»Schweigt davon.«
Das war nicht höflich gemeint, sie sollte es nie wieder ansprechen. Seit er den Leichnam zugedeckt hatte, hatte er nicht wieder zu ihm hinübergeblickt.
»Da wären wir also«, sagte er. Er lehnte sich vorsichtig ein Stück nach draußen. »Ich muss schon sagen, die haben nicht viele Wachen aufgestellt. Da patrouillieren nur zwei Männer über den Hof – was zum Teufel treibt denn der Rest?«
»Sie wollen den Turm anzünden«, erklärte sie ihm. »Mit uns drin.«
»Wenn sie dazu das Holz unten in der Halle nehmen, müssen sie sich anstrengen. Das brennt ums Verrecken nicht.« Er beugte sich noch weiter aus dem Fenster und schnupperte. »Die sind in der Küche, ja … da wird was gekocht. Heiliger Strohsack, diese dämlichen Hunde nehmen sich tatsächlich die Zeit, was zu essen.«
Er verachtete Unfähigkeit, selbst bei seinen Feinden.
»Ich kann sie verstehen.« Sie war hungrig, ja, sie war völlig ausgehungert. Ein magischer König hatte diese groteske Kammer des Todes in etwas Erträgliches verwandelt. Ohne Mitleid, ohne Rücksicht auf sie als Frau, indem er sie als Kamerad behandelte, hatte er ihr neue Kraft gegeben. »Habt Ihr irgendwas zu essen dabei?«
Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Ach herrje, jetzt hab ich doch glatt den Festtagsbraten vergessen. Nein, ich habe nichts. Glaube ich zumindest …« Er hatte eine Tasche in seiner Jacke und leerte den Inhalt mit einer Hand auf den Tisch, den Blick noch immer nach unten in den Hof gerichtet.
Ein Stück Schnur, eine Ahle, ein paar verschrumpelte Eicheln, Nadel und Zwirn in einem erstaunlich weiblichen Nähetui, ein Schiefertafelbuch mit Kreide und ein kleines Stück Käse, und alles voll mit Hafer für sein Pferd.
Adelia nahm den Käse und wischte ihn ab. Es war, als kaute sie auf Harz.
Jetzt, wo sie die Fassung zurückgewonnen hatte, begriff sie allmählich, was geschehen war. Dieser König, dieser aufbrausende König, dieser Mann, der, ob nun mit Absicht oder nicht, die Ritter aufgehetzt hatte, die Erzbischof Becket schließlich in seiner Kathedrale erschlugen, hatte still hinter einem Wandbehang gehockt und schweigend zugehört, ohne sich zu rühren, wie jemand einen Verrat ungeahnten Ausmaßes gestand. Und er war bewaffnet gewesen.
»Warum seid Ihr nicht rausgekommen und habt ihn getötet?«, fragte sie, nicht weil sie sich das gewünscht hätte, sondern weil sie ehrlich wissen wollte, wie er sich dermaßen hatte beherrschen können.
»Wen? Eynsham? Den Freund des Papstes? Legatus maleficus? Danke nein, er wird sterben, aber nicht durch meine Hand. Ich bin aus Schaden klug geworden.«
Er hatte Becket Canterbury gegeben, weil er ihm vertraute, ihn liebte – und von Stund an waren seine Reformen auf Schritt und Tritt behindert worden. Der Mord an dem Juden hassenden, gehässigen und nun heiliggesprochenen Erzbischof hatte die Christenheit gegen ihn aufgebracht. Er hatte überall dafür gebüßt, hatte sich sogar von den Mönchen von Canterbury öffentlich auspeitschen lassen, weil er nur so verhindern konnte, dass das päpstliche Interdikt über das Land verhängt wurde, das Trauungen, Taufen und Bestattung der Toten verbat …
Ja, er konnte jetzt seinen Zorn beherrschen. Eleanor, dem jungen Henry, sogar Eynsham drohte keine Hinrichtung.
Adelia dachte, wie seltsam es doch war, dass sie sich entspannt fühlte, während sie mit einem Mann, der im Augenblick ebenso hilflos war wie sie, oben in einem Turm eingesperrt war, der sich jede Minute in einen lichterloh brennenden Kamin verwandeln konnte.
Er jedoch war nicht entspannt; er trommelte gegen den Fensterpfosten. »Wo bleiben die denn, in Gottes Namen? Verdammt, wenn ich so schnell hier sein kann, wieso können die es dann nicht?«
Weil du sie hinter dir gelassen hast, dachte Adelia. In deiner Ungeduld lässt du alle weit hinter dir, deine Frau, deinen Sohn, Becket, und erwartest dennoch, dass sie dich lieben. Sie sind Menschen unserer Zeit, und du bist es nicht. Du siehst über die Grenzen hinweg, die sie setzen. Du siehst mich als das, was ich bin, und nutzt mich zu deinem Vorteil, du siehst Juden, Frauen, selbst Ketzer als menschliche Wesen und nutzt sie zu deinem Vorteil. Du hast Visionen von Gerechtigkeit, Toleranz, Unerreichbarem. Natürlich kann keiner mit dir mithalten.
Seltsamerweise war der einzige Verstand, den sie mit seinem auf eine Stufe stellte, der von Mutter Edyve. Die Welt glaubte, dass das, was jetzt war, von Dauer wäre, so und nicht anders von Gott gewollt. Folglich konnte es keine Veränderungen geben, ohne ihm zuwiderzuhandeln.
Nur eine sehr alte Frau und dieser ungestüme Mann besaßen die frevlerische Unverschämtheit, den Status quo in Frage zu stellen und zu glauben, die Welt konnte und sollte zum Wohle aller verändert werden.
»Also los«, sagte er. »Wir haben Zeit. Lasst hören. Ihr seid meine Ermittlerin – was habt Ihr herausgefunden?«
»Ihr bezahlt mich aber nicht dafür, Eure Ermittlerin zu sein.« Eine bessere Gelegenheit, das Thema endlich mal anzusprechen, würde sich wohl kaum bieten.
»Ach nein? Ich dachte, doch. Wendet Euch an die Staatskasse. Und nun los, los.« Seine Wurstfinger trommelten auf den Fenstersims. »Lasst hören.«
Also erzählte sie ihm alles von Anfang an.
Der Tod des Talbot aus Kidlington interessierte ihn nicht. »Törichter Junge. Ich schätze, es war der Vetter. Traut nie einem Menschen, der Euer Geld verwaltet … Wolvercote? Bösartige Familie. Alles Rebellen. Meine Mutter hat den Vater an der Brücke von Godstow aufhängen lassen, und ich werde mit dem Sohn ebenso verfahren. Weiter, weiter, nun kommt endlich zum Wesentlichen.«
Er meinte Rosamunds Tod, aber für Adelia war das alles wesentlich, und sie würde ihm nichts davon ersparen. Sie war schlau gewesen, sie war mutig gewesen, und es hatte zu viele Menschenleben gekostet. Er würde alles erfahren. Schließlich bekam er es umsonst.
Sie erzählte unverdrossen weiter, biss dann und wann in den Käse. Der König behielt den Hof im Auge. Der Körper der Frau, die alles in Bewegung gesetzt hatte, lag auf dem Bett und verweste.
Er unterbrach sie. »Wer ist das … Heiliger Strohsack, der klaut mein Pferd. Ich zerreiß ihn in der Luft, ich zerhack ihm die Eingeweide, ich …«
Adelia stand auf und sah nach, wer da das Streitross des Königs stahl.
Aufkommender Nebel verhüllte den Berg und tauchte den Hof unter ihnen in verschwommenes Licht, doch die Gestalt, die das Pferd im Galopp auf den Eingang zum Irrgarten zutrieb, war erkennbar, obwohl sie sich tief über den Pferdehals beugte.
Adelia stieß einen Schrei aus. »Nein, der nicht. Er darf nicht entkommen. Haltet ihn auf, um Gottes willen, haltet ihn auf.«
Aber da war niemand, der ihn hätte aufhalten können. Ein paar von Schwyz’ Männern hatten das Hufgetrappel gehört und rannten Richtung Irrgarten, vergeblich.
»Wer war denn das?«, fragte der König.
»Der Mörder«, antwortete sie. »Warum? Großer Gott, er darf nicht entkommen. Ich will, dass er bestraft wird.« Für Rosamund, für Bertha …
Irgendetwas musste ihn in die Flucht geschlagen haben, wenn er auf die zweite Rate seines heißbegehrten Honorars verzichtete.
Dann zupfte sie den König am Ärmel. »Eure Männer«, sagte sie. »Er muss sie gehört haben. Sie sind hier. Ruft nach ihnen. Sagt ihnen, sie sollen ihn verfolgen. Können sie ihn schnappen?«
»Ich will’s hoffen«, sagte er. »Das ist ein verdammt gutes Pferd.«
Aber wenn Henrys Männer tatsächlich gekommen waren und der Mörder sie gehört und daraufhin beschlossen hatte, sein Geld abzuschreiben, wieso war dann im Hof unten nichts von ihnen zu sehen und zu hören?
Gemeinsam beobachteten Adelia und der König, wie die Verfolger achselzuckend zurückkehrten und in der Küche verschwanden.
»Seid Ihr sicher, dass Eure Männer herkommen?«, fragte sie.