäußert worden – doch schon seit über hundert Jahren hatten die vereinten Flotten von Cos und Tyros die Stadt nicht mehr belagert, und damals waren sie von einem ungeheuren Sturm zerstreut worden.