Sie konnte also keine Hilfe erwarten. Wo immer sie auch hinwollten, Schwyz nahm nur seine verlässlichsten Soldaten mit. Die anderen hatte er zurückgelassen.
Wohin wollten sie? In die Midlands? Dort gärte noch immer alter Hass auf Henry Plantagenet.
Adelia veränderte ihre Position und tastete den Sack unter ihr mit den Handgelenken ab, glitt an den Speerschäften entlang bis zu den scharfkantigen Spitzen. Da.
Sie drückte nach unten und spürte eine Spitze in ihre rechte Handfläche stechen. Sie versuchte, das Seil gegen die Klinge zu reiben, verfehlte sie aber immer wieder und stieß stattdessen gegen die Speerspitze, die wirkungslos zwischen die Fasern des Stricks glitt und wieder heraus, wodurch diese irgendwann vielleicht durchtrennt worden wären, wenn Adelia ein oder zwei Wochen Zeit gehabt hätte …
Aber es lenkte sie ab, half ihr, gegen die Trägheit der Verzweiflung anzukämpfen. Selbstverständlich würde Eynsham sie töten lassen. Als Unterpfand nutzte sie ihm nur so lange, bis er sicher sein konnte, dass Henry ihn nicht verfolgte – und diese Wahrscheinlichkeit verringerte sich mit jeder Meile, die sie weiter nach Norden kamen. Aber vor allem würde er sie töten, weil er wusste, dass sie den erbärmlichen Wurm gesehen hatte, der sich in dieser prächtigen, facettenreichen, leeren Hülle wand.
Ihre Arme wurden schwer …
Mit tränennassem Gesicht döste Adelia ein.
Die Männer, die den Schlitten zogen, kamen nur langsam voran, und selbst den anderen im Tross erging es nicht viel besser. Aus Angst vor Verfolgern waren keine Fackeln entzündet worden, und im hellen Mondlicht glänzte das Eis trügerisch glatt, so dass die Männer häufig über eingefrorene Äste und Ähnliches fielen. Oft mussten sie Hindernisse umgehen und manchmal auch den schweren Schlitten darüberhieven.
Im Schlaf nahm Adelia undeutlich das Schaukeln und gedämpfte Fluchen wahr, wenn der Schlitten getragen wurde, und sie spürte auch, dass die Männer sich abwechselnd auf dem Schlitten ausruhten, zu ihr unter die Plane gekrochen kamen, um wieder zu Kräften zu kommen, ehe sie ihren Platz dem nächsten überließen. Das hatte nichts Sexuelles an sich – sie waren zu erschöpft –, und Adelia weigerte sich aufzuwachen. Der Schlaf war seliges Vergessen …
Ein neuer Passagier kam an Bord und atmete erleichtert auf, weil er endlich vom Eis war. Finger nestelten an ihrem Hinterkopf und lösten den Knebel. »Ist jetzt nicht mehr nötig, Mistress. Und das hier auch nicht.« Sachte schob jemand sie ein wenig nach vorne, und ein Messer durchtrennte den Strick an ihren Handgelenken. »Na bitte. Besser so?«
Ein angenehmer vertrauter Duft drang in ihre Nase. Adelia fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und bewegte Schultern und Hände. Es tat weh. Sie waren noch immer unterwegs, und es war noch immer bitterkalt, aber die Sterne leuchteten etwas matter. Ein leichter Nebelschleier umhüllte den Mond.
»Ihr hättet Bertha nicht töten müssen«, sagte sie.
Kurz trat Stille ein.
»Ich glaube doch«, antwortete Jacques sachlich. »Ihre Nase hätte mich früher oder später verraten. Ich muss leider zugeben, dass die Arme mich ausgeschnüffelt hat.«
Ja. Ja, das hatte sie.
Bertha, die im Kuhstall näher gekrochen kommt, schnuppert, die ihren wachsten Sinn einsetzt, um die Alte im Wald zu beschreiben, die ihr die Pilze für Rosamund geschenkt hatte.
»Hat gut gerochen … wie Ihr.«
Ich war das nicht, Bertha, sondern der Mann, der hinter mir stand.
»Ein Er. Keine Sie.«
Das Mädchen hatte den Geruch des Boten gewittert – das Parfüm, das er immer trug, selbst wenn er sich als altes Weib verkleidete, das Pilze sammelte.
»Macht Euch das was aus?«, fragte er jetzt. Es war fürsorglich gemeint, in der Hoffnung, dass sie nicht böse auf ihn war. »Sie war doch nun wirklich kein großer Verlust, oder?«
Adelia hielt die Augen auf die beiden Söldner gerichtet, die den Schlitten zogen.
Jacques stopfte die Plane fester um sie und setzte sich seitlich hin, damit er ihr ins Gesicht sehen konnte, während er ihr die Dinge ganz sachlich erklärte. Das war nicht mehr der aufgeregte junge Mann mit den großen Ohren, nein, er wirkte viel älter und sehr gelöst. Sie vermutete, dass genau das seine besondere Fähigkeit war; er konnte je nach Bedarf ein anderer werden.
Er hatte Allies Wiege aus dem Zimmer geholt und auf den Treppenabsatz gestellt.
»Ihr müsst wissen, normalerweise besteht keine Notwendigkeit für das, was ich Nachbesserungen nenne, wie das bei Bertha der Fall war«, sagte er. »Üblicherweise erfüllt man seinen Teil des Vertrages und zieht dann weiter. Alles hübsch ordentlich. Aber dieser Auftrag war kompliziert – interessant, keine Frage, aber eben kompliziert.« Er seufzte. »Nicht bloß zusammen mit meinem Auftraggeber, sondern auch mit einer Zeugin in einer Abtei eingeschneit zu sein, das war eine Erfahrung, auf die ich in Zukunft gern verzichte.«
Ein Mörder. Der Mörder.
»Ja, ich verstehe«, sagte Adelia.
Schließlich lebte sie mit ihrem Abscheu, seit ihr klar geworden war, dass er Rosamund vergiftet hatte. Die Angst war ihre ständige Begleiterin gewesen, während sie ihn in das Vorhaben mit eingebunden hatte, Wolvercote und Warin dazu zu bringen, sich in der Kirche selbst zu verraten, aber ihr war keine andere Strategie eingefallen, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Zu dem Zeitpunkt hatte sie nämlich bereits gewittert, wer für die Abtei eine größere Bedrohung darstellte als Wolvercote, weil er hemmungslos war, ein sorgloser Geist. Töte diesen, verschone jenen, frei von jeglichen Schuldgefühlen.
Es war notwendig gewesen, ihn bei Laune zu halten, wie eine zappelnde Maus die Katze fasziniert. Um Zeit zu gewinnen, hatte sie ihn dabei zuschauen lassen, wie sie den einen Mord löste, an dem er unschuldig war. Um die Zähne der Katze vom Nacken einer Maus, die Fragen stellte, fernzuhalten.
Sie fragte: »Hat Eynsham Euch beauftragt, sie zu töten?«
»Bertha? Lieber Himmel, nein.« Er war gekränkt. »Ich kann durchaus selbst die Initiative ergreifen. Aber natürlich …« Ein Ellbogen stieß sanft in Adelias Rippen, »muss er mir das bezahlen. Bertha setze ich ihm mit auf seine Rechnung.«
»Seine Rechnung«, sagte sie und nickte.
»Allerdings. Ich bin kein Vasall des Abtes, Mistress. Auf diese Feststellung lege ich wert. Ich bin unabhängig, ich reise durch die Christenheit und biete meinen Dienst an. Manch einer missbilligt den, ich weiß, aber es ist dennoch ein Dienst am Kunden.«
»Ein gedungener Mörder.«
Er überlegte kurz. »Könnte man so sagen. Für mich ist es eigentlich ein Beruf wie jeder andere. Seien wir ehrlich, Mistress Doktor, Euer eigener Beruf wird von Menschen, die ihn nicht verstehen, als Hexerei bezeichnet, und wir betreiben beide ein Handwerk, zu dem wir uns nicht öffentlich bekennen können. Wir arbeiten beide mit Leben und Tod.« Aber sie hatte ihn in seinem Stolz getroffen. »Wodurch hab ich mich verraten? Immerhin hab ich versucht, Euch vor allzu viel Neugier zu warnen.«
Seine Besuche bei Bertha, seine ständige Nähe, das unbestimmte Gefühl von Gefahr, das im Kuhstall lauerte, wenn er dort war. Der Geruch, den Bertha wiedererkannt hatte. Die Möglichkeit, sich wie kein anderer frei in der Abtei bewegen zu können, ohne Aufsehen zu erregen. Letzten Endes war er der Einzige, der es gewesen sein konnte.
»Die Weihnachtsfeier«, sagte sie.
Von da an war sie ganz sicher gewesen. In dem übermütigen, warzigen Weib in Noahs Arche hatte sie eine groteske Schwester der Alten erkannt, die Bertha im Wald gesehen hatte.
»Aha«, sagte er, »ich sollte mich wohl lieber nicht mehr öffentlich verkleiden, was? Leider hab ich eine Schwäche dafür.«
Sie fragte: »Wann hat Eynsham Euch beauftragt, Rosamund zu töten?«