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Und schließlich stand sie Nor selbst gegenüber. Einer der beiden Männer hinter ihr legte ihr die Hand auf die Schulter, damit sie stehen blieb, aber das wäre gar nicht nötig gewesen. Arri erstarrte mitten in der Bewegung, als sie sich dem Herrn von Goseg gegenüber sah, und für einen Atemzug spülten der aufflammende Zorn und die Wut ihre Furcht einfach davon. Nor - sie erkannte auch sein Gesicht nur schemenhaft, denn auch der hintere Teil des Hauses war unzureichend beleuchtet, was Arri mittlerweile aber nicht mehr für einen Zufall hielt - saß nicht etwa auf dem Boden, wie sie erwartet hatte, sondern hatte auf einem hochlehnigen Stuhl mit geflochtenen Arm- und Rückenlehnen Platz genommen, den Arri nur zu gut kannte.

Es war der Korbstuhl ihrer Mutter. Offensichtlich hatte er ihn aus ihrem Haus bringen und hier aufstellen lassen. Es war nur ein Möbelstück, kostbar vielleicht, aber nichts gegen das, worum es hier wirklich ging, und doch versetzte der Anblick Arri für einen Moment in einen solch rasenden Zorn, dass sie sich am liebsten auf den greisen Schamanen gestürzt und mit Fäusten auf ihn eingeschlagen hätte.

Gottlob verrauchte ihr Zorn fast ebenso schnell, wie er aufgelodert war, sonst hätte sie möglicherweise wirklich etwas sehr Dummes getan; wobei sie mehr und mehr das ebenso ungute wie sichere Gefühl hatte, dass es absolut keine Rolle spielte, was sie tat oder sagte - oder auch nicht. Sie lenkte sich selbst damit ab, dass sie den Blick von dem Stuhl losriss, auf dem der Hohepriester saß, und ihre Aufmerksamkeit stattdessen dem Rest der regelrechten Versammlung zuwandte, die sie hier erwartete.

Rechts und links von Nors gestohlenem Thron saßen seine beiden jüngeren Frauen, keine davon auch nur einen Tag älter als Arri und beide ausgesprochen hübsch, wahre Schönheiten mit glatten, runden Gesichtern und kräftigen Gliedern und Leibern, denen man ansah, wie wohlgenährt sie waren. Keines dieser Mädchen wusste wahrscheinlich auch nur, was das Wort Hunger bedeutete (zumindest, seit Nor sie zu sich genommen hatte), doch Arri hatte auf dem Weg hierher in genug schmale, ausgezehrte Gesichter geblickt, um zu wissen, woher all das gute und reichhaltige Essen stammte, dem sie ihr gesundes Äußeres verdankten, und obwohl es wahrscheinlich der unpassendste aller Momente überhaupt war, erschienen in diesem Augenblick von ihrem inneren Auge ein paar sehr drastische Bilder, mit denen ihre Phantasie sich auszumalen versuchte, welche Gegenleistung dieser grausame alte Mann dafür verlangte; und sie fragte sich, ob ein stets voller Magen und der Platz an einem Feuer, das niemals erlosch, diesen Preis wirklich wert waren.

Fast als hätte sie ihre Gedanken gelesen, und vielleicht waren sie ja auch deutlich auf ihrem Gesicht zu erkennen, hob eine der jungen Frauen den Kopf und sah sie an. In ihren Augen blitzte etwas wie Trotz auf, dann blanker Zorn, den Arri sich zwar nicht erklären, den sie ebenso wenig aber auch wegleugnen konnte.

Hastig riss sie den Blick vom Gesicht der jungen Frau los und wollte einen halben Schritt zurückweichen, wurde aber von den beiden hinter ihr stehenden Männern daran gehindert. Obwohl sie nicht einmal eine Bewegung gemacht hatte, um Widerstand zu leisten oder gar wegzulaufen, ergriffen die Krieger sie nun an den Oberarmen und hielten sie fest.

»Arianrhod«, begann Nor. Der ungewohnte Name kam ihm nur schwer über die Lippen, und er sprach ihn noch dazu falsch aus, aber Arri war trotzdem beunruhigt. Woher kannte Nor ihren wirklichen Namen? Von ihrer Mutter ganz bestimmt nicht. Sie warf Rahn, der ein Stück links vom Priester und hinter ihm stand, einem ebenso fragenden wie vorwurfsvoll Blick zu, bekam aber nur ein angedeutetes Schulterzucken zur Antwort. Von mir nicht. Sie glaubte ihm.

»Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!«, sagte Nor scharf. Einer der Männer, die Arri hielten, verlieh seinem Befehl unaufgefordert Nachdruck, indem er den Druck auf ihren Oberarm so verstärkte, dass es wehtat, und Arri wandte sich hastig wieder dem Schamanen zu.

Nors tief in den Höhlen liegende Augen loderten vor Zorn, und auf seinem von Falten zerfurchten, vollkommen haarlosen Gesicht zeichnete sich ein noch viel größerer, brodelnder Zorn ab, eine Wut, die ganz gewiss nicht nur aus seinem Ärger darüber stammte, dass sie unverschämt genug war, nicht nur ihn anzusehen und bei seinem bloßen Anblick vor Ehrfurcht auf die Knie zu sinken. Erst jetzt, als Arri ihm direkt ins Gesicht sah, fiel ihr auf, wie sehr sich der Schamane seit ihrem letzten Treffen verändert hatte. In dem schwachen Licht und dem verwirrenden Spiel von Helligkeit und Schatten, das die Fackeln erzeugten, wirkte er deutlich gealtert, das jedoch nicht auf die Art, die man im Allgemeinen mit Begriffen wie Weisheit, Erfahrung oder gar Güte in Verbindung brachte, sondern ganz im Gegenteil auf eine harte, grausame Art.

Widerwillig musste sich Arri eingestehen, dass Nor tatsächlich Macht ausstrahlte, wenn auch jene Art von Macht, die aus Furcht und dem Wissen erwuchs, wozu dieser Mann fähig war, und nicht aus Ehrfurcht oder gar Vertrauen. Er trug auch jetzt wieder seinen mit bunten Federn und Fell geschmückten Umhang, der aber trotz der hier drinnen herrschenden Kälte offen stand, sodass man seine magere Brust sehen konnte. Um den Hals trug er eine Kette aus Bärenklauen und -fängen und den Hauern von Wildschweinen, die bei jedem anderen Mann seines unübersehbaren Alters einfach nur angeberisch gewirkt hätte, in Verbindung mit Nors trotz allem immer noch beeindruckender Gestalt aber nicht. Niemand wusste genau, wie alt Nor war, doch er wirkte selbst im Sitzen noch einschüchternd, und auch Arri, die nun wirklich keinen Grund hatte, gut über ihn zu denken, zweifelte nicht daran, dass er all diese Tiere, deren Zähne und Klauen er nun als Trophäen um den Hals trug, selbst erlegt hatte, als er noch jünger gewesen war.

Auch jetzt hatte er wieder seinen Stock bei sich, einen mannlangen Stab ganz ähnlich dem, den auch Sarn als Zeichen seiner Würde mit sich zu führen pflegte, den er aber nun fast nachlässig gegen die hohe Lehne des Stuhles gelegt hatte. Zusammen mit dem - ob nun gestohlenen oder nicht - Thronsessel, seinem barbarischen Kopfschmuck und der unnahbaren Härte in seinen Augen verlieh er der schmalen Gestalt des Schamanen eine Ausstrahlung von Macht, die Arri beinahe körperlich spüren konnte. Das Wort dieses Mannes war Gesetz, und schon die Bewegung seines kleinen Fingers reichte aus, um über Leben und Tod zu entscheiden. Und sie bildete sich ein, sich ihm widersetzen zu können? Lächerlich!

Arri spürte gerade noch im letzten Moment, wie nahe sie daran war, nun ebenfalls Nors Ausstrahlung zu erliegen, und gemahnte sich in Gedanken zur Vorsicht. Dass sie im Grunde sehr genau wusste, dass Nor diese Ausstrahlung bewusst aufgebaut hatte und mit großer Sorgfalt hütete und pflegte und dass sich hinter dieser Ausstrahlung vermeintlicher Macht und Allwissenheit nichts anderes als ein boshafter, gieriger alter Mann verbarg, änderte nichts daran, dass sie ihre Wirkung tat. Sie musste auf der Hut sein. Vielleicht hatte sie noch eine ganz geringe Aussicht, mit dem Leben davonzukommen, aber wenn, dann nur, wenn sie einen klaren Kopf behielt.

Arri straffte sich, reckte trotzig das Kinn vor und sah dem Schamanen so fest in die Augen, wie sie nur konnte. Der Zorn in Nors Blick loderte noch heller und verschwand dann, um einem Ausdruck kalter Verachtung Platz zu machen. Trotzdem hatte der winzige Moment gereicht, Arri endgültig klarzumachen, auf welch dünnem Eis sie sich bewegte. Sie wusste nicht genau, was Nor von ihr wollte. Sie wusste ja nicht einmal genau, warum sie überhaupt hier war, doch allein die große Anzahl von Menschen, die Nor zusammengerufen hatte, und die Krieger, die sie hielten, machten ihr klar, dass er nicht einfach nur mit ihr reden wollte. Viel mehr begriff sie plötzlich, dass sie Teil eines sorgsam vorbereiteten und für Nor zweifellos sehr wichtigen Rituals war, in dem sie eine ebenso wichtige Rolle spielte.