Mittlerweile hatte der Regen angefangen, energisch gegen die Fensterscheiben zu prasseln; der Himmel hatte sich verdunkelt und tauchte das mitten im Sumpf gelegene Haus in graues Dämmerlicht. Friedrich erhob sich von seiner Werkbank und versuchte, sie mit einer Handbewegung zurückzuhalten. »Erlaubt, daß ich Euch zur Tür begleite, Margery. Es wartet doch hoffentlich jemand, der Euch zurückbegleitet, oder?«
»Ja, mein Schwiegersohn wartet oben bei den Pferden am Rand der Schlucht, wo der Pfad in den Sumpf beginnt.« In der Türöffnung hielt sie inne und wies mit einer Handbewegung auf seine Arbeit auf der Werkbank. »Ein schönes Stück, das Ihr da gerade fertiggestellt habt.«
Friedrich lächelte. »Hoffentlich finde ich im Palast einen Kunden, der genauso denkt.«
»Das werdet Ihr, ganz gewiß. Eure Arbeiten sind ausgezeichnet, das sagt jeder. Wer ein Stück aus Eurer Hand besitzt, kann sich glücklich schätzen.«
Margery bedankte sich noch einmal beglückt mit einem Knicks vor Althea, ehe sie ihren Lammfellumhang vom Haken neben der Tür nahm. Lächelnd blickte sie in den düsteren Himmel, legte ihren Umhang um und schlug die Kapuze über den Kopf; sie konnte es kaum erwarten, loszumarschieren und sich auf die Suche nach ihrem neuen Mann zu machen. Die Frau hatte einen weiten Weg vor sich. Ehe sie die Tür schloß, ermahnte Friedrich sie noch, beim Aufstieg aus der Schlucht unbedingt darauf zu achten, nicht vom Weg abzukommen und aufzupassen, wohin sie ihre Füße setzte. Sie erwiderte, die Instruktionen seien ihr noch gut in Erinnerung, und versprach, sie genauestens zu beachten.
Er sah ihr hinterher, wie sie sich mit eiligen Schritten entfernte und die Schatten und der Nebel sie verschluckten, bevor er die Tür gegen das scheußliche Wetter fest verriegelte. Dann wurde es wieder still im Haus, nur von draußen war tiefes Donnergrollen zu hören; es klang wie eine Unmutsäußerung.
Mit schlurfenden Schritten näherte sich Friedrich von hinten seiner Frau. »Warte, laß mich dir in deinen Sessel helfen.«
Althea hatte ihre Steine wieder aufgenommen. Ein weiteres Mal rasselten sie, den Gebeinen verstorbener Seelen gleich, in ihrer hohlen Hand. Es widersprach ihrer sonst so aufmerksamen Art, nicht zu reagieren, wenn er sie ansprach, und noch viel weniger entsprach es ihrer Art, die Steine nach Aufbruch eines Kunden noch einmal zu werfen. Das Werfen ihrer Steine für eine Weissagung beanspruchte ihre Gabe auf eine Weise, die er nicht völlig verstand. Was er jedoch verstand, war, wie sehr es sie erschöpfte; es zehrte so sehr an ihren Kräften und versetzte sie in einen Zustand solcher Weltentrücktheit, daß sie gewöhnlich eine Weile nur zu gern darauf verzichtete, sie noch einmal zu werfen.
Jetzt jedoch hatte ein unausgesprochener Zwang von ihr Besitz ergriffen.
Sie öffnete ihre Hand mit einer Drehung des Handgelenks und warf die Steine mit derselben Leichtigkeit und Eleganz, mit der er sein hauchfeines Blattgold behandelte. Die glatt gewetzten, dunklen, unregelmäßig geformten Steine verließen ihre Hand, hüpften über das Brett und sprangen über die vergoldete Huldigung.
Vieltausendmal in ihrem gemeinsamen Leben hatte er sie ihre Steine werfen sehen; es gab Zeiten, in denen er so wie ihre Kunden auch versucht hatte, ein Muster im Fall der Knochen zu erkennen. Es war ihm nie gelungen.
Althea dagegen stets.
Im Akt des Werfens selbst offenbarte sich dieses Muster nicht; es war die Anordnung der Steine, die von Kräften beeinflußt wurde, über die er nicht nachzudenken wagte. Kräfte, die sich der Hexenmeisterin allein kraft ihrer Gabe offenbarten. An dieser zufälligen Struktur innerhalb der Unordnung konnte sie den Strom der Kräfte ablesen, der die Welt des Lebens durchzog – und wohl ebenfalls, wie er befürchtete, auch wenn sie nie darüber sprach, die Welt der Toten. So nah sie sich mit Leib und Seele standen, dies war ein Punkt, den sie in ihrem gemeinsamen Leben niemals würden teilen können.
Ein Blitz zuckte, unmittelbar darauf gefolgt von krachendem Donner.
Friedrich machte ein ungläubiges Gesicht. Er überlegte, wie hoch wohl die Wahrscheinlichkeit sein mochte, daß die Steine am Ende ihres unkontrollierten Gepurzels exakt an diesen Punkten der Huldigung zu liegen kamen. Ihm war nie zuvor aufgefallen, daß sie sich zu einem erkennbaren Muster angeordnet hätten.
»Hast du so was schon mal gesehen?«, fragte er.
»Ich fürchte, ja«, erwiderte sie flüsternd, während sie die Steine mit ihren schlanken Fingern abermals zusammenschob.
»Wirklich?« An ein so unglaubliches Ereignis, an eine so beunruhigende Regelmäßigkeit würde er sich doch bestimmt erinnern. »Und wann soll das gewesen sein?«
Sie schüttelte die Steine in ihrer hohlen Hand. »Bei den vier vorangegangenen Würfen. Mit diesem Wurf sind es insgesamt fünf, alle absolut identisch, jeder einzelne Stein kam genau auf derselben Stelle zu liegen wie zuvor.«
Sie warf die Steine abermals über das Brett. Im selben Augenblick schien der Himmel seine Pforten zu öffnen, und strömender Regen trommelte aufs Dach; der Lärm hallte durch das ganze Haus. Friedrichs Blick ging unfreiwillig kurz zur Decke, bevor er zusammen mit Althea verfolgte, wie die Steine über das Brett tanzten und sprangen.
Der erste Stein rollte genau bis zum Mittelpunkt der Huldigung und blieb dort liegen. Ein Blitz zuckte. Die anderen Steine kullerten auf scheinbar ganz natürliche Weise über das Brett und blieben, scheinbar ebenfalls ganz natürlich, liegen, nur eben an jeweils exakt derselben Stelle wie zuvor.
»Damit waren es sechs«, stellte Althea flüsternd fest. Ein Donner krachte.
Friedrich wußte nicht zu sagen, ob sie mit ihm sprach oder mit sich selbst.
»Aber die ersten vier Würfe galten dieser Frau, dieser Margery. Du hast sie für sie geworfen, der Wurf war für ihre Weissagung bestimmt.«
Selbst in seinen Ohren klang es eher nach einer Ausflucht denn nach einer vernünftigen Erklärung.
»Margery kam her um sich weissagen zu lassen«, sagte Althea. »Das bedeutet aber nicht, daß es den Steinen beliebte, ihr eine zu gewähren. Offenbar haben die Steine beschlossen, daß diese Weissagung mir gelten soll.«
»Und was besagt sie nun?«
»Nichts«, erwiderte sie. »Zumindest noch nicht. In diesem Stadium handelt es sich erst um eine Möglichkeit – eine dunkle Gewitterwolke am Horizont. Möglicherweise beschließen die Steine ja noch, daß dieser Sturm an uns vorüberziehen soll.«
Während er ihr zusah, wie sie die Steine abermals einsammelte, beschlich ihn ein unbestimmtes Angstgefühl. »Das reicht jetzt – du mußt dich ausruhen. Wie wär’s, wenn du dir von mir aufhelfen läßt, Althea? Ich werde dir etwas zu essen machen.« Er beobachtete, wie sie den letzten Stein, den in der Mitte, vom Brett aufnahm. »Laß deine Steine jetzt erst mal in Ruhe. Ich brühe dir auch einen schönen, heißen Tee auf.«
Noch nie zuvor hatte er die Steine als etwas Unheilvolles betrachtet, jetzt aber schien es ihm, als seien sie im Begriff, eine Bedrohung für ihr Leben heraufzubeschwören.
Er wollte nicht, daß sie die Steine noch einmal warf, und ließ sich neben ihr nieder. »Althea ...«
»Sei still, Friedrich.« Sie sprach die Worte ohne besondere Betonung, weder verärgert noch vorwurfsvoll, sondern einfach nur, weil sie nicht anders konnte. Der Regen trommelte mit ungestümer Heftigkeit aufs Dach, und die aus den Regenrinnen herabstürzenden Wassermassen rauschten. Immer wieder wurde die Dunkelheit draußen vor den Fenstern von Blitzen zerrissen.
Er lauschte auf das leise Rasseln der Steine, es war, als sprächen die Gebeine der Toten zu ihr. Zum ersten Mal in ihrem gemeinsamen Leben empfand er so etwas wie Abscheu und Feindseligkeit gegenüber den Steinen in ihrer Hand, so als wären sie ein Liebhaber, der gekommen war, um sie ihm fortzunehmen.
Althea saß auf ihrem rotgoldenen Kissen und streute erneut die Steine über die Huldigung.
Schicksalsergeben verfolgte er, wie sie erst über das Brett purzelten und schließlich, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, auf exakt denselben Punkten wie zuvor liegen blieben. Überrascht wäre er nur gewesen, wenn sie sich anders angeordnet hätten.