»Bist du nicht im Voskdelta von einem Haufen Rencebauern überwältigt worden und mußtest deine Barken und eine wertvolle Ladung Rencepapier und Sklaven zurücklassen?«
»Dieser Mann ist gefährlich«, sagte Lysius zu Chenbar. »Ich empfehle, daß er getötet wird.«
»Nein, nein«, sagte Chenbar. »Wir verkaufen ihn und verwenden das Geld für die Ausstattung unserer Flotte. So dient er noch einem guten Zweck.«
Ich schwieg.
»Ich meine auch«, fuhr Chenbar fort, »daß du nicht der letzte Kapitän aus Port Kar bist, der auf den Rundschiffen von Cos oder Tyros rudern muß.«
»Offensichtlich wartet Arbeit auf mich«, sagte ich. »Ich möchte mich also jetzt zurückziehen.«
»Hast du nicht vergessen, dich von der noblen Vivina zu verabschieden?« fragte Chenbar. »Du wirst sie bestimmt nicht wiedersehen.«
»Ich besuche keine Ruderbänke auf Rundschiffen«, sagte sie und löste damit allgemeines Gelächter aus.
»Vielleicht hast du eines Tages dazu Gelegenheit, hohe Dame«, sagte ich.
»Was soll denn das heißen?« fragte sie.
»Ein Witz«, sagte Chenbar.
»Wann soll denn der Wein der Freien Gefährtenschaft mit Lurius, dem würdigen Ubar von Cos getrunken werden?«
»Ich fahre erst nach Tyros zurück«, sagte sie, »wo ich mich vorbereite. Dann reisen wir mit Schatzschiffen und in prunkvoller Aufmachung in den Hafen von Telnus zurück, wo ich Lurius’ Arm nehme und mit ihm den Wein der Gefährtenschaft trinke.«
»Dann möchte ich dir eine sichere und angenehme Reise und für die Zukunft viel Glück wünschen«, sagte ich.
Sie nickte und lächelte.
»Du hast von Schatzschiffen gesprochen«, fuhr ich fort. »Wie mir scheinen will, genügt dein Körper allein dem noblen Lurius nicht.«
»Tarsk!« entfuhr es ihr.
Chenbar lachte nur.
»Schafft ihn fort!« kreischte Lurius.
»Lebe wohl, Vivina«, sagte ich.
Ich wurde herumgerissen und aus dem riesigen Thronsaal von Cos gezerrt.
Als ich früh am nächsten Morgen angekettet aus dem Palast des Lurius geführt wurde, waren die Straßen verlassen. In der Nacht hatte es geregnet, und Pfützen standen hier und dort auf dem Pflaster. Die Verkaufsstände waren noch mit Holzläden verschlossen, die feucht schimmerten. Nur wenige Lichter brannten in den Fenstern. Nahe dem Hinterausgang des Palastes sah ich eine verhüllte Gestalt an der Wand lehnen. Der Mann war törichterweise viel zu früh in die Stadt gekommen, um sein Gemüse zu verkaufen. Er schien zu schlafen – ein großer Mann in der groben Tunika eines Bauern. Neben ihm stand ein ledernes Bündel, in dem nur ein Langbogen versteckt sein konnte. Er hatte struppiges gelbes Haar. Ich lächelte, als wir an ihm vorbeigingen.
Auf dem Sklavenkai wurde ich ohne Umstände an die Marktkette angeschlossen.
Um die achte Stunde trafen bereits verschiedene Kapitäne von Rundschiffen ein und begannen mit dem Sklavenmeister um Preise zu feilschen. Der Händler verlangte meiner Meinung nach zuviel für seine Ware, zumal wir nur als Ruderer arbeiten sollten. Offenbar ging es darum, möglichst viel für die Staatskasse zu erzielen, die durch die Ausrüstung der Flotten erheblich belastet war.
Etwas abseits von mir hockte ein Fischer. Er lehnte an einem schweren Pfosten, der den Sklavenkai stützte, und arbeitete mit langsamen Bewegungen an einem Netz, das über seinen Knien lag. Neben ihm lag ein Dreizack. Er hatte langes schwarzes Haar und graue Augen.
»Ich will sehen, wie stark du bist«, sagte einer der Kapitäne. »Ich kann nur kräftige Männer auf meinen Schiffen gebrauchen.«
Er streckte mir die Hand hin.
Sekunden später brüllte er schmerzerfüllt um Gnade.
»Halt, Sklave!« sagte der Sklavenmeister und schlug mich mit dem Peitschengriff.
Ich ließ die Hand des Mannes los, ohne sie gebrochen zu haben. Der Kapitän richtete sich langsam auf und starrte mich ungläubig an, die schmerzende Hand in die linke Achselhöhle gepreßt.
»Verzeih mir, Herr«, sagte ich besorgt.
Unsicher ging er weiter, untersuchte andere Sklaven weiter unten am Kai.
»Machst du das noch einmal, schneide ich dir die Kehle durch«, zischte der Sklavenmeister.
»Aber das würde Chenbar und Lurius nicht gefallen«, erwiderte ich.
»Vielleicht nicht«, sagte der Mann grinsend.
»Was forderst du für den Sklaven?« fragte ein Kapitän, ein großer Mann mit kleinem, sorgfältig gestutztem Backenbart.
»Fünfzig kupferne Tarnmünzen.«
»Das ist zuviel.«
Ich stimmte ihm insgeheim zu, hielt es aber nicht für angebracht, mich in die Diskussion einzuschalten.
»Das ist nun mal der Preis«, sagte der Sklavenmeister.
»Also gut«, erwiderte der Kapitän und deutete auf einen Schriftgelehrten neben sich, der einen Beutel mit Münzen über der Schulter trug.
»Darf ich den Namen meines Herrn und den seines Schiffes erfragen?« sagte ich.
»Ich heiße Tenrik«, erwiderte er. »Tenrik aus Temos. Dein Schiff ist die Rena aus Temos.«
»Und wann laufen wir aus?«
Er lachte. »Sklave, du redest ja wie ein Passagier!«
Ich lächelte.
»Mit der Abendflut«, sagte er.
Ich neigte den Kopf. »Vielen Dank, Herr.«
Tenrik, gefolgt von seinem Schriftgelehrten, wandte sich zum Gehen. Da sah ich, daß auch der Fischer mit seinem Netz fertig war. Er faltete es zusammen und warf es sich über die Schulter. Dann nahm er seinen Dreizack und wanderte davon.
Ich blickte den Sklavenmeister kopfschüttelnd an. »Zuviel«, sagte ich.
Er zuckte die Achseln und grinste. »Wie’s der Markt eben aufnimmt«, meinte er.
Ich war ganz zufrieden, als ich zur Rena aus Temos geführt wurde, einem Rundschiff. Befriedigt registrierte ich Breite und Tiefgang. Ein solches Schiff war sehr langsam.
Die Brotkrumen und Zwiebeln und Erbsen, aus denen unser Essen bestand, gefielen mir schon weniger, aber ich glaubte nicht, daß ich lange darauf angewiesen war.
»Du wirst feststellen, daß dieses Schiff nicht leicht zu rudern ist«, sagte der Rudermeister, als er meine Fußgelenke an der schweren Fußstange festkettete.
»Das Schicksal eines Sklaven ist nicht leicht«, versicherte ich ihm.
»Außerdem bin ich kein einfacher Herr«, sagte er lachend.
»Schwer ist das Schicksal eines Sklaven, in der Tat«, klagte ich.
Lachend kehrte er zum Heck zurück. Da es sich um ein großes Schiff handelte, saß ein Keleustes vor ihm, ein starker Mann, der den Rhythmus angeben sollte – mit zwei lederbespannten Hämmern, mit denen er auf ein großes Kupferbecken schlug.
»Ruder aus!« rief der Rudermeister.
Im Gleichtakt mit den anderen Sklaven ließ ich mein Ruder nach draußen gleiten.
Auf dem Oberdeck über uns hörte ich die Rufe der Seeleute, die die Leinen losmachten und das Schiff mit langen Stangen vom Kai fortstießen. Segel wurden erst gesetzt, wenn wir den Hafen verlassen hatten.
Ich vernahm das Knirschen des großen Seitenruders und spürte die schwerfällige, süße, lebendige Bewegung des Schiffskörpers.
Wir waren unterwegs.
Die Augen des Schiffs, die zu beiden Seiten des Bugs aufgemalt waren, hatten sich jetzt bestimmt schon der Hafenausfahrt von Telnus zugewandt. Goreanische Schiffe tragen stets ein Paar Augen, entweder in einem Kopf am Bugspriet – wie bei den Tarnschiffen – oder beidseits des Bugs der Rundschiffe. In den Augen spiegelt sich der goreanische Seemannsglaube wieder, jedes Schiff sei ein lebendiges Wesen.
»Ruder fertig!« rief der Rudermeister. »Zieht durch!«
Der Keleustes schlug auf das große Kupferbecken.
Gleichmäßig tauchten die Ruderblätter ins Wasser, zogen durch. Ich stemmte die Füße gegen das Stützbrett und machte die Bewegung mit.
Langsam wie ein schwerfälliger Vogel begann sich das Schiff auf die Öffnung zwischen den beiden großen runden Türmen zuzubewegen, die den Hafen von Telnus bewachten, den Hafen der Hauptstadt des Insel-Ubarats Cos.
Wir waren nun schon zwei Tage auf See.
Wir aßen eine unserer vier täglichen Rationen aus Brot, Zwiebeln und Erbsen. Wasserhäute wurden weitergereicht.