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„Los, aufstehen“, wurde er plötzlich aufgefordert. „Wir reiten weiter.“

Jasons Beine waren noch immer wie gelähmt. Der Wilde schnaubte verächtlich, half ihm auf die Füße und ließ ihn neben der Tür stehen. Jason hielt sich mühsam aufrecht und sah sich neugierig um.

Dies war das erstemal, daß er wieder auf einer Farm war, seit er von zu Hause fortgelaufen war. Nun befand er sich auf einer anderen Welt mit einer anderen Ökologie, aber eine gewisse Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Ein frisch gesätes Feld erstreckte sich bis an den Rand des Urwaldes. Es war offensichtlich von einem guten Farmer umgepflügt worden, denn die Furchen verliefen gleichmäßig, obwohl der Boden geringfügig abfiel. Neben der Steinhütte erhob sich ein etwas größeres Gebäude — vermutlich der Stall.

Als ein Schnüffeln hinter ihm ertönte, drehte Jason sich um und erstarrte. Seine Hand griff nach der fehlenden Pistole und sein Zeigefinger betätigte den imaginären Abzug.

Es war aus dem Dschungel gekommen und hatte sich leise an ihn herangeschlichen. Es hatte sechs Beine mit langen Klauen, die sich in die weiche Erde eingruben. Der zwei Meter lange Körper war mit verfilztem schwarzem Pelz bedeckt, aber die Schultern und der massige Schädel waren durch Hornplatten geschützt. Jason erkannte alle diese Einzelheiten, weil das Tier so nah hinter ihm stand.

Er wartete auf den Tod.

Das Tier öffnete seinen Rachen und zeigte dabei eine Doppelreihe nadelspitzer Reißzähne.

„Hierher, Fido“, rief der bärtige Wilde in diesem Augenblick neben Jason und stieß gleichzeitig einen leisen Pfiff aus. Die Bestie setzte sich gehorsam in Bewegung, strich an Jason vorbei und rieb den Kopf gegen die Beine des Bärtigen. „Braver Hund“, sagte der Mann und kraulte das Tier an der Stelle, an der der Hornpanzer in Fell überging.

Der Wilde hatte zwei gesattelte und gezäumte Reittiere aus dem Stall geführt. Jason nahm kaum wahr, daß sie ein glattes Fell und lange Beine hatten, als er sich in einen Sattel schwang. Seine Füße wurden an die Steigbügel gebunden. Als sie aufbrachen, lief das sechsbeinige Ungetüm hinter ihm her.

„Braver Hund!“ sagte Jason und mußte unwillkürlich lachen. Der Wilde drehte sich im Sattel nach ihm um und warf ihm einen wütenden Blick zu, bis er endlich wieder schwieg.

Als sie den Urwald erreichten, war es bereits dunkel geworden. Der Wilde trug keine Laterne, aber die Tiere schienen den Weg zu kennen. Jason war überrascht, wie wenig ihn die Tierschreie störten, die ständig von allen Seiten ertönten. Vielleicht fühlte er sich durch die unbekümmerte Art seines Führers beruhigt — oder sogar durch die Gegenwart des ›Hundes‹.

Jason wurde durch die gleichmäßigen Bewegungen des ›Pferdes‹ und vor allem wegen der vorhergegangenen Anstrengungen so müde, daß er im Sattel einschlief. Als er wieder aufwachte, sah er einen Lichtschein vor sich. Der Ritt war zu Ende.

Wieder hatte er jedes Gefühl in den Beinen verloren und wäre fast gestürzt, als er absteigen wollte. Der Wilde begleitete ihn bis an die offene Tür und schob ihn wortlos hinein. Jason mußte sich erst an die Helligkeit gewöhnen, bevor er den Mann in dem Bett vor sich erkannte.

„Kommen Sie näher und setzen Sie sich.“ Die Stimme klang kräftig und befehlsgewohnt. Aber der Körper war der eines Schwerkranken. Die Haut des Mannes war über und über mit rötlichen Geschwüren bedeckt und hing lose über seine Knochen. Der Mann schien nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen.

„Kein hübscher Anblick“, sagte der Kranke, „aber ich habe mich daran gewöhnen müssen.“ Sein Tonfall änderte sich plötzlich. „Naxa behauptet, Sie kämen von einem anderen Planeten. Stimmt das?“

Als Jason zustimmend nickte, wurde das Skelett fast lebendig. Der Kopf hob sich und die trüben Augen suchten verzweifelt Jasons Gesicht.

„Ich heiße Rhes und bin ein… Grubber. Wollen Sie mir helfen?“

Jason wunderte sich über den bedeutungsvollen Tonfall dieser Frage, der in keinem Verhältnis zu ihrem Inhalt stand. Trotzdem beschränkte er sich auf die Antwort, die ihm sofort auf der Zunge gelegen hatte.

„Ich bin Ihnen selbstverständlich gern in jeder Weise behilflich — sofern diese Hilfe niemand anderem Schaden zufügt. Was kann ich für Sie tun?“

Der Kranke hatte erschöpft den Kopf sinken lassen, während Jason sprach. Aber das Feuer in seinen Augen war nicht erloschen.

„Sie können ganz beruhigt sein — ich will keinem Menschen schaden“, sagte Rhes. „Ganz im Gegenteil. Wie Sie sehen, leide ich an einer Krankheit, die mit unseren Medizinen nicht zu heilen ist. Eigentlich müßte ich in wenigen Tagen sterben. Aber ich habe gehört, daß die… Stadtmenschen… ein Gerät besitzen, das sie nur auf Wunden oder Bisse zu drücken brauchen. Haben Sie eine dieser Maschinen?“

„Das kann nur ein Medikasten sein“, sagte Jason und löste seinen vom Gürtel. „Ich habe meinen hier. Er analysiert und behandelt fast alle…“

„Würden Sie ihn bei mir anwenden?“ unterbrach Rhes ihn drängend.

„Tut mir leid“, sagte Jason. „Ich hätte selbst auf diese Idee kommen müssen.“ Er trat an das Bett und drückte den Kasten gegen die Brust des Kranken. Eine Lampe leuchtete auf, drei Nadeln drangen nacheinander in die Haut ein. Dann verlosch die Lampe wieder.

„War das alles?“ erkundigte Rhes sich, als Jason den Medikasten wieder an seinem Gürtel befestigte.

Jason nickte und sah erst dann die Tränenspuren auf den eingefallenen Wangen des anderen. Rhes fuhr sich ärgerlich mit der Hand über das Gesicht.

„Wenn man krank ist, hat man den Körper nicht mehr in der Gewalt“, meinte er entschuldigend. „Ich habe seit meiner Kindheit nicht mehr geweint — aber Sie müssen sich vor Augen halten, daß ich nicht meinetwegen geweint habe. Sondern wegen der Tausende von Menschen, die sterben mußten, weil sie das kleine Gerät nicht hatten, mit dem Sie so selbstverständlich umgehen.“

„Aber bei Ihnen gibt es doch bestimmt Ärzte?“

„Kräuterdoktoren und Zauberdoktoren“, antwortete Rhes mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Beide taugen nichts, obwohl die Zaubersprüche oft besser als die Kräuter wirken.“

Das Sprechen hatte Rhes erschöpft. Er schwieg plötzlich und schloß die Augen. Die roten entzündeten Stellen auf seiner Brust wurden allmählich blasser, als die Spritzen zu wirken begannen. Jason sah sich in dem Raum um, weil er hier einen Schlüssel zu dem Geheimnis dieser Menschen zu finden hoffte.

Der Fußboden und die Wände bestanden aus schweren Balken. Das Holz wirkte einfach und roh, wie man es bei Wilden zu sehen erwartet hätte. Oder war es vielleicht doch nicht so roh? Jason betrachtete die Wand genauer und stellte fest, daß die auffällige Maserung durch eine dünne Wachsschicht hervorgehoben wurde. Sah das Wilden ähnlich — oder künstlerisch veranlagten Menschen, die das Beste aus einfachen Materialien zu machen suchten? Jedenfalls war das polierte Holz wirkungsvoller als die eintönig gestrichenen Metallwände aller Gebäude der Stadt.

Jason wußte, daß diese Menschen Wilde waren. Sie kleideten sich in Felle und drückten sich — wenigstens im Umgang mit ihm — fast primitiv aus, wenn Naxa als Beispiel gelten konnte. Rhes hatte selbst zugegeben, daß er die Zauberdoktoren anderen Ärzten vorzog. Aber selbst wenn das alles wahr war, wie ließ sich dann das Funkgerät erklären? Oder die leuchtende Zimmerdecke, die den Raum mit Licht erfüllte?

Rhes öffnete die Augen und starrte Jason an, als habe er ihn nie zuvor gesehen. „Wer sind Sie?“ fragte er. „Und was wollen Sie hier?“

In seiner Stimme lag eine kalte Drohung, und Jason verstand weshalb. Die Stadtbewohner haßten die ›Grubber‹, aber dieses Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit. Naxas Axt hatte diese Tatsache hinlänglich bewiesen. Auch jetzt stand Naxa wieder hinter Jason und hielt die Axt in der Hand. Jason wußte, daß er seines Lebens erst wieder sicher war, wenn er eine befriedigende Antwort gegeben hatte.