Arri erinnerte sich an das Gespräch mit dem greisen Hohepriester. »Deshalb hat er von dir verlangt, dass du es ihm sagst?«
Lea nickte. »Ja. Und ich hätte den Moment, in dem ich es getan hätte, nicht einmal um einen Atemzug überlebt, so wenig wie du.« Sie ließ sich wieder in die Hocke sinken und rammte das Schwert genau zwischen sich und Arri in den weichen Boden. Ihre rechte Hand lag flach auf dem Knauf. »Ich werde dich lehren, es zu gebrauchen. Es ist nicht einmal so schwer, wenn man das Geheimnis kennt. Aber du darfst es niemals preisgeben, hörst du? Niemandem, ganz gleich, wie sehr du ihm auch vertraust.«
»Das verspreche ich«, sagte Arri, doch ihre Mutter schüttelte den Kopf und machte zugleich eine abwehrende Bewegung.
»Nein«, sagte sie, »versprich nichts vorschnell. Bald wird eine Zeit kommen, in der du andere Menschen triffst, denen du glaubst, vertrauen zu können. Du wirst die Liebe kennen lernen, und das wünsche ich dir von ganzem Herzen. Und doch darfst du nie jemandem das Geheimnis dieses Schwertes verraten.«
Arri begriff erst ganz langsam, wovon ihre Mutter überhaupt sprach - nämlich nicht nur von diesem Schwert und seinem Geheimnis, sondern von einer Zeit, in der sie selbst nicht mehr da sein würde. Aber sie wollte nicht darüber reden. Der Tod gehörte so selbstverständlich zu dem Leben, das sie bisher geführt hatte, dass er kaum noch Schrecken für sie barg, aber das galt nicht für ihre Mutter. Sie würde ewig leben, das war für Arri vollkommen sicher.
»Aber du...«, begann sie, wurde aber sofort wieder mit einem noch heftigeren Kopfschütteln ihrer Mutter unterbrochen.
»Irgendwann wirst du selbst Kinder haben«, sagte Lea. »Eines davon wird eine Tochter sein, und ihr wirst du dein Wissen weitergeben, nur ihr und sonst niemandem. So ist es immer gewesen, und so wird es auch weiter sein.«
»Aber warum sagen wir es nicht einfach allen?«, murmelte Arri. »Wenn das, was Nor und die anderen tun, nur eine Lüge ist, warum erzählen wir es dann nicht allen? Und warum sagen wir ihnen nicht die Wahrheit? Dann hätten sie keinen Grund mehr, dich zu fürchten.«
Lea lächelte, als hätte sie einen dummen, aber verzeihlichen Fehler begangen. »O Arri, glaubst du, du wärest die Erste, die auf diesen Gedanken gekommen ist?« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist unmöglich.«
»Warum?«
»Weil es die Ordnung der Dinge durcheinander bringen würde«, antwortete Lea, womit Arri nicht wirklich etwas anfangen konnte. »Die Menschen brauchen Führer. Sie brauchen jemanden, der ihnen sagt, was sie tun sollen und wann, und was sie nicht tun sollen. Vielleicht wird irgendwann einmal eine Zeit kommen, in der das anders ist, aber heute und jetzt würde es unermesslichen Schaden anrichten, diese alte Ordnung zu zerstören. Das Ergebnis wären Krieg und Leid. Glaub mir. Ich habe es gesehen.«
»Warum bekämpfen wir Nor und die anderen dann?«, wunderte sich Arri.
»Wir bekämpfen ihn nicht«, erwiderte Lea ernst. »Er und die anderen fürchten mich, und deshalb versuchen sie, mich loszuwerden, aber nicht ohne zuvor mein Wissen an sich gebracht zu haben. Und früher oder später wird es ihnen auch gelingen. Aber ihn nicht zu bekämpfen bedeutet nicht, ihn zu unterstützen oder das, was er und die anderen tun, gutzuheißen. Vor langer Zeit waren unsere Vorfahren genau wie die Menschen hier. Wir haben diese Zeit überwunden und es geschafft, das Leben eine Spur erträglicher zu machen - und vielleicht ein wenig gerechter.«
Ihre Stimme wurde leiser, und wieder trat dieser sonderbare Ausdruck von Trauer in ihren Blick. Als sie fortfuhr, schienen die Worte gar nicht so sehr Arri zu gelten, sondern klangen fast wie eine Entschuldigung, die sie für sich selbst benötigte. »Ich habe genau so gedacht wie du, als ich hierher gekommen bin, Arianrhod. Ich dachte, ich brauchte nur hierher zu kommen und den Menschen zu sagen, was sie falsch machen und wie es besser geht. Ich habe mich getäuscht. Du darfst nicht denselben Fehler begehen wie ich. Lass den Dingen ihre Zeit. Wir können den Menschen hier helfen, sich ein wenig schneller zu entwickeln, aber wir können sie nicht zwingen, unzählige Generationen in wenigen Sommern zu überspringen. Und nun...«, sie stand mit einem plötzlichen Ruck auf, und sowohl ihr Gesichtsausdruck als auch ihr Ton änderten sich schlagartig und radikal, »... sag mir, wie lange es noch dauert, bis die Sonne aufgeht.«
Arri hatte Mühe, dem jähen Gedankensprung zu folgen. Völlig verwirrt sah sie zu ihrer Mutter hoch, und ihre Verwirrung wuchs noch, als Lea das Schwert wieder aus dem Boden zog und ihr die Waffe hinhielt, als könne sie die Antwort auf Leas Frage auf dem blanken Metall ablesen. Zögernd hob sie den Blick in den Himmel und suchte nach dem Mond, aber er war noch immer hinter dichten Wolken verborgen.
»Nein«, sagte Lea. »Du sollst es nicht schätzen. Ich will es ganz genau wissen.«
»Aber das ist unmöglich!«, begehrte Arri auf.
»Und wenn ich dir sage, dass es das nicht ist?«, fragte Lea lächelnd. Sie hob das Schwert, deutete mit der freien Hand zuerst in den Sternenhimmel hinauf, dann wieder auf den verzierten Griff. »Sieh her. Ich zeige dir, wie man es macht.«
19
Obwohl es bis Sonnenaufgang noch eine Weile hin war, war an Schlaf in dieser Nacht nicht mehr zu denken; weder für Arri noch für ihre Mutter. Lea hatte ihr nicht gezeigt, wie man den Himmelsstein nutzte, um in Verbindung mit dem genauen Stand von Mond und Sternen den genauen Zeitpunkt zu bestimmen, und ihr auch sonst keine weiteren Geheimnisse des Schwertes offenbart, und obwohl Arri zutiefst enttäuscht darüber gewesen war, war sie doch zugleich fast erleichtert, denn sie bezweifelte, dass sie auch nur noch ein einziges weiteres Wort der Erklärung verstanden hätte. Nun endlich wusste sie um den geheimen Schatz ihrer Mutter, der nicht aus Silber oder Gold bestand oder weiteren prachtvollen Oraichalkos-Perlen, sondern aus etwas viel Wertvollerem, dem Kostbarsten vielleicht überhaupt, was es auf der ganzen Welt gab: Wissen.
Ohne dass eine von ihnen es hätte laut aussprechen müssen, waren sie übereingekommen, nicht bis Sonnenaufgang zu warten, sondern ihren Weg direkt fortzusetzen und so viel Strecke wie möglich gutzumachen. Die beiden Pferde zeigten sich nicht begeistert von der Störung ihrer wohlverdienten Ruhepause und gaben sich störrisch, sodass es Lea etliche Mühe kostete, ihnen die Geschirre wieder anzulegen und sie überhaupt zum Weitergehen zu bewegen. Schließlich aber rollten sie unter der mittlerweile wieder vollkommen geschlossenen Wolkendecke weiter auf den Durchlass zwischen den Bergen zu, und obwohl Arri ein durchaus mulmiges Gefühl dabei hatte, fanden die beiden Tiere auch in der tiefen Dunkelheit sicher ihren Weg.
Sie sprachen kaum ein Wort miteinander, bis die Sonne aufging, aber es war eine vollkommen andere Art des Schweigens als die, die tagsüber zwischen ihnen geherrscht hatte; jeder saß in seine eigenen Gedanken versunken da, doch zugleich war da auch ein Gefühl von tiefem Vertrauen zwischen ihnen, das keiner Worte bedurfte und sie in ein Empfinden von Geborgenheit und Wärme hüllte, und nicht das schuldbewusst-verstockte Schweigen vom Tage. Einmal - kurz vor Sonnenaufgang - fuhr ihre Mutter neben ihr fast unmerklich zusammen. Als Arri den Kopf wandte und sie ansah, reagierte sie nur mit einem sanften Lächeln, und weder ihrer Haltung noch ihrem Gesichtsausdruck war irgendetwas Außergewöhnliches anzumerken; dennoch spürte Arri die Spannung, die plötzlich von ihr Besitz ergriffen hatte, und auch die kleinen, verstohlenen Blicke aus den Augenwinkeln, mit denen sie ihre Umgebung abtastete, entgingen ihr keineswegs.
Sie hatte etwas gehört. Etwas, das nicht hierher gehörte. Auch in Arri machte sich Unruhe breit, doch nur für einen Augenblick; dann beruhigte sie sich selbst mit dem Gedanken, dass es wahrscheinlich nur ein Tier gewesen war, das das Geräusch der Pferdehufe oder das Knarren und Quietschen des Wagens in seiner Nachtruhe gestört hatte - vielleicht auch Dragosz, denn der Fremde hatte ihr ja gesagt, dass er in ihrer Nähe bleiben würde, um auf sie und ihre Mutter Acht zu geben.