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Tally stand fast fünf Minuten vollkommen reglos da und blickte in die Höhe, ohne auch nur einen einzigen Bewohner dieses tödlichen Waldes wirklich zu erkennen.

Aber sie begriff, daß dieser Wald kein Wald war, sondern nichts anderes, als ein einziger großer Magen - das Leben rings um sie herum war ein unablässiges Fressen und Gefressen werden, eine Orgie des Tötens, in der es aus irgendeinem Grunde eine sehr schmale, ruhige Zone gab, in der sie standen.

»Begreifst du nun?« fragte Karan, als sie sich endlich wieder von dem bizarren Anblick löste.

Tally nickte.

»Aber ich nicht«, sagte Angella. Karan und Tally sahen sie fragend an, und Angella deutete mit einer fast zornigen Kopfbewegung in die Tiefe. »Du hast behauptet, dort unten wäre kein Leben«, fuhr sie fort. »Dann erklär' mir, was das ist.«

Als Tally auf den Drachen herabsah, begriff sie, was Angella meinte. Sie war absolut sicher, daß das tote Ungeheuer vor wenigen Minuten noch vollkommen reglos dagelegen hatte. Jetzt hatte sich der Anblick vollkommen verändert.

Der Drache bewegte sich. Genauer gesagt, dachte Tally schaudernd - etwas in ihm bewegte sich, kroch unter seiner Haut entlang, ließ längst erstarrte Muskeln noch einmal zucken, das gewaltige Maul sich noch einmal öffnen und wieder schließen...

Angeekelt wandte sie sich ab.

»Das ist kein Leben«, sagte Karan ruhig. »Es sieht nur so aus.«

»So?« Angellas Stimme war sehr scharf. Sie sah jetzt wieder aus wie ein zorniges Kind. »Dann erklär mir, was es ist. Wovor -«

»Karan kann dir nichts erklären, was er selbst nicht weiß«, unterbrach sie Karan hart. »Du kannst hierbleiben, wenn du willst. Karan jedenfalls wird gehen. Er kennt einen Ort, nicht weit von hier, wo ihr sicher seid.«

Er wollte sich umdrehen und gehen, aber Angella riß ihn grob zurück. Karans Lippen zuckten vor Schmerz, als sie seinen gebrochenen Arm berührte.

»Du wirst jetzt stehenbleiben und antworten!« schrie sie. »Du -«

Tally schlug ihre Hand herunter. »Laß das!« sagte sie warnend. »Wir haben andere Sorgen, als uns gegenseitig an die Kehle zu gehen!« Sie schüttelte den Kopf, seufzte, und fügte etwas ruhiger hinzu: »Was ist los mit dir? Warum bist du so aggressiv? Hast du Angst?«

Angella schnaubte. »Warum fragst du das nicht Karan?« Sie machte eine Ärgerliche Handbewegung. »Was bist du, Liebling? Einfach nur naiv, oder auch dumm? Du hast diesen verdammten Wald gesehen, oder?«

»Und?« fragte Tally. Sie verstand in diesem Moment wirklich nicht, worauf Angella hinauswollte.

»Und?« äffte Angella ihre Frage nach und zog eine Grimasse. »Und? Und? Zum Teufel, Tally, dieser Wald ist kein Wald, sondern ein einziges großes Maul, das nichts anderes tut als Fressen.«

»Das ist mir aufgefallen«, sagte Tally ärgerlich.

»Und mir ist aufgefallen, daß wir noch leben«, erwiderte Angella. »Findest du es nicht auch komisch, daß wir seit einem halben Tag durch diese Hölle marschieren und noch nicht einmal von einer Mücke gestochen worden sind?« Sie spie aus, trat ein Stück zurück und funkelte Karan zornig an. »Irgend etwas stimmt hier nicht!« behauptete sie. »Entweder mit diesem Wald, oder mit unserem sogenannten Führer!«

»Wäre es dir lieber, wir wären schon aufgefressen worden?« fragte Tally. Aber der spöttische Ton, den ihre Worte verlangten, wollte ihr nicht recht gelingen. Angellas Worte hatten sie mehr getroffen, als sie zugeben wollte - für einen Moment fragte sie sich, wieso sie selbst nicht schon längst auf den gleichen Gedanken gekommen war.

»Dann wüßte ich wenigstens, woran wir sind«, murrte Angella. »Ach zum Teufel, hätte ich dich doch nie getroffen. Oder dir gleich die Kehle durchgeschnitten«, fügte sie böse hinzu.

»Du hast es versucht, oder?« erwiderte Tally.

Angella zog eine Grimasse, fuhr auf der Stelle herum und entfernte sich ein paar Schritte, blieb aber stehen, ehe sie vollends außer Sicht kommen konnte.

»Es... tut mir leid«, sagte Tally langsam, zu Karan gewandt. »Sie ist nervös.«

Karan nickte. »Aber sie hat recht«, sagte er. »Karan hat sich schon gefragt, wie lange es dauert, bis ihr es merkt.«

Er versuchte zu lächeln, aber irgendwie gelang es ihm nicht richtig. »Auch Karan hat sich diese Frage gestellt, beim ersten Mal. Und auch er hat keine Antwort gefunden.« Er machte ein weit ausholende Handbewegung.

»Dieser Bereich des Waldes ist sicher. Frag Karan nicht, warum es so ist. Es ist einfach so.«

Er log. Tally konnte nicht sagen wieso, aber sie wußte mit unerschütterlicher Sicherheit, daß er log, im gleichen Moment, in dem sie die Worte hörte. Er log, oder zumindest verschwieg er ihr etwas, etwas Wichtiges.

Aber sie sprach nichts von alledem aus, sondern zwang sich zu einem neuerlichen, um Vergebung heischenden Lächeln. Dann deutete sie auf Karans Arm.

»Tut es sehr weh?«

»Ja«, sagte Karan. »Aber Schmerz bedeutet nichts. Er ist gut. Er sagt uns, daß wir leben.«

»Du solltest Hrhon nach deinem Arm sehen lassen«, sagte Tally. »Er versteht sich auf das Versorgen von Wunden.« Sie lächelte. »Mich hat er schon mehr als einmal zusammengeflickt.«

»Das ist nicht nötig.« Karan wich ein ganz kleines Stück von ihr zurück und legte die Hand auf den verletzten Arm. »Karan wird sterben, so oder so. Aber vorher wird er euch hier herausbringen.«

»Unsinn«, widersprach Tally gereizt. »Hör endlich auf, von nichts anderem als dem Tod zu reden, du alter Schwachkopf. Wir schaffen es schon.«

Sie fühlte sich hilflos. Ihre Gereiztheit war nicht echt, sondern nur Ausdruck der tiefen Betroffenheit, mit der sie Karans Worte erfüllte. Und er schien es zu spüren, denn als Antwort auf ihre scharfen Worte lächelte er plötzlich.

»Was schreckt dich so an dem Gedanken, sterben zu müssen?« fragte er. »Karan hat es immer gewußt. Er wußte, daß er den Tod finden würde, wenn er hierher zurückkehrt. Er ist dem Schlund einmal entwischt, aber niemand bekommt eine zweite Chance.«

»Hast du... dich deshalb geweigert, uns zu führen?« fragte Tally.

Karan nickte. »Euch und andere, ja. Aber du mußt dir nichts vorwerfen - es ist gut, so wie es gekommen ist.«

»Was ist gut daran, zu sterben?«

»Manchmal ist es besser«, erwiderte Karan. »Du wirst Karans Worte verstehen, wenn du gelernt hast, den Schlund zu verstehen, Tally. Du -«

Angella stieß einen erschrockenen Laut aus.

Tally fuhr herum, die linke Hand auf dem Schwert, die andere auf dem Griff des Lasers. Aber es gab nichts, wogegen sie die eine oder andere Waffe hätte ziehen können. Keines von all den Alptraummonstern, deren Bilder ihre überreizte Phantasie ihr in dem Sekundenbruchteil vorgaukelte, ehe sie sich zu Angella herumgedreht hatte, war wirklich da - das Mädchen mit dem Narbengesicht stand da, die rechte Hand ausgestreckt und auf den toten Drachen gerichtet. Ihre Lippen zitterten.

»Was ist los?« fragte Tally alarmiert. Angella reagierte nicht, sondern starrte weiter in die Tiefe. Ihre Augen waren unnatürlich weit und dunkel vor Furcht.

»Verdammt noch mal - was ist passiert?!« schrie Tally.

Wütend trat sie auf Angella zu und riß sie an der Schulter herum. »Rede!« befahl sie.

»Es... es war...« Angella atmete hörbar ein, streifte Tallys Hand ab und suchte Zuflucht in einem unsicheren Lächeln. »Für... für einen Moment dachte ich, ich hätte etwas gesehen« sagte sie.

»Etwas?« Tally hob zweifelnd die linke Augenbraue.

Wenn Angella vor Schrecken die Beherrschung verlor und aufschrie, dann hatte sie ganz entschieden mehr als etwas gesehen. »Zum Teufel, Angella - was hast du gesehen?« fragte sie scharf. »Was war es?«

»Ich... ich dachte, es wäre... Weller«, stammelte Angella.