Er fand sich draußen vor der Stadt wieder, wo er durch eine Welt ohne Farben schritt. Raben schwebten auf breiten, schwarzen Schwingen durch einen grauen Himmel, während Aaskrähen überall, wohin er den Fuß setzte, wütend von ihrem Festmahl aufstoben. Weiße Maden gruben sich durch schwarze Verwesung. Die Wölfe waren grau, und ebenso die Schweigenden Schwestern; beide befreiten die Knochen der Gefallenen vom Fleisch. Der ganze Turnierplatz war von Leichen übersät. Die Sonne schien einer heißen weißen Münze gleich auf den grauen Fluss herab, der um die verkohlten Gerippe gesunkener Schiffe strömte. Von den Scheiterhaufen, auf denen die Toten verbrannt wurden, stiegen schwarze Rauchsäulen und weiße heiße Asche in die Luft. Mein Werk, dachte Tyrion Lennister. Sie starben auf meinen Befehl hin.
Zunächst gab es keine Geräusche in dieser Welt, doch nach einer Weile hörte er die leisen, schrecklichen Stimmen der Toten. Sie weinten und jammerten, flehten darum, dass ihre Pein aufhören möge, riefen um Hilfe und nach ihren Müttern. Tyrion hatte seine Mutter nie kennengelernt. Er wollte zu Shae, doch sie war nicht hier. So ging er allein durch die grauen Schatten und versuchte sich zu erinnern …
Die Schweigenden Schwestern zogen den Toten die Rüstungen und die Kleider aus. All die fröhlichen Farben der Mäntel waren verblichen; die Erschlagenen waren in fahle Weiß- und Grautöne gekleidet, und ihr Blut war schwarz und verkrustet. Er sah zu, wie die nackten Körper an Armen und Beinen hochgehoben und zu den Feuern getragen wurden, wo sie sich wieder zu ihren Kameraden gesellten. Metall und Kleider wurden auf einen weißen Wagen geworfen, den zwei große schwarze Pferde zogen.
So viele Tote, so viele. Ihre Leichen lagen schlaff da, ihre Gesichter waren starr oder aufgedunsen, nicht mehr zu erkennen, kaum noch menschenähnlich. Die Gewänder, welche die Schwestern ihnen abnahmen, waren mit schwarzen Herzen verziert, grauen Löwen, toten Blumen und geisterhaft bleichen Hirschen. Ihre Rüstungen waren verbeult und geborsten, die Kettenhemden zerrissen. Warum habe ich sie alle getötet? Irgendwann einmal hatte er den Grund gewusst, doch er hatte ihn wieder vergessen.
Er hätte eine der Schweigenden Schwestern fragen können, doch als er sprechen wollte, stellte er fest, dass er keinen Mund hatte. Glatte, nahtlose Haut bedeckte seine Zähne. Diese Entdeckung erschreckte ihn zutiefst. Wie sollte er ohne Mund weiterleben? Er begann zu rennen. Die Stadt war nicht weit entfernt. Innerhalb der Mauern wäre er in Sicherheit, weit fort von diesen Toten. Er gehörte nicht zu den Toten. Wenn er auch keinen Mund hatte, so war er doch noch ein lebendiger Mann. Nein, ein Löwe, ein Löwe, und am Leben. Dann erreichte er die Mauer, doch die Tore waren ihm verschlossen.
Es war dunkel, als er erneut erwachte. Zuerst konnte er nichts sehen, bis er die vagen Umrisse eines Bettes um sich herum wahrnahm. Die Vorhänge waren zugezogen, trotzdem konnte er die Form der Bettpfosten erkennen, und über sich den samtenen Himmel. Unter sich spürte er eine weiche Federmatratze, und das Kissen unter seinem Kopf war mit Gänsedaunen gefüllt. Mein eigenes Bett, ich liege in meinem eigenen Bett, in meinem eigenen Schlafzimmer.
Innerhalb der Vorhänge, unter dem großen Haufen von Fellen und Decken war es warm. Er schwitzte. Fieber, dachte er benommen. Er fühlte sich schwach, und ein stechender Schmerz durchfuhr ihn, als er versuchte, die Hand zu heben. Er ließ es bleiben. Sein Kopf fühlte sich riesig an, so groß wie das Bett, zu schwer, um ihn vom Kissen zu heben. Seinen Körper konnte er kaum spüren. Wie bin ich hierhergekommen? Er versuchte, sich zu erinnern. Die Schlacht tauchte in einzelnen Bildern vor seinem inneren Auge auf. Die Gefechte am Fluss, der Ritter, der ihm den Handschuh angeboten hatte, die Brücke aus Schiffen …
Ser Mandon. Er sah die toten leeren Augen, die ausgestreckte Hand, das grüne Feuer, das auf der weiß emaillierten Rüstung leuchtete. Furcht überkam ihn in einer kalten Woge; er spürte, wie sich unter den Decken seine Blase entleerte. Hätte er nur einen Mund gehabt, dann hätte er wenigstens schreien können. Nein, das war im Traum, dachte er mit pochendem Schädel. Hilfe, so helft mir doch. Jaime, Shae, Mutter, irgendwer … Tysha …
Niemand hörte ihn. Niemand kam. Allein in der Dunkelheit versank er wieder in Schlaf und in Gestank nach Pisse. Er träumte, seine Schwester stehe an seinem Bett und auch sein Hoher Vater, der die Stirn runzelte. Das musste ein Traum sein, denn schließlich war Lord Tywin viele Meilen weit entfernt und kämpfte im Westen gegen Robb Stark. Andere kamen und gingen ebenso. Varys betrachtete ihn und seufzte, doch Kleinfinger machte einen Scherz. Du verfluchter, verräterischer Bastard, dachte Tyrion böse, wir haben dich nach Bitterbrück geschickt, und du bist nicht zurückgekehrt. Manchmal hörte er, wie sie miteinander redeten, die Worte verstand er allerdings nicht. Ihre Stimmen summten in seinen Ohren wie Wespen und wurden wie von dickem Filz gedämpft.
Er wollte fragen, ob sie die Schlacht gewonnen hätten. Das müssen wir wohl, sonst würde mein Kopf auf irgendeinem Spieß stecken. Wenn ich lebe, haben wir gesiegt. Er wusste nicht, was ihm mehr gefieclass="underline" der Sieg oder die Tatsache, dass er allein darauf gekommen war. Sein Verstand kehrte zurück, wenn auch langsam. Das war gut. Sein Verstand war alles, was er besaß.
Als er das nächste Mal erwachte, hatte man die Vorhänge zurückgezogen, und Podrick Payn stand mit einer Kerze vor ihm. Er sah, wie Tyrion die Augen aufschlug, und rannte davon. Nein, geh nicht weg, hilf mir, hilf mir, wollte er rufen, brachte jedoch nur ein leises Stöhnen hervor. Ich habe keinen Mund. Er griff sich unter Schmerzen ins Gesicht. Seine Finger fanden steifes Tuch, wo eigentlich Fleisch, Lippen und Zähne hätten sein sollen. Leinen. Die untere Hälfte seines Gesichts war fest verbunden, eine Maske aus hartem Gips mit Löchern zum Atmen und Essen.
Kurz darauf kam Pod zurück. Diesmal begleitete ihn ein Fremder, ein Maester mit Kette und Robe. »Mylord, Ihr müsst still liegen«, murmelte der Mann. »Ihr seid schwer verletzt. Seid Ihr durstig?«
Zur Antwort gelang ihm ein unbeholfenes Nicken. Der Maester schob einen geschwungenen Kupfertrichter durch das Loch über seinem Mund und schüttete vorsichtig etwas in seine Kehle. Tyrion schluckte, ohne irgendetwas zu schmecken. Zu spät erkannte er, dass es sich um Mohnblumensaft handelte. Als ihm der Maester den Trichter aus dem Mund zog, versank er bereits wieder in tiefen Schlaf.
Diesmal träumte er, bei einem Fest zu sein, einem Siegesfest in einer großen Halle. Er saß auf einem hohen Stuhl auf dem Podest, und Männer hoben die Kelche und priesen ihn als Helden. Marillion war da, der Sänger, der mit ihnen durch die Mondberge gereist war. Er spielte auf seiner Holzharfe und sang von den tapferen Taten des Gnoms. Sogar sein Vater lächelte anerkennend. Als das Lied zu Ende war, erhob sich Jaime von seinem Platz, befahl Tyrion niederzuknien, legte ihm die Klinge seines goldenen Schwertes zuerst auf die eine und dann auf die andere Schulter und schlug ihn zum Ritter. Shae konnte es nicht erwarten, ihn zu umarmen. Sie nahm ihn bei der Hand, lachte, neckte ihn und nannte ihn ihren Riesen von Lennister.
Er erwachte in der Dunkelheit eines kalten, leeren Zimmers. Die Vorhänge waren wieder zugezogen. Irgendetwas war verkehrt, falsch herum, nur kam er nicht darauf, was. Er war wieder allein. Also warf er die Decken zurück und versuchte, sich aufzusetzen, doch der Schmerz war zu stark, und er gab bald keuchend auf. Das Gesicht war nicht einmal das Schlimmste. Die ganze rechte Seite schien nur aus Schmerzen zu bestehen, und das Gleiche galt für seine Brust, sobald er nur den Arm hob. Was ist mit mir geschehen? Sogar die Schlacht war inzwischen fast nur noch ein Traum, wenn er daran zurückdachte. Ich bin wohl übler verwundet, als ich gedacht habe. Ser Mandon …