»Das wird leider nicht gehen«, erwiderte sie schließlich mit ausdrucksloser Stimme.
Zu ihrer klammheimlichen Freude sah sie so etwas wie Fassungslosigkeit über Schwester Siomhas Antlitz huschen.
Fidelma wandte sich um und schloß sich den anderen Nonnen an.
»Wie bitte, Schwester?« Siomhas Stimme war eine Spur lauter geworden und klang verdrossen, während sie Fidelma zögernd einen Schritt folgte.
Fidelma blickte über die Schulter.
»Ich kann Euch heute mittag empfangen. Ihr findet mich im Gästehaus.« Fidelma setzte ihren Weg fort, bevor Schwester Siomha antworten konnte.
Die Äbtissin eilte ihr gleich darauf hinterher und schloß sich ihr an. Sie war etwas außer Atem geraten.
»Ich verstehe nicht, Schwester«, sagte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Ich dachte, Ihr hättet gestern abend den Wunsch geäußert, mit meiner Verwalterin zu sprechen.«
»Das möchte ich auch, Mutter Oberin«, erwiderte Fidelma. »Doch habe ich, wie Ihr Euch sicher erinnern werdet, Adnar versprochen, heute früh mit ihm die Morgenmahlzeit einzunehmen. Die Sonne ist bereits aufgegangen, und ich muß sehen, wie ich zu seiner Festung übersetzen kann.«
Draigen blickte mißbilligend drein.
»Ich glaube nicht, daß Euer Besuch bei Adnar notwendig ist. Diese Angelegenheit fällt nicht in seine Zuständigkeit, und dafür danke ich Gott.«
»Warum das, Mutter Oberin?« erkundigte sich Fidelma.
»Weil er ein boshafter, gehässiger Mann ist und zu jeder Verleumdung fähig.«
»Meint Ihr Verleumdungen Eurer Person?«
Äbtissin Draigen zuckte die Achseln.
»Ich weiß es nicht, und ich mache mir auch nichts daraus. Adnars Geschwätz interessiert mich wenig. Aber ich glaube, er kann es kaum erwarten, Euch seinen Klatsch und Tratsch mitzuteilen.«
»Ist er deshalb bei der Ankunft von Ross’ Schiff mit Euerm Boot um die Wette gefahren?«
»Warum denn sonst? Er ist bestimmt gekränkt darüber, daß er als bo-aire, als Friedensrichter in dieser Angelegenheit nichts zu sagen hat. Er hätte gern Macht über unsere Gemeinschaft.«
»Warum das?«
Äbtissin Draigen schürzte zornig die Lippen.
»Weil er eitel ist, darum. Er liebt sein kleines bißchen Autorität.«
Fidelma blieb plötzlich stehen und musterte eingehend das Gesicht der Äbtissin.
»Adnar ist Häuptling in diesem Gebiet. Seine Festung liegt genau am anderen Ufer der Meerenge, und deshalb muß die Gemeinschaft Abgaben an ihn entrichten. Dennoch spüre ich eine große Feindseligkeit zwischen der Abtei und Adnar.«
Fidelma war bemüht, das Problem nicht mit der Person der Äbtissin gleichzusetzen.
Äbtissin Draigen errötete.
»Ich habe keinen Einfluß auf Eure Gedanken, Schwester, oder auf Eure Deutung der Dinge, die Ihr hier seht.« Sie wollte sich gerade abwenden, hielt jedoch inne. »Wenn Ihr vorhabt, heute mit Adnar das Morgenmahl einzunehmen, steht Euch ein langer Fußmarsch bevor, am Ufer entlang bis zu der Landzunge, auf der seine Festung steht. An unserem Kai ist jedoch ein kleines Boot festgemacht, das Ihr benutzen könnt, wenn Ihr wollt. Es dauert nur zehn Minuten, von dort über die Bucht zu rudern.«
Fidelma wollte ihr gerade danken, da war die Äbtissin schon verschwunden.
Äbtissin Draigen hatte recht: es war eine kurze, angenehme Überfahrt, vorbei an der Mündung des kleinen Flusses, der sich in die Meerenge ergoß - genau zwischen der Landzunge, auf der die Abtei errichtet worden war, und dem kahlen Felsvorsprung, auf dem die runde, aus Stein erbaute Festung Adnars stand. Wie hatte Ross sie genannt? Die Festung der Kuh-Göttin -Dun Boi. Fidelma konnte nicht umhin, die Weitsicht ihrer Erbauer zu bewundern, denn der Vorsprung, auf dem sie errichtet war, beherrschte nicht nur die offene Durchfahrt zum Meer, sondern die gesamte Meerenge mit ihrer Breite von mehreren Meilen. Die Wälder auf dem Felsvorsprung waren gerodet worden, so daß man einen ungehinderten Blick über die Bucht hatte, und nach den Holzgebäuden zu urteilen, die hinter den grauen Granitmauern sichtbar wurden, waren die gefällten Bäume beim Bau der Festung sinnvoll genutzt worden.
Als Fidelma über die seichte Bucht ruderte, hörte sie Rufe. Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter und sah eine dunkle Gestalt auf der Festungsmauer und eine zweite Gestalt, die davonrannte. Ihre Ankunft war offensichtlich bemerkt worden und wurde Adnar nun unverzüglich gemeldet.
Tatsächlich, als Fidelma mit ihrem kleinen Boot längsseits des hölzernen Piers unterhalb der Festung anlegte, stand dort Adnar höchstpersönlich mit einigen seiner Krieger, um sie willkommen zu heißen. Er verbeugte sich lächelnd und war die Höflichkeit selbst, während er ihr aus dem Boot half.
»Willkommen, Schwester. War die Überfahrt nicht anstrengend?«
Fidelma erwiderte sein Lächeln.
»Überhaupt nicht. Es ist nur eine kurze Entfernung«, fügte sie, auf das Offensichtliche verweisend, hinzu.
»Ich dachte, ich hätte heute morgen eine Totenglocke läuten hören?« Die Bemerkung war eher als Frage formuliert.
»In der Tat, das habt Ihr«, bestätigte Fidelma. »Es war die Totenmesse für den Leichnam, der gefunden wurde.«
Adnar wirkte verblüfft.
»Soll das heißen, daß Ihr die Identität der Toten festgestellt habt?«
Fidelma schüttelte den Kopf. Für einen kurzen Moment fragte sie sich, ob im Tonfall des Häuptlings nicht eine Spur Besorgnis mitgeschwungen hatte.
»Die Äbtissin kam zu dem Schluß, daß die Tote ohne Namen beerdigt werden sollte. Hätte sie noch länger gezögert, wäre daraus eine Gefahr für die Gesundheit der Gemeinschaft entstanden.«
»Eine Gefahr?« Adnar schien eine Weile mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, doch dann begriff er, was sie meinte. »Ah, ich verstehe. Also seid Ihr in der Angelegenheit bisher noch zu keinen Schlußfolgerungen gelangt?«
»Nein.«
Adnar drehte sich um und wies mit der Hand den kurzen Pfad hinauf, der vom Pier zu einem kleinen Holztor in der grauen Festungsmauer führte.
»Laßt mich vorausgehen, Schwester. Ich freue mich, daß Ihr gekommen seid - ich war mir gar nicht so sicher.«
Fidelma runzelte die Stirn.
»Ich sagte Euch doch, daß ich heute das Morgenmahl mit Euch einnehmen würde. Und was ich verspreche, das halte ich auch.«
Der großgewachsene, schwarzhaarige Häuptling breitete entschuldigend die Arme aus, als er beiseite trat, um sie als erste durch das Tor gehen zu lassen.
»Ich wollte Euch nicht beleidigen, Schwester. Es ist nur so, daß Äbtissin Draigen mich nicht gerade liebt.«
»Das kann ich seit gestern höchstpersönlich bezeugen«, erwiderte Fidelma.
Adnar schritt eine kurze Steintreppe hinauf zu einem großen Holzgebäude aus mächtigen Eichenbalken. Die Flügeltüren waren mit Schnitzereien reich verziert. Die beiden Krieger, die sie unauffällig begleitet hatten, bezogen jetzt am Fuß der Treppe Posten, während Adnar die Tür aufstieß.
Der Anblick, der sich Fidelma zur Begrüßung bot, verschlug ihr fast den Atem. Adnars Festsaal war gut geheizt, in einer großen Feuerstelle prasselte ein riesiges Feuer. Der ganze Raum war reich geschmückt und weitaus prunkvoller, als sie das bei einem einfachen bo-aire, einem Kuh-Häuptling ohne Landbesitz, erwartet hätte. Das Gebäude bestand überwiegend aus Eiche, doch die Wände waren mit Paneelen aus poliertem Eibenholz getäfelt. Überall hingen brünierte Schutzschilde aus Bronze und Silber zwischen kostbaren Wandteppichen aus aller Herren Länder. Es gab sogar mehrere Büchertaschen sowie ein Lesepult, um die Bücher zu lesen. Felle von Ottern, Hirschen und Bären lagen auf dem Boden verstreut. Ein runder Tisch war bereits für das Mahl gedeckt, überladen mit Früchten, Fleisch und Käse und mit Krügen voll Wasser und Wein.